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Donnerstag, 10.11.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

2. Sinfoniekonzert: Aspekte der „slawischen Seele“

„Slawische Stimmungen“ wurden dem Augsburger Publikum beim Sinfoniekonzert versprochen. Das Programm lockte viele neugierige Konzertbesucher in den Kongress am Park. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil sich die Gelegenheit bot, die diesjährige „artist in residence“ der Augsburger Philharmoniker kennenzulernen, die junge Cellistin Raphaela Gromes.

Von Halrun Reinholz

Raphaela Gromes – Foto © Jan-Pieter Fuhr

Die Erkundung der slawischen Seele begann in der Nachbarschaft, in Böhmen, mit Bedrich Smetanas  wohlvertrauter Ouvertüre zur Oper „Die verkaufte Braut“. Ein possenhaftes Märchen um eine Braut, die hinterhältig an einen reichen Bauern verschachert werden soll, um schließlich doch den Mann ihres Herzens, den listigen Hans,  zu bekommen. „Eine Spielerei“, habe er sich mit diesem Werk erlaubt, schreibt Smetana später. Leicht und spielerisch, mit vielen Zitaten aus der tschechischen Volksmusik, eroberte die Oper bald die Herzen des Publikums. Die Ouvertüre war jedoch schon geschrieben, bevor Smetana überhaupt das Libretto hatte. Bis heute stehen die Kompositionen Smetanas für den heiter-melancholischen böhmischen Charme in der Musik.

Aus Böhmen kommt auch Antonin Dvorak, eine Generation jünger als Smetana. Sein Name verbindet die tschechische Herkunft mit der Weltläufigkeit des 19. Jahrhunderts, meisterhaft vereint in der „Sinfonie aus der Neuen Welt“, die er unter dem Einfluss eines längeren Aufenthalts in den Vereinigten Staaten schrieb. Doch nicht die stand auf dem Programm dieses Abends, sondern sein nicht minder bekanntes Cello-Konzert, ebenfalls in den USA komponiert, aber bereits unter dem Eindruck der baldigen Rückkehr in die Heimat. Damit präsentierte sich die 31jährige Cellistin Raphaela Gromes dem Augsburger Publikum. 

Selbstbewusst und elegant, virtuos und dennoch ungekünstelt bestand sie den „Eignungstest“ als „artist in residence“ bravourös und bedankte sich beim euphorisch applaudierenden Publikum mit warmen Dankesworten: „Welch ein Glück für mich, dass ich nicht zum letzten Mal vor Ihnen stehe!“ 

Als Zugabe hatte sie gemeinsam mit den Cello-Kollegen aus dem Orchester eine Überraschung vorbereitet, den Abendsegen aus Humperdincks Oper Hänsel und Gretel – eine Hommage an ihr Instrument und gleichzeitig eine Verneigung vor dem entzückten Konzertpublikum.

Domonkos Héja hat, wie unschwer zu erkennen war, als Ungar eine Affinität zur kakanischen böhmischen Seele, die bei Smetana und Dvorak freilich sehr unterschiedlich nuanciert ist. Im zweiten Teil des Programms kam mit Sergei Prokofjews 5. Sinfonie nun eine ganz andere slawische „Stimmung“ zum Tragen, die berühmt-berüchtigte „russische Seele“. Prokofjew stand mit seinem Werk, genau wie Schostakowitsch, permanent auf dem Prüfstand einer willkürlichen, unberechenbaren und fachlich inkompetenten Beurteilung durch Stalin und seine Nomenklatura.    Dennoch kehrte er aus dem Exil in die Sowjetunion zurück, in der Hoffnung auf Besserung der Zustände. Mehr als Schostakowitsch hatte Prokofjew jedoch einen subtilen Hang zur Satire, zu den Seitenhieben „zwischen den Zeilen“, was auch in der 5. Sinfonie zum Tragen kommt. 

Auch dafür hat der GMD, im ehemaligen Ostblock sozialisiert, ein untrügliches und feines Gespür. Das opulent besetzte Orchester sprühte vor Lust, Bläser und Schlagwerk waren gut im Einsatz. Dass Prokofjew, in ständiger Erwartung der Besserung der Verhältnisse nach Stalins Tod, am gleichen Tag starb wie dieser, ist eine skurrile Ironie der Geschichte. Ebenso skurril wie die aktuellen Kriegsereignisse im Reich der „slawischen Seele“. 

Mit diesem Hintergrund erhält das 2. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker, wenn auch bei der Programmgestaltung wohl nicht beabsichtigt, noch einen besonderen, wehmütigen Akzent.