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Dienstag, 25.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Abschiedsfreude – und auch ein paar Tränen

Mit der Komödie ist Schluss – das wurde gefeiert

Von Frank Heindl

Soviel Abschiedsfreude war selten: Mit einem Galaabend haben sich am Samstag Schauspieler und Intendanz, Publikum und Theaterbeschäftigte von der Augsburger Komödie verabschiedet. Obwohl kaum noch Fans übriggeblieben sind, die das vergammelte Haus in der Altstadt als Spielstätte erhalten sehen möchten, drückte die Theaterleitung kräftig auf die Tränendrüse, rief eine ruhmreiche Vergangenheit ins Bewusstsein – verwies aber auch in vielerlei ironisierten Beiträgen auf eine bessere Zukunft.

Alle waren da, alle sangen und feierten. War’s nun Abschiedsschmerz oder Abschiedsfreude? Der Ex ist schimmelig und marode – also Schwamm drüber …

Bessere Zukunft? Es mag Außenstehenden ganz schön lustig erscheinen, mit welcher Inbrunst sich Theatergänger und Theatermacher in dieser Stadt darauf freuen, dass die traditionsreiche Komödie, der zweitwichtigste Spielort der Stadt, womöglich bald in einen Metallcontainer umziehen „darf“. Die Tatsache, dass ein blechernes Etwas, von dem bisher keiner so recht zu beschreiben weiß, wie es aussehen und erst recht nicht, wie man sich darin fühlen, wie man darin Theater spielen und genießen wird, als feiernswerte Alternative gesehen wird, sagt viel über Augsburger Theaterzustände aus. Es ist einerseits die schiere Verzweiflung über die nahezu kunstfeindlichen, auf jeden Fall aber unhygienischen, beengten und technisch unterversorgten Zustände im denkmalgeschützten, aber trotzdem nicht adäquat erhaltenen Gignoux-Haus, die das zukünftige Blechgehäuse in so angenehmem Licht erscheinen lässt; und es ist andererseits die Hoffnung auf das, was folgen könnte und sollte, was auf alle Fälle wünschenswert wäre: ein Neubau am Kasernplatz, im Hinterhof des Großen Hauses – und damit ein Neuanfang für Augsburgs Theater.

Potpourri und echte Tränen

Große Worte für kleine Wahrscheinlichkeiten! Intendantin Juliane Votteler hat sich zwar vertraglich zusichern (und nur unter dieser Voraussetzung zur Unterschrift unter ihre Vertragsverlängerung bewegen) lassen, dass die Stadt in Neubaupläne einsteigt. Man mag ihr und ihrem Ensemble gerne die Daumen drücken – ob aber die Absichtserklärungen das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen, wird sich erst in Jahren zeigen, selbst wenn man allen Beteiligten den besten Willen unterstellt.

Am Samstagabend jedenfalls ließ man ein (letztes?) Mal auf allen Seiten alle Fünfe grade sein und – feierte. Nach Vottelers anspielungsreichen Willkommensworten mit viel Goethe, nach freundlichem Applaus für die anwesenden ehemaligen Intendanten und nach einem Grußwort von Kulturbürgermeister Peter Grab, in dem es auch wieder nur um Kohle ging (diesmal aber um solche zum Heizen, in der unmittelbaren Nachkriegszeit) wurde ein Potpourri aus den Produktionen der vergangenen Jahrzehnte geboten. Das diente vor allem der Erheiterung des Publikums – an inhaltlicher Tiefe bestand in diesem Rahmen weder Interesse, noch wäre diese auf solche Weise zu verwirklichen gewesen.

Tschau Komödie – hallo Behelfsbau!

… und schnell Ausschau gehalten nach 'nem neuen Partner – die lieben Eltern haben da schon was organisiert!

… und schnell Ausschau gehalten nach 'nem neuen Partner – die lieben Eltern haben da schon was organisiert!


Doch der Parforceritt durch die Jahrzehnte, den man zu sehen bekam, machte dann auch wirklich einen riesen Spaß. Man wartete auf Godot beziehungsweise einen ominösen „Container“, man erlebte einen Kuppelszene aus den „Trommeln in der Nacht“, in der ebenfalls ein nicht anwesender Zukünftiger mit dem Namen „Container“ die Hauptrolle spielte – und weil in diesen Tagen nicht nur in Augsburg Kunst und Sport zusammengehören, durfte Schauspieldirektor Trabusch zwischendurch das 1:0 für Spanien im WM-Endspiel verkünden, bevor beim Abschied der Techniker- und Garderoben-Crew auch ein paar echte, keineswegs geschauspielerte Theatertränen flossen. Man hätte sentimental werden können ob der vielen schönen Szenen, die man sah, man ärgerte sich mal wieder darüber, was man alles verpasst hatte, man stimmte am Schluss mental mit ein ins „Sag zum Abschied leise servus“ – und man wurde mit etwas Sarkasmus wieder auf den Boden zurückgeholt: „Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht, wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht“ – tschau Komödie, schön war’s – hallo Behelfsbau, wir kommen schon!

Bald wird nicht die Hülle – runtergekommener Jugendstilbau oder zweckdienliche Aludose – entscheiden, ob der Container beim Publikum „ankommt“ sondern hoffentlich der Inhalt. Die Intendanz hat ihre Pläne für die kommende Spielzeit vorgelegt und man darf davon ausgehen, dass sich bald eine gewisse Treulosigkeit zeigen wird, was das Verhältnis des Augsburgers zur alten Komödie anbelangt; aufgewogen hoffentlich durch eine Treue zu gutem Theater. Bei Dierig, im tim, in der Dose – und wo auch immer.