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Dienstag, 13.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Interview: „Es fällt auf, dass Merkle vor der Sommerpause vollendete Tatsachen schaffen wollte“

Die „Baustelle Hauptbahnhof“ hat in Augsburg nicht nur mehrfach den ursprünglichen Kostenrahmen gesprengt, sondern auch den Zeitrahmen um einige Jahre überschritten. Ursprünglich war der Bahnhofsumbau als das wichtigste Teil der von Alt-OB Paul Wengert ersonnen „Mobilitätsdrehscheibe“ gedacht, inzwischen ist die Ewigkeitsbaustelle im Herzen der Stadt Augsburg nur noch ein Ärgernis. Manchmal reicht ein Funke, um einen Schwelbrand in einen Feuersturm zu verwandeln. Ein für die Stadtregierung gefährlicher Funke wurde von der Bürgerinitiative Baum-Allianz gezündet. Es ging um die Gestaltung des Augsburger Bahnhofsvorplatzes, die die Fällung der Baumgruppen vor dem Bahnhof vorsah. Dagegen lief eine Bürgerinitiative Sturm und konnte einen Zwischenerfolg erzielen. Grund genug, um mit einem Initiator der Bewegung, dem Stadtrat Bruno Marcon, ein Interview zu führen.

Bruno Marcon – Foto © DAZ

DAZ: Herr Marcon, Sie sagen es gebe bezüglich der geplanten Baumfällungen am Bahnhofsvorplatz Ungereimtheiten. Könnten Sie das bitte präzisieren?

Marcon: Es gibt sehr viele Ungereimtheiten. Auch bezüglich der von Baureferent Merkle und der Grünen Stadträtin Kamm und von der AZ berichteten Aussage, dass die Ergebnisse des Architektenwettbewerbs die Fällungen unumgänglich machen. Aus der Auslobung des Realisierungswettbewerbs ist diese Behauptung nicht nachzuvollziehen.

DAZ: Können Sie das unseren Lesern genauer erklären?

Marcon: In der Auslobung ist ausdrücklich geregelt, dass die Beauftragung der  Umsetzung durch die Stadt Augsburg stufenweise erfolgt. Gerd Merkle hat nicht offengelegt, in welcher Ausbaustufe wir uns befinden. Aus den bisher zugänglichen Unterlagen ist keine Ausführungspflicht für die Beseitigung der Bäume erkennbar. Und überhaupt. Können ausführende Architekten wirklich angeben, was die Stadt zu tun hat? Damit würden ja dem Stadtrat die Entscheidungsgewalt darüber genommen, was unzulässig ist und was nicht.

DAZ: Baureferent Merkle sprach davon, dass die zur Fällung vorgesehenen Bäume ohnehin in einem schlechten Zustand seien und …

Marcon: …die zweite vom Baureferenten vorgebrachte Ungereimtheit! Dass es den meisten Bäumen dort an Vitalität fehle, wird wohl schwer zu beweisen sein. Bisher konnte Merkle keinen Gutachter benennen, der diese Aussage bestätigen könnte. Erste Überprüfung durch unabhängige Fachleute brachte ein gegenläufiges Ergebnis, obwohl die Bäume dort einer jahrzehntelangen Verwahrlosung ausgesetzt waren.

DAZ: Der Entwurf des Architekturbüros sieht aber nun mal keine Bäume vor. Bäume passen nicht immer zur Stadtentwicklung.

Marcon: Solche Planungsvorstellungen der Vergangenheit müssen in Frage gestellt werden. Die heutige Aufheizung der Städte macht die Entwicklung einer Klimaresilienz zur vordringlichen Aufgabe der Stadtplanung. Dafür benötigen wir den massiven Ausbau des Stadtgrüns, um Beschattung und Abkühlung zu verbessern.

DAZ: Wie könnte eine Planungsänderung für den Bahnhofsvorplatz in diesem Sinn aussehen?

Marcon: Wäre es nicht schön, wenn auch auf der südlichen Seite, wo jetzt die Container stehen, wie auf der östlichen Seite ein Halbring aus Bäumen vorhanden wäre und den den Blick des Augsburger Neuankömmlings auf den Brunnen und in der Ausrichtung auch auf die Bahnhofsstraße lenkt, die ihn zur Innenstadt führt? Aus meiner Sicht keine schwierige Aufgabe für einen Architekten und eine angemessene Alternative zum Zupflastern. Die Baumallee würde in der Bahnhofsstraße weitergeführt. Und überhaupt könnte dies noch einmal zum Nachdenken führen, wie man den Bahnhofsvorplatz durch Aufenthaltsqualität aufwertet.

Baum-Allianz: „Gewachsene Bäume haben große Bedeutung für die Klimaresilienz: Sie verbessern die Luftqualität und filtern klimaschädliche Gase aus der Luft. Sie sorgen für Verschattung und verringern damit die Aufheizung. Sie fördern die Biodiversität und erhöhen die Aufenthaltsqualität.“ — Foto: Einige der zur Fällung vorgesehenen Bäume © DAZ

DAZ: Nachdem die Stadtregierung die Fällungen nun doch verschoben hat, haben Sie zu Bürgerprotesten aufgerufen. Was wollen Sie damit erreichen?

Marcon: Es fällt auf, dass Baureferent Merkle noch vor der Sommerpause – und somit vor seinem Abgang – vollendete Tatsachen schaffen wollte, obwohl dafür keine erkennbare zeitliche Dringlichkeit besteht. Eine Zustimmung durch den Stadtrat hätte die Möglichkeit der sofortigen Fällung der Bäume ermöglicht. Das war jedoch vor allem wegen der Widerstände der Baum-Allianz erst einmal nicht umsetzbar. Viele Bürger haben jetzt schon ihren Unmut deutlich gemacht. Das sollte auch durch Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Kräfte zum Ausdruck gebracht werden mit dem Ziel, dass die bisherigen Planungen des Herrn Merkle zurückgezogen werden. 

Herr Marcon, vielen Dank für das Gespräch. Fragen: Siegfried Zagler