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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Auf der Suche nach der verlorenen Identität: Heynckes soll die Bayern erden

Den FC Bayern München plagt eine grausame Krankheit: Sie wissen nicht mehr wer sie sind

Kommentar von Siegfried Zagler

Nichts ist flüchtiger als die Zeit, die, wenn man es mit Albert Einstein genau nähme, zu einem tieferen Verständnis des Universums führen würde. Doch selbst wenn man die Zeit als bloße Maßeinheit für irdische Vorgänge verwenden würde, wäre sie als Phänomen immer noch zu komplex, um zu ihr ein entspanntes Verhältnis entwickeln zu können. Zeit ist etwas, das jeder kennt und jeder anders fühlt. In allen Winkeln der Erde sind sich die Menschen aber immerhin darüber einig, dass Zeit am wertvollsten ist, wenn man auf sie zurückgreift, um Erfahrung zu schöpfen, also etwas schöpft, das zum wichtigsten Besitz aller Gesellschaften zählt.

Wenn sich nichts anderes anbietet, greift man auf Erfahrung zurück, also auf etwas Geschehenes, das uns scheinbar klüger gemacht hat, weil wir daraus Schlüsse gezogen haben. Das ist selbst beim FC Bayern München nicht anders. Von den letzten vier Trainern war Jupp Heynckes der erfolgreichste, was auch damit zu tun haben könnte, dass er der deutschen Sprache mächtig ist. Weltstars wie Louis van Gaal, Pep Guardiola und Carlo Ancelotti waren in dieser Angelegenheit deutlich schwerfälliger und fanden in München – Meisterschaft hin oder her – keinen Stand, der über das Lederhosen-Shooting und den kollektiven Besuch des Oktoberfestes hinausreichte. Vor Carlo Ancelotti sind ähnlich krachend nur Otto Rehhagel und Jürgen Klinsmann gescheitert.

Beim FC Bayern haftet dem Ehrenpräsidenten der Geruch der Geldwäsche an, Präsident und Vorstandsvorsitzender sind wegen Steuerhinterziehung beziehungsweise Schmuggel vorbestraft. Das hat die Aura des Klubs nachhaltig zum Negativen hin verändert. Und schließlich nimmt man in Fußball-Deutschland verwundert zur Kenntnis, dass die Bildzeitung in München (wie bei einem gewöhnlichen Skandalklub) immer tiefer zu schürfen in der Lage ist und mit zuverlässiger Regelmäßigkeit die inhaltlichen Differenzen zwischen Hoeneß und Rummenigge beschreibt. Bevor man also darüber nachdenkt, welcher Trainer denn nun zu einem schwierig gewordenen Klub passen könnte, sollte man darüber nachdenken, wer mittelfristig mindestens einen der beiden Bayernbosse ablösen könnte.

Bayern München ist mit seinem „Welttrainer-Konzept“ an die Wand gefahren, weil München eben keine Weltstadt ist, sondern eine Großstadt mit der Signatur eines Dorfes. Und im Dorf zählen einfache Weisheiten. Dort interessiert man sich noch für ehrliche Arbeit und schlichte Lösungen. Auch aus diesem Grund soll der gute alte Jupp Heynckes wieder die verlorene Stabilität in den Klub tragen, bevor man sich wieder ins Konzept eines großen Trainers fügt.

Bevor Hoeneß´ Steuerhinterziehungsaffäre öffentlich wurde, hatte der FC Bayern nicht nur einen hervorragenden Ruf, sondern auch eine kulturelle Identität, die aber in dem Moment zu bröckeln anfing, als Guardiola nach München kam und Hoeneß ins Gefängnis musste. Die Idee der Anständigkeit, der Fairness und der einfachen Lebensfreude, die vom Fußballsport immerhin generiert werden kann, wurde an der Säbener Straße mit einem großen Willen zum Erfolg gekreuzt, sodass eine ureigene kulturelle Identität entstand, die vom FC Bayern über Generationen hinweg gelebt wurde. Als mit van Gaal der erste konsequente Systemtrainer nach München kam, scheiterte dieser noch am Münchner Selbstverständnis. Das „Wir-sind-wir“ bedeutet nämlich übersetzt, dass man Systeme bildet, die sich aus den individuellen Fähigkeiten der einzelnen Spieler herausschälen.

Guardiola hat das pulverisiert, indem er nur mit Spielern arbeitete, die in sein System passten. Der Spanier hat Bayernspieler zu Systemträgern verwandelt – und damit den alten FC Bayern zu Grabe getragen.

Nun soll also der 72-jährige Jupp Heynckes die Bayern wieder in die Spur zurückholen. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Münchner jemanden suchen, der sich noch daran erinnern kann, wie sie einmal waren, als sie noch eine Identität hatten.



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