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Mittwoch, 08.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Abwärtsspirale zum Schaden der Kunst

Die schrumpfende „Große Schwäbische“ wurde am Samstag zum 63. Mal eröffnet

Von Frank Heindl

Die Musik des Uli Fiedler Trios war schön und dezent, als am Samstagvormittag die „Große Schwäbische Kunstausstellung“ zum 63. Mal eröffnet wurde. Doch in den Eröffnungsreden zeigte sich schnell, dass die Situation für den veranstaltenden Berufsverband Bildender Künstler (BBK) nicht ganz so harmonisch aussieht: Der Vorsitzende Norbert Kiening klagte bitter über mangelnde Finanzhilfen seitens der Stadt, Kulturreferent Peter Grab revanchierte sich mit Klagen über falsche Zahlen und einen fehlenden Wirtschaftsplan – mit Mühe rettete man sich vor den versammelten Vernissagepublikum in die Vereinbarung alsbaldiger Gespräche.

Schon in einer Pressekonferenz zwei Tage zuvor hatte Kiening detailliert über die Nebenumstände der „Großen Schwäbischen“, wie sie bei Eingeweihten kurz genannt wird, geklagt und seine Sorgen mit Zahlenmaterial unterlegt. So hat sich etwa die Zahl der Einreichungen in den letzten zwanzig Jahren halbiert – noch 1992 konnten die Juroren aus 482 eingereichten Kunstwerken für die Bestückung ihrer Ausstellung auswählen, im vergangenen Jahr waren es noch 184, diesmal nur noch 143. Für die üblicherweise im „abraxas“ stattfindende Sonderausstellung „Installation“ wurden in diesem Jahr gar nur drei Werke eingereicht, von denen die Jury nur eines akzeptierte. Konsequenz: Die Sonderausstellung entfällt.

Liegt also den schwäbischen Künstlern nichts mehr an „ihrer“ Ausstellung? Kiening sieht ein ganzes Bündel von Ursachen für die Misere: Das Ausstellungssystem der Toskanischen Säulenhalle mit seinen kojenartig nebeneinandergereihten, gleichformatigen Wänden ist in der Tat veraltet – hier sehe „eigentlich jede Ausstellung gleich aus“, sagt Kiening, es gebe Beschwerden über schlechte Beleuchtung und blendende Scheinwerfer. Der fehlende Kunstpreis sei ein weiteres Hindernis: Mancher Künstler fahre seine Werke aus Kempten an Augsburg vorbei nach Donauwörth – dort hat man Chancen auf einen Preis, und dort kann man außerdem seine Arbeiten bequem ausladen, während es vor der Augsburger Halle nicht mal eine legale Parkmöglichkeit gibt. Ein weiterer Grund für die sinkende Zahl der Einreichungen ist der damit verbundene wirtschaftliche Aufwand: Hauptberufliche Künstler, wie sie im BBK organisiert sind, gehören nicht zu den Großverdienern, ihre nebenberuflichen Kollegen eher auch nicht. Für Einreichungen zur Großen Schwäbischen fallen allerdings 40 Euro Gebühr an – für manchen Künstler mag das eine Investition sein, deren Sinn nicht unbedingt einleuchtet.

Schrumpfende Finanzhilfen und strukturelle Probleme

Denn stetig sinkt gleichzeitig der Umsatz der Großen Schwäbischen – auch und vor allem, weil Stadt und Staat nichts mehr kaufen. Dieser Rückgang wiederum trifft nicht nur die Künstler, sondern auch die Ausstellung und den Verband – denn der kassiert bei Verkäufen ein Drittel des Erlöses. Daneben stammen seine Haupteinnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen (280 Mitglieder zahlen derzeit einen Jahresbeitrag von 160 Euro). Doch spätestens an diesem Punkt muss man auch nach strukturellen Problemen des BBK fragen – denn heutzutage ist eine Mitgliedschaft im Künstlerverband längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Kiening ärgert sich zu Recht, der BBK habe dafür gesorgt, dass vor und in der Neuen Stadtbücherei in „Kunst am Bau“ investiert worden ist – die profitierenden Künstler allerdings waren weder vorher Mitglieder im BBK, noch konnte er sie später zum Eintritt überreden.

„Die Szene hat sich verändert“, sagt ein Augsburger Künstler und verweist auf freie Studios und Künstlergemeinschaften, die heutzutage Ausstellung wie „contemporally“ oder Kunstaktionen wie die „Jean Stein“-Initiative stemmen, ohne dazu einen Verband zu benötigen. Auch der Weg in renommierte Galerien wie das Höhmannhaus führt längst nicht mehr zwingend über den Berufsverband. Einen weiteren Hinweis auf solche internen Probleme gibt auch die Altersstruktur der ausstellenden Künstler: „Das Durchschnittsalter ist hoch“, gibt Kiening unumwunden zu, dabei sei es durchaus der Wunsch des Verbands, dass sich die Ausstellung auch als Forum junger Künstler behaupten könnte.

Steigende Kosten, sinkende Zuschüsse und weniger Besucher



Doch von den eigenen Strukturproblemen spricht man beim BBK weniger gern als von der fehlenden Unterstützung von außen. In der Tat sind die Zuschüsse gesunken und die Kosten gestiegen – davon kann nicht nur der BBK ein Lied singen. 2002 wurde ihm der Staatszuschuss gestrichen, seither auch kauft die Bayerische Staatsgemäldesammlung bei der Großen Schwäbischen nichts mehr – zusammen ein Verlust von 7000 Euro jährlich. Direkte Folge: Die Große Schwäbische kann sich keinen Katalog mehr leisten, die Eintrittsgebühr wurde schrittweise von null auf vier Euro erhöht – mit spürbaren Konsequenzen: Kamen 1990 bei kostenlosem Eintritt noch 10.000 Besucher in die Ausstellung geschneit – nebenan ist Weihnachtsmarkt, da macht man gerne mal einen Abstecher zur Kunst – so sanken die Besucherzahlen nach jeder Eintrittserhöhung drastisch, 2010 schauten gerade noch 2200 vorbei. Die sprichwörtliche Katze beißt sich hier also heftig in den eigenen Schwanz: Weniger Geld bedeutet weniger Attraktivität bedeutet weniger Künstler bedeutet weniger Besucher bedeutet weniger Geld … – eine Abwärtsspirale, die Kiening hinter vorgehaltener Hand zu der Befürchtung veranlasst, die diesjährige Große Schwäbische „könnte die letzte sein.“

Doch obwohl er sich bei seiner Rede zur Vernissage nur sehr vorsichtig äußerte, erntete er deutlichen Widerspruch. Während Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert vorgab, er lese „die Zeitung“ nie schon vormittags und sich so um eine Stellungnahme zum samstäglichen AZ-Artikel herumschummelte, der ebenfalls den Untergang der Ausstellung befürchtete, ging Kulturreferent Peter Grab trotz viel angeblichem „Verständnis“ in der Sache den BBK-Vorsitzenden frontal an. Er habe der Presse Zahlenmaterial überlassen, ohne mit seinem Referat Rücksprache zu halten, und habe dabei auch noch mit falschen Zahlen gearbeitet. In der Tat hatte Kiening versehentlich zu hohe Heizungskosten angegeben und die betreffenden Zahlen schon am Tag zuvor per Email zurückgenommen. Und in der Tat täte dem BBK bei der Bilanzierung seiner Tätigkeiten wohl ein buchhalterisch erfahrener Helfer gut – das gibt Kiening unumwunden zu. Trotzdem kann Grabs Stellungnahme weder den BBK noch die Öffentlichkeit zufriedenstellen. Zwar sicherten Kulturreferent wie Bezirkstagspräsident zu, sie würden die Große Schwäbische nicht sterben lassen – doch dass einmal mehr Hilfe erst versprochen wird, wenn bereits Feuer auf dem Dach ist, und dass es dabei einmal mehr nur um Notreparaturen geht – damit können weder Künstlerverband noch Öffentlichkeit zufrieden sein. Immerhin versprachen beide Politiker in ihren Redebeiträgen, es werde über die anstehenden Probleme schnellstmöglich gesprochen werden.

» Gastkommentar „Ohne Ende kein Anfang“