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Dienstag, 13.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

„Aufbruch“ in die neue Spielzeit: Fröhliches und Ernsthaftes beim Theaterfest im Martinipark

Ein vielfältiges Programm gab es beim Theaterfest im Martinipark – bei Sommerwetter und guter Laune. Auf mehreren Bühnen draußen und drinnen konnte man Ausschnitte aus Produktionen der gerade ablaufenden und der kommenden Spielzeit sehen, zudem gab es Mitmachaktionen für jedes Alter.

Von Sabine Sirach

André Bücker als Auktionator bei der Kostümversteigerung

Einen humorvollen Auktionator bei der Kostümversteigerung gab Intendant André Bücker. Man konnte mittelalterliche Kleider, Musical-Kostüme und sogar ein Doppelkleid für zwei Personen ersteigern (das später am Abend getragen von zwei Schönheiten zu sehen war). Das Publikum saß im Schatten und freute sich.

Verwunderte Blicke zog eine große hölzerne Krabbe auf sich, geführt von drei Puppenspielern. Sie diente als Hinweis auf die Kooperation des Staatstheaters mit der südafrikanischen Puppenspieltruppe Ukwanda aus Kapstadt (Aufführungen vom 12. bis 16. Juli auf der Brechtbühne). Die Südafrikaner freuten sich über die Neugier der Besucher und beantworteten gerne die zahlreichen Fragen.

Ernsthafter war die Lesung des Essays des großen Ökonomen John Maynard Keynes aus dem Jahr 1928: Unter dem Titel „Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel“ gab er einen „Grundkurs Ökonomie I“ mit einer Anklage gegen ausufernden Kapitalismus. Erstaunlich, wie aktuell der Essay heute noch ist! Die Liebe zum Geld an sich findet Keynes „widerlich und ungerecht“. Die, die „blindlings dem Reichtum nachjagen“, hätten nur die Zukunft im Fokus. Sein Ausblick: Das wirtschaftliche Problem, sprich der Kampf ums Dasein, werde in 100 Jahren (also jetzt!) erledigt sein – aber ob das eine Wohltat darstellen würde? Seine Lösung: Mehr Dinge für uns selbst tun; nur 15 Stunden pro Woche arbeiten – das würde ausreichen, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Voraussetzungen: Das Wachstum der Weltbevölkerung einschränken und: keine Kriege mehr! Die Lesung des klugen Essays durch Natalie Hünig und Pascal Riedel wurde untermalt mit assoziativen Bildern, Videos und Liedern: „Ist der Kapitalismus endlich vorbei?“ Die Lesung ließ sich als Hinweis auf das Stück „Nein zum Geld!“ in der neuen Spielzeit interpretieren; inhaltlich war sie erhellend.

Natalie Hünig und Pascal Riedel lesen den Essay von John Maynard Keynes – Fotos: © S. Sirach

Höhepunkt des Abends war die „Spielzeitshow“, der einzige Programmpunkt, für das man ein Ticket kaufen musste – wahrscheinlich deshalb nur zu einem Drittel voll. Die Ensembles aller Sparten (bis auf das Digitaltheater) zeigten erste Ausschnitte aus den Inszenierungen des neuen Spielplans– moderiert wiederum von André Bücker. Anhand der optimistischen Ouvertüre aus „Fidelio“ hörte man das Motto der Spielzeit 22/23 heraus: „Aufbruch“. Einen überraschend witzig-modernen Pas De Deux sah man zur klassischen Musik von Carl Maria von Weber, und das Ballett-Ensemble begeisterte das Publikum mit einer Szene aus Metamorphers (Musik: Béla Bartók).

Viel Chor gab es zu Szenen aus Rossinis Komischer Oper „Il viaggio a Reims“ und Verdis „La traviata“; auch aus der spartenübergreifenden Ballettoper „Fairy Queen“ von Henry Purcell waren zwei Chorlieder zu hören. Dagegen brillierte Olena Sloia als Solistin mit Auszügen aus der Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“. Auch die Schauspielsparte bot so einiges: Florian Gerteis riss die Zuschauer wieder mit als Suppenkasper aus „Shockheaded Peter“ (Wiederaufnahme). Den „Coup des Jahres“ (Bücker) landete das Staatstheater damit, dass es die deutschsprachige Erstaufführung des Westend- und Broadway-Hits „Jerusalem“ an Land ziehen konnte, in der Spielzeitshow gab es daraus den „Monolog des Gingers“, aus dem man den Inhalt des Stückes erahnen kann: Es geht um einen Guru-ähnlichen Freiheitssucher mit Alkohol und Drogen. Das ökonomische Thema tauchte wieder auf in einer Szene aus der Komödie „Nein zum Geld!“ von Flavia Coste. 

Während also das Musiktheater in der kommenden Saison eher zur Klassik neigt, ist das Ballett rundum modern, und im Schauspiel kann man sich auf einiges Neues freuen – da gibt es noch andere Uraufführungen, deutsche Erstaufführungen und moderne Interpretationen. Das Digitaltheater kooperiert nicht nur mit allen Augsburger Sparten, sondern auch mit dem Stadttheater Ingolstadt. Und zum 125. Geburtstag von Bert Brecht plant das Staatstheater eine ganze Festwoche im Februar (allerdings im Alten Rock Café – man erwartet wohl nicht allzu großes Publikum).