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Freitag, 03.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Gesellschaft und Bildung

Schließung der Stadtteilbüchereien wird zum Politikum erster Kategorie

Eine katastrophale bildungspolitische Entscheidung, nämlich die  Komplettschließung zweier Stadtteilbüchereien, schlägt nach Medienberichten und Kommentaren seitens der Augsburger Allgemeinen und der DAZ hart in der Politik auf. Zuerst geißelte die soziale Fraktion (SPD/LINKE) die Maßnahmen, nun legt die Bürgerliche Mitte nach, auch vom Verein „Freunde der Augsburger Stadtbücherei“ liegt eine Protestnote vor.

Foto: © DAZ

Die Fraktion der Bürgerlichen Mitte erklärt die Maßnahme über einen eklatanten Fehler des Verwaltungsschlüssels: „Aktuell werden 20 Prozent des Personals der Stadtbücherei Augsburg im Gesundheitsamt zur Nachverfolgung von Covid-Infektionen eingesetzt. Die Folge: Verkürzte Öffnungszeiten und die Büchereien in Göggingen und Lechhausen wurden gleich ganz geschlossen. Der Grund für die extrem hohe Personal-Abstellung der Bücherei ist dabei ein eklatanter Fehler der Stadt Augsburg bei der Berechnungsgrundlage. Denn im Bildungsreferat, dem die Büchereien zugeordnet sind, werden auch Lehrerinnen, Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher als Personal mitgerechnet – die aber von ihren eigentlichen Tätigkeiten nicht abgezogen werden können“, so die Fraktion Bürgerliche Mitte. „Dass es durch diesen falschen Schlüssel gerade die Büchereien besonders hart trifft, muss dringend und rasch korrigiert werden“, erklärt Stadtrat Peter Hummel (FW). „In keiner anderen Stadt in Deutschland wurde im Zusammenhang mit der Pandemie auch nur eine einzige Bücherei geschlossen. Offenbar wurde andernorts erkannt, dass gerade die Büchereien nicht nur eine wichtige Bildungseinrichtung sind, sondern insbesondere auch Orte für soziale Kontakte und Treffpunkte unterschiedlichster Gruppen.“

Bürgerliche Mitte: In keiner anderen Stadt wurde im Zusammenhang mit der Pandemie eine Bibliothek geschlossen

Im Augsburger Gesundheitsamt gelten die Mitarbeiter aus der Stadtbücherei inzwischen als unverzichtbar und werden sogar als Teamleiter eingesetzt, weil sie belastbar sind, Erfahrung im Kundenkontakt haben und Wochenendarbeit gewohnt sind. „Die hohe Einsatzbereitschaft darf aber nicht dazu führen, dass darunter die Stadtbücherei leidet oder ganze Standorte dicht gemacht werden müssen. Nur ein Beispiel: Zahlreiche Kita-Anfragen bezüglich Sprach-Lese-Programmen können derzeit nicht stattfinden, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Infektionsketten recherchieren. Da werden in unserer Stadt aktuell die Prioritäten definitiv falsch gesetzt. Gleichzeitig langweilen sich derzeit vier (!) städtische Mitarbeiter im Unteren Fletz im Rathaus, weil sich kaum jemand in das Landtags-Bürgerbegehren der Querdenker einträgt“, so Peter Hummel für die Bürgerliche Mitte.

„Freunde der Augsburger Stadtbücherei“: Geschlossene Büchereien verstärken Bildungsnotstand

Auch der einflussreiche Förderverein geißelt die Maßnahme: „Der Schaden, den Corona in unseren Schulen unübersehbar hinterlassen hat, ist evident und machte die schon lange bestehenden Probleme wie Lehrermangel und mangelhafte Digitalisierung für alle sichtbar.

Weniger spektakulär in Erscheinung getreten ist bisher die prekäre Situation der Stadtbücherei. Monatelangem Lockdown begegneten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kreativ mit erweiterten digitalen Angeboten, click & collect und Streamingformaten. Jetzt endlich ist der Zugang wieder mit einigen hinnehmbaren Einschränkungen möglich – dafür stehen die verärgerten und frustrierten Besucher nun vor verschlossenen Türen.“

20 Prozent des Büchereipersonals seien langfristig bis dauerhaft abgeordnet in das Gesundheitsamt. Das betreffe mit besonders negativen Folgen auch Führungskräfte (Leitungen Lechhausen und Göggingen), die zu Teamleitern für das Gesundheitsamt ausgebildet werden sollen. „Und es betrifft medienpädagogisches Fachpersonal, das dringend benötigt wird für die fundamentale Kernaufgabe der Stadtbücherei: Leseförderung und Vermittlung von Lese- und Medienkompetenz. Auch die Servicestelle für Schulbibliotheken war ein ganzes Schuljahr nicht besetzt – mit gravierenden Defiziten für Lehrer und Schulen“, so der Förderverein, der darüber hinaus darauf hinweist, dass  das Personal nicht nur dringend nötig sei, um die Öffnungszeiten aufrecht zu erhalten, sondern auch „für die originären, gesellschafts- und bildungspolitischen Aufgaben der Stadtbücherei – eine Einrichtung mit 30.000 Nutzern, 580.000 Besuchern und 1,4 Millionen Ausleihen im Jahr 2019!“

Stadtbücherei verfolgt bedeutsamen Bildungsauftrag

Personalreferent Frank Pintsch (CSU) unterscheide bei der Abberufung von städtischem Personal zwischen kommunalen Pflichtaufgaben und freiwilligen Aufgaben. Und dabei würden Schulen und Kindergärten zu den Pflichtaufgaben zählen und die städtischen Büchereien zu den freiwilligen Leistungen. Die Stadtbücherei sei aber nicht zufällig dem Bildungsreferat zugeordnet, sondern verfolge einen bedeutenden außerschulischen Bildungsauftrag, den man nicht einfach abschalten könne. Insbesondere jetzt nicht, wo sich corona-bedingt die Kluft in der Sprachbeherrschung zwischen Kindern aus bildungsnahen und solchen aus bildungsfernen Familien dramatisch geöffnet habe. So das Statement des Fördervereins „Freunde der Augsburger Stadtbücherei.“