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Dienstag, 11.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Im Gespräch

„Kunst kann immer etwas leisten, das über die klassischen Bildungswege, Institutionen, oder generell die historische Forschung noch offen bleibt“ – Interview mit Thomas Elsen

Was kann Kunst? Was ist Kunst? Und natürlich die Frage, wann fängt Kunst an, interessant und beachtenswert zu werden. Das sind Themen, die man mit Dr. Thomas Elsen in allen Schattierungen reflektieren kann. Zur Zeit findet in dem von ihm geleiteten Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst H2 eine atemberaubende Ausstellung statt, die das Thema Zwangsarbeit während der Nazi-Diktatur bearbeitet. Grund genug für ein DAZ-Gespräch.

Thomas Elsen — Foto: © Norbert Kiening

DAZ: Herr Elsen, sie sind einer der Kuratoren der internationalen Wanderausstellung „Missing Stories“. Wie kam es dazu?

Elsen: Die Initiative und Konzeption ging direkt vom Goethe-Institut in Belgrad aus, das die vier Kolleginnen und mich einlud, diese Ausstellung zu kuratieren.

DAZ: Wie wurden die Künstler gefunden beziehungsweise ausgewählt?

Elsen: Jeder von uns sollte zwei KünstlerIinnen zur Teilnahme vorschlagen, die dann zunächst innerhalb unseres Teams vorgestellt und ausführlich diskutiert wurden. Alle mussten mit den Vorschlägen aller einverstanden sein. Erst dann wurden die Künstler selbst eingeladen, Beiträge zu liefern, und in Belgrad vorzustellen. Erst nach diesen Schritten ging es in die operative Vorbereitung, das Schreiben der Texte, Klärung technischer Umsetzung, Terminkoordination und Terminabfolge et cetera. Und all dies begleitet von der mittendrin beginnenden Pandemie, ein insgesamt über vierjähriger Prozess bis heute. Ich bin sehr froh, dass jetzt auch wir als (vor)letztes Glied in der Kette die Ausstellung nun auch im H2 in Augsburg eröffnen konnten.

DAZ: „Zwangsarbeit“ ist ein grauenvoller Terminus, der heute im deutschsprachigen Raum im Kontext Kinderarbeit und Prostitution verwendet wird. Ob der Begriff heute in Deutschland als Kategorie für die Häftlinge der Nazi-Arbeitslager noch taugt, ist eine Frage, die man durchaus stellen kann.

Elsen: Der Terminus ist wohl so grauenvoll wie das, was er bezeichnet. Und genau genommen noch viel zu harmlos. Das nach wie vor Unbegreifliche am Phänomen des Nationalsozialismus ist ja auch dieses strukturierte, von langer Hand geplante, präzis ausgearbeitete Vorgehen zur Benutzung und Ermordung von Menschen. Das kommt im Zwangsarbeitssystem mit größter Perfidität zum Ausdruck. Über den Begriff und seine Implikationen aus heutiger Perspektive kann uns sollte man sicher nachdenken. Jeder Schritt zur zeitgemäßen Diskussion des Themas ist konstruktiv.

DAZ: Die Zwangsarbeiter der Nationalsozialisten in Deutschland, die zum Beispiel auch in Augsburg bei Messerschmitt arbeiteten, waren rechtlose Arbeitssklaven, die sich organisiert in den Tod schuften mussten – auch mit langen Märschen vom Lager zum Arbeitsplatz. In Deutschland ist vieles durch Gedenkstätten, Schulunterricht und durch staatliche Aufklärungsprogramme dokumentiert, thematisiert und ins kollektive Bewusstsein der Nachkriegsgenerationen eingesickert. In den Balkan-Ländern ist dies offensichtlich nicht geschehen. War das der Impuls für das Projekt?

Elsen: Auf jeden Fall wird es ein Aspekt gewesen sein. Sicher aber auch ein Merkmal der Erinnerung und Übernahme historischer Verantwortung durch Aufarbeitung, die im konkreten Fall – und das ist das Besondere – durch Beiträge zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler erfolgen sollte. Und zwar durch Künstler aus den Balkanländern – denjenigen der Opfer also –  wie auch aus Deutschland, dem Land der Täter. Dass, und wie das ineinandergegriffen hat, finde ich bemerkenswert.

DAZ: „Eine künstlerische Annäherung“, kann das funktionieren, kann die Kunst leisten, was Schule, Universität und Staat versäumt haben? Ist die individuelle Reflexion der künstlerischen Annäherung in ihrer Abstraktion nicht zu unpolitisch?

Elsen: Ich glaube, Kunst kann immer etwas leisten, das über die klassischen Bildungswege, Institutionen, oder generell die historische Forschung noch offen bleibt. Sie kann es vielleicht nicht ‚besser‘, aber sie berührt auf einer anderen Ebene. Was wir in der ‚Missing Stories‘-Ausstellung, den fehlenden Geschichten, sehen, sind ja teils sehr konkrete, persönliche Erzählungen in starken künstlerischen Bildern. Wie sehr dabei auch scheinbar Abstraktes politisch relevant sein kann und wirkt, sieht man z.B. im Beitrag ‚186 Breaths//Atemzüge‘ des Künstlerduos diSTRUKTURA aus Serbien. Hier sind 186 kleinformatige, monochrome Bleistiftpapiere als treppenartig aufsteigende Wandarbeit arrangiert. Es sind Frottagen, also mit dem Bleistift abgeriebene Oberflächenreliefs der Stufen der sogenannten Todesstiege des KZ Mauthausen, in dem auch der Großvater von Milan Bosnic, einer der Künstler, inhaftiert war. Die Häftlinge mussten schwere Granitblöcke die Stiege hochschleppen, viele schafften das nicht und verloren ihr Leben bei der barbarischen ‚Arbeit‘, andere wurden von der Lager-SS hinunter in den Tod gestoßen. Die abstrakten Tafeln für sich bilden eine formal strenge, minimalistische Komposition. Weiß man aber, wo sie entstanden sind (und das erfährt man in der Ausstellung), wird es eine hochpolitische Arbeit.

DAZ: Sie können natürlich nicht in die Köpfe der Besucher schauen. Aber vielleicht können Sie uns sagen, welche Wirkung Sie sich von der Ausstellung erhoffen.

Elsen: Missing Stories hat eine große atmosphärische Qualität. Die kann man in der Halle erleben. Es ist nicht nur eine Zusammenführung starker einzelner Werke, sondern eine Art begehbare Innenlandschaft, die man besucht. Ein Gesamtbild, das emotional wirkt, und dabei doch sehr präzise ist. Dazu gehören auch die sich überlagernden Stimmen und Klänge, die eine unheimliche Präsenz und gleichzeitig große Nähe vermitteln. Man ist als Besucher nicht allein. Man kann förmlich diejenigen durchhören, um die es geht: Die Ausstellung ist ganz klar auch eine Hommage an die unzähligen Opfer und anonym gebliebenen Schicksale. Vielleicht kann man das beim Besuch spüren, und vielleicht bewirkt das nachhaltig mehr als nur das Gefühl mitzunehmen, einmal mehr moralisch belehrt worden zu sein.

DAZ: Die Halle 116 in Kriegshaber war ein Außenlager Dachaus. Hier lebten und schliefen die Arbeitssklaven der Nationalsozialisten. Die Stadt will dort einen Ort des Erinnerns installieren und tut sich schwer damit – auch deshalb, weil es kaum Mittel dafür gibt. Würde man sich auf ein Konzept der „künstlerischen Annäherung“ verständigen, wären Sie wahrscheinlich der richtige Mann für die Konzeptarbeit. Sind Sie diesbezüglich seitens der Stadt schon gefragt worden?

Elsen: Nein, aber das steht ja zunächst auch gar nicht im Vordergrund. Für eine dauerhafte Einrichtung sollte sicher zuerst die Darstellung der historischen Aufarbeitung, Dokumentation, die klare faktische Benennung und Einordnung, und natürlich eine intensive ortsbezogene Vermittlung bearbeitet werden. Dass auch künstlerische Auseinandersetzung ein Schlüssel dazu sein kann, sieht man ja in den Missing Stories ganz unmittelbar. Die Frage, welche Mittel für was zur Verfügung gestellt werden können, ist natürlich, wie in allen kulturellen Bereichen, zentral.

DAZ: Herr Elsen, vielen Dank für das Gespräch.

Fragen: Siegfried Zagler

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Dr. Thomas Elsen hat Kunstgeschichte, Philosophie und Praktische Theologie studiert. Promoviert hat er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Elsen ist Leiter und Gründungskurator der Neuen Galerie im Höhmannhaus sowie des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast Augsburg. Seine zahlreichen Publikationen und Ausstellungen zur regionalen wie internationalen Gegenwartskunst und Fotografie haben Spuren gelegt und die Stadt Augsburg zu einem hoch akzeptierten Standort der Gegenwartskunst entwickelt.