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Montag, 16.01.2023 - Jahrgang 15 - www.daz-augsburg.de

„Erwartung“ – Arnold Schönberg im Eröffnungskonzert der Sinfonischen Saison

Schönberg trifft Brahms – Expressionismus trifft Hochromantik: Einigen Mut bewies das Staatstheater im Kongress am Park mit dem ersten Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit, das mit Arnold Schönbergs hoch dramatischer „Erwartung“ begann – in der zweiten Hälfte aber das Publikum mit Brahms (in einer Orchestrierung von Schönberg) versöhnte.

Sally du Randt – Foto : Aleksandar Arsenovic

Das Monodram „Erwartung“ ist Schönbergs erstes Werk für die Bühne, mit Text von Marie Pappenheim. Obwohl Schönberg seine Komposition bereits 1909 abgeschlossen hatte, fand die Uraufführung erst rund 15 Jahre später, 1924 statt.

 „Erwartung“ erzählt in expressiver Ausdrucksfreiheit in rund 30 Minuten von den Emotionen einer Frau, die auf der Suche nach ihrem Geliebten durch einen dunklen Wald irrt. Dabei durchlebt sie alle seelischen Empfindungen; Angst und Hoffnung korrespondieren miteinander in rascher Folge. Als sie mit dem Fuß an eine Leiche stößt, muss sie entsetzt feststellen, dass es die ihres Geliebten ist. Ihre Angst geht über in Verzweiflung und Eifersucht, da sie vermutet, dass der Geliebte bei einer anderen war. Eine Auflösung gibt es nicht, im Mittelpunkt stehen allein die Stadien ihrer Gefühle und Alpträume bis zum Wahnsinn. Schönberg selbst bezeichnete das Stück als „Angsttraum“.

Das Werk ist ein Vertreter des musikalischen Expressionismus. Die Tonalität ist aufgelöst, die traditionelle Harmonik außer Kraft gesetzt. Dem subjektiv-psychologischen Text entsprechend verfasst Schönberg eine freiströmende, noch durch keine Zwölftontechnik regulierte Musik voller emotionalen Extreme. Ein Relikt der Spätromantik ist das groß besetzte Orchester.

Sally du Randt, Sopranistin im Augsburger Ensemble, meisterte die schwierige Partitur mit Bravour, kam jedoch an einzelnen Stellen kaum gegen die Wucht der engagiert-exakt und einfühlsam spielenden Augsburger Philharmoniker unter der Leitung von Domonkos Héja an. Sally du Randt wurde vom Publikum mit einem freundlichen Extra-Applaus gewürdigt.

Nach der Pause gab es dann Gefälligeres. Schwelgerische Klänge kamen in der Orchesterfassung von Johannes Brahms‘ Klavierquartett op. 25 auf. »Streng im Stil von Brahms« schuf Schönberg – das traditionelle harmonische Gerüst bewahrend – seine Orchesterfassung. Schönberg hat das von ihm so bewunderte Klavierquartett stilistisch ins Sinfonische übertragen, dass man es für eine der legendären Brahms’schen Sinfonien halten könnte. 

Somit fügte er den vier »echten« Sinfonien des romantischen Meisterkomponisten quasi eine fünfte hinzu – ein Augenzwinkern der Musikgeschichte also, mit viel Schwung (und tänzerischem Einsatz von Domonkos Heja) von den Philharmonikern von zart-elegisch bis dramatisch, ja im dritten Satz triumphal-wuchtig gespielt. 

In diesem Konzert war auch das Publikum interessant zu beobachten: Das Parkett war mit den Abonnement-Besuchern nur zu einem Viertel besetzt, während der Balkon mit Schönberg-Fans voll war – allerdings nur bis zur Pause; das dünnte sich dann beim Brahms bis zur Hälfte aus. Den Geschmack des Publikums konnte man deutlich heraushören: Während die anstrengende „Erwartung“ mit lediglich freundlichem Applaus bedacht wurde, gab es zum Brahms beinahe Begeisterungsstürme.