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Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Zwetschgendatschi nach 74 Jahren

Eva Labby wurde von den Nazis aus Augsburg vertrieben – nun besucht sie ihr Geburtshaus

Von Frank Heindl

„Ein sehr netter Mann hat mir die Tür geöffnet“, erzählt Eva Labby. Der sehr nette Mann war Wolfgang Seeger, und er verstand erst mal nur Bahnhof: „Sie hat was von Eva gesagt und ich habe gemeint, sie will meine Frau sprechen.“ Doch als Eva Seeger dazukam, klärten sich ganz schnell die Missverständnisse, denn sie nahm die 82-jährige aus Orlando, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, einfach in die Arme.

Zu jeder „Lebenslinien“-Veranstaltung veröffentlicht das Jüdische Kulturmuseum Augsburg eine eigenen Broschüre – dieses Jahr über die Familie Lamfromm/Labby. Sie kann im Museum erworben werden. Zum Programm gehören neben der Veranstaltung im Sensemble Theater auch Schülerworkshops, bei denen Eva Labby über die Vertreibung ihrer Familie aus Nazi-Deutschland spricht, sowie eine DVD, auf der diese Veranstaltungen dokumentiert werden.

Zu jeder „Lebenslinien“-Veranstaltung veröffentlicht das Jüdische Kulturmuseum Augsburg eine eigenen Broschüre – dieses Jahr über die Familie Lamfromm/Labby. Sie kann im Museum erworben werden. Zum Programm gehören neben der Veranstaltung im Sensemble Theater auch Schülerworkshops, bei denen Eva Labby über die Vertreibung ihrer Familie aus Nazi-Deutschland spricht, sowie eine DVD, auf der diese Veranstaltungen dokumentiert werden.


Ob es ein herzliches Willkommen geben würde – da hatte sich die alte Dame aus den USA nicht sicher sein können. Aber dass sie hin musste in die Werderstraße 16, dass sie klingeln musste und sagen: „Hallo, ich bin Eva Labby, ich wurde 1929 in diesem Haus geboren“ – das war ihr klar. 73 Jahre, nachdem die Nazis sie und ihre Familie aus Augsburg, aus Deutschland verjagt hatten, gleich am Tag ihrer Rückkehr, stand sie vor ihrem Elternhaus, wurde umarmt und für den morgigen Freitag zum Zwetschgendatschi eingeladen. „Das war eine sehr schöne Erfahrung“, resümiert sie.

Beim Resümieren saß sie dann schon auf der Bühne des Sensemble Theaters – denn Eva Labby samt Ehemann Arnold und den beiden Töchtern sind nicht aus privatem Antrieb nach Augsburg gekommen, sondern auf Einladung der Stadt. Schon seit 2002 veranstaltet das Sensemble Theater in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Kulturmuseum die Reihe „Lebenslinien“ aus Anlass des Jahrestages der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Und so konnten die Labbys am vergangenen Sonntagvormittag miterleben, wie sich vieles im Verhältnis der Deutschen zu ihren vertriebenen einstigen Mitbürgern wieder zum Besseren verändert hat in den vergangenen 75 Jahren. „Ich wünschte, dass meine Eltern da sein könnten – sie hätten sich gewundert“, stellte Eva Labby fest. Auch ihre Großeltern hätten sich gewundert, doch die hatten die Flucht in die USA nicht geschafft. Wie viele Angehörige und Bekannte der Familie, die damals noch Lamfromm hieß, sind sie im Konzentrationslager Theresienstadt zu Tode gekommen.

Alteingesessene Deutsche, erfolgreiche Bürger

Lamfromm – das war einst ein Name, der in Augsburg etwas hermachte. Alteingesessene Deutsche waren die Lamfromms, seit vielen Generationen im Schwäbischen verwurzelt, wie Frank Schillinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Jüdischen Kulturmuseums, in seinem detaillierten Vortrag erklärte. Sogar mit einem Rabbiner in der Ahnentafel konnten die Lamfromms glänzen, doch zu Ende des 19. wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts war man schon deutlich assimiliert, mischte die religiösen Bräuche der Juden mit denen der Christen, feierte Chanukka, das die kleine Eva als „ganz ähnlich wie Weihnachten“ empfand, ließ es sich aber beim christlichen Weihnachtsfest nochmals gutgehen. Auch der Fasching wurde nicht ausgelassen, obwohl man sich auch beim jüdischen Purim lustig verkleiden durfte. Dirndl und Lederhose gehörten zum regulären Outfit, koscher lebte man in den 20er-Jahren bei den Lamfromms längst nicht mehr, und auch die Schattenseiten des Deutschtums wie den übersteigerten Nationalismus übernahm man mit – sowohl aufs Ritterkreuzträger wie auf gefallene Weltkriegsteilnehmer war die Familie stolz. Am Wichtigsten aber: Ökonomisch gehörte man zum gehobenen Bürgertum. Aus dem Geschäft für Weiß-, Woll- und Strumpfwaren in der Augsburger Bahnhofsstraße war ein Großhandel geworden, ein neues Geschäftshaus in der Herrmannstraße manifestierte das Wachstum, ein großzügiges Jugendstilhaus in der Werderstraße, direkt an der Bahnlinie nach München, sollte zur Heimat der Lamfromms werden, nachdem Evas Eltern standesgemäß im „Drei Mohren“ ihre Hochzeit gefeiert hatten.

In der Werderstraße erblickte Eva Lamfromm 1929 das Licht der Welt, von hier aus ging sie zur Schule. Wie nah das Schicksal der deutschen Juden rückt, wenn man es einmal nicht aus der abstrakten Warte der Historizität wahrnimmt! Es ist wahr, dass die deutschen Juden nicht mehr gemeinsam mit den Christen zur Schule gehen durften. Und doch wird es noch viel „wahrer“, wenn die heutige Eva Labby erzählt, dass sie damals, als sie noch Eva Lamfromm hieß, nicht mehr mit ihren Freundinnen in die Wittelsbacher Volksschule gehen durfte. Wittelsbacher Schule – dorthin gehen auch heute noch die Kinder der Augsburger. Andere mussten fliehen.

Die Briefe der Großmutter: erschütternd ist das Ungesagte

1938 packten die Lamfromms die Koffer. Zehn Reichsmark durfte man pro Person mitnehmen – doch die Lamfromms hatten in vielerlei Hinsicht Glück: Sie konnten zwar nicht ihren ganzen Wohlstand, aber doch noch all ihre Möbel mitnehmen. In den USA wurden sie von dort schon wohlsituierten Familienmitgliedern erwartet. Und vor allem: Sie konnten offiziell ausreisen – Eltern und Kinder. Andere blieben, hofften auf Besserung, harrten aus. Eva Labbys Großmutter Hedwig Epstein zum Beispiel. Die Schauspielerin Daniela Nehrig las im Sensemble Theater aus den Briefen vor, die Hedwig in die USA geschrieben hat. Erschütternd an diesen ist vor allem all das, was nicht gesagt wird. Denn Hedwig jammert nicht und will niemanden beunruhigen. „Es ist so schwer, nicht über all das zu reden, was einem durch den Kopf geht“, gibt die Großmutter zu und berichtet nur andeutungsweise, wie die Juden nun aus ihren Häusern vertrieben werden. Dass sie hungert, teilt sie nicht mit, erwähnt nur, dass die „wegen des anderen Essens“ an Gewicht verloren habe. „Aber das ist gut für mich!“, behauptet sie gleich darauf.

„Was mich betrifft, so bin ich ruhig, weil ich das große Glück habe, alle meine Kinder in Ruhe und Sicherheit zu wissen“, schreibt sie in einem anderen Brief, und man mag sich nicht ausdenken, welche bestürzende Traurigkeit und wohl auch abgrundtiefe Angst sich hinter diesen Zeilen versteckt. Denn die Deportation rückt näher, im Juli 1942 teilt Hedwig der Familie in den USA mit, sie müsse die „erwartete, schwere Fahrt am 30. Juli antreten.“ Die Reise geht nach Theresienstadt, und wieder berichtet Hedwig nur, dass man 30 kg Gepäck mitnehmen und sich dorthin angeblich Geld überweisen lassen könne. Sie wird auch andere Gerüchte gehört haben in Augsburg – doch davon kein Wort. „Sagt euren Nichten, dass wir ruhig sind und hoffen.“ Am Tag vor der „Abreise“ schickt Hedwig Epstein eine Postkarte, ein paar kurze Zeilen, sie endet mit den Worten: „Lebt wohl, meine lieben, lieben Leutle!“ und auch hier kann man die Verzweiflung nur vermuten. Ein letzter Brief folgt am 15. Juni 1943 aus Theresienstadt: Hedwig Epstein versucht auch da noch für ihre Familie die Illusion eines geordneten, friedlichen Lebens aufrecht zu erhalten: „Ich bin wohl, bin im Haus und mit Näharbeit beschäftigt, gehe in meiner Freizeit an die Luft.“ Mit „innigsten Grüßen und Küssen“ verabschiedet sich die Mutter und Großmutter. Es ist ihre letzte Nachricht – Überlebende berichten nach dem Krieg, Hedwig Epstein sei 1944 in Theresienstadt an einer Lungenentzündung gestorben.

Der Lehrer wurde ein Freund, die Schulfreundin lebt noch

„Wir haben vieles gewusst, aber nicht die Details“, erzählt Eva Labby heute aus ihrer Kindheit. Offenbar haben die Eltern alles Böse von den Kindern ferngehalten und auf Selbstdisziplin geachtet: Es sei nicht so schlimm gewesen, am Augsburger Stadttheater keinen Ballettunterricht nehmen zu dürfen – stattdessen sei sie zur Gymnastik gegangen: „Wir wussten, dass man nicht alles haben kann.“ Der Lehrer der Wittelsbacher Schule, die sie nicht mehr besuchen durfte, hat Eva Labby damals bei einer zufälligen Begegnung auf dem Stadtmarkt in den Arm genommen – das hat sie ihm nicht vergessen. Zehn Jahre nach dem Krieg hat sie ihn besucht – „wir waren immer noch sehr gute Freunde.“ Eine Mitschülerin aus dieser Zeit hat in den 80er-Jahren Eva Labby in den USA ausfindig gemacht – sie saß am Sonntag im Publikum im Sensemble Theater. Ob eine Rückkehr nach Deutschland einmal erwogen worden sei, fragt Benigna Schönhagen, die Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums, doch da antwortet Eva Labby nur mit einem Lachen. In den 50er-Jahren sei sie erstmals wieder in Europa gewesen, auch in Deutschland. Ihr Eindruck: Die Menschen hätten die Besatzungszeit schlimmer gefunden als den Krieg.

Nun hat sich das geändert, eine „neue Generation“, freut sich Eva Labby, sei herangewachsen, und sie selbst hat eine einfache Lebensmaxime gefunden, die ganz das Gegenteil dessen darstellt, was sie und ihre Familie einst in Deutschland erfahren haben: „Wir müssen alle freundlich sein zu anderen Leuten, wir müssen nicht Angst vor anderen Leuten haben, wir müssen sie verstehen.“ Morgen, am Freitag, werden Eva Labby und ihre Familie bei den Seegers im Bismarckviertel Zwetschgendatschi essen, und man darf hoffen, dass es für Eva Labby nach 74 Jahren eine Art Heimkehr sein wird. Wolfgang und Eva Seeger werden ihr bestes dafür tun. Die Geschichte der Familie Lamfromm wird dadurch nicht ungeschehen zu machen sein, leider.

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