Die Augsburger Zeitung

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Dienstag, 23.1.2018 • Nr. 23 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Bananenröckchen zur Weihnachtszeit

Die neue DAZ-Rubrik “Das geht gar nicht” soll auf Missstände, Vergessenes oder Verborgenes hinweisen, in der Stadt Augsburg gibt es davon reichlich. Heute senkt sich das Haupt vor dem Vogeltor zur Weihnachtszeit.

Genau weiß man es heute nicht mehr, warum das Vogeltor “Vogeltor” heißt. Seit 1374/75 ist an dieser Stelle ein Tor mit Brücke aufgezeichnet. 1445 wurde dieses Tor abgerissen und möglicherweise auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Konrad Vögelin ein neues errichtet, eben das heutige Vogeltor, dessen gotisches Durchgangsgewölbe selbst den Fliegerbomben der Allierten standhielt. Neben der Benennung nach dem Auftraggeber könnte der Name aber auch von einem Vogelfänger stammen, der von 1403 bis 1409 das alte Tor bewohnte.

Als hätte man dem Vogeltor unter den Rock gegriffen: Augsburger Denkmalpflege am Vogeltor

Als hätte man Josephine Baker unter den Rock gegriffen: Augsburger Denkmalpflege am Vogeltor (c) DAZ

Wann es anfing, wer damit anfing und was der Denkmalschutz davon hält oder warum Heimatpfleger Hubert Schulz deshalb nicht Alarm schlägt, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit, wenn sich die Bewohner der Städte enthemmt im Konsumrausch befinden, ist alles erlaubt: mit Würstchen- und Ramschbuden zugestellte Plätze und Straßen und öffentliche Dauerberieselung mit Erbauungsmusik, die neben dem üblichen Kaufzwang eine wochenlange Apathie auslöst und somit gefährliche Familienzusammenführungen ermöglicht.

Wer will sich also in der sogenannten “stillen Zeit” darüber aufregen, dass das Vogeltor jedes Jahr zur Weihnachtszeit - von wem auch immer veranlasst, einen zu kurzen Rock verpasst bekommt? Ein Lichterkettenrock, der mehr an Josephine Bakers Bananenrock erinnert als an Weihnachtsschmuck, ist am Vogeltor zwar so überflüssig (und so hässlich) wie ein Kropf, aber im Krieg und zur Weihnachtszeit ist, wie gesagt, alles erlaubt.

Ein leuchtender Bananenrock ist nichts Aufregendes, auch dann nicht, wenn ihn ältere Damen tragen müssen, wie unser Wehrturm, der ursprünglich maskulin ist, aber von der Augsburger Verwaltung ein paar Wochen im Jahr eine Geschlechtsumwandlung ertragen muss. Sturmtief “Burglind” hat nun das Kleidungsstück zersaust, sodass Augsburgs Bananenröckchen das historische Gemäuer freilegte, das es doch festlich überdecken sollte.

Mit dem Ablegen des Bananenrocks ging gestern die stille Zeit zu Ende. Das Vogeltor ist wieder nackt, man muss sich nicht mehr schämen, doch es bleibt nur wenig Zeit zur Entspannung - der Fasching naht.


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