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Dienstag, 06.11.2018 - Nr. 310 - Jahrgang 6 - www.daz-augsburg.de
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Zum Teufel mit dem Turamichele

Warum man das Turamichele-Fest abschaffen sollte: Ein kritischer Blick auf eine Augsburger Institution

Von Bernhard Schiller

Die Turamichele-Prozession: 162 Stiche gegen das Böse: (Foto: Stadt Augsburg))

Die Turamichele-Prozession: 162 Stiche gegen das Böse (Foto: Stadt Augsburg)


„Hat womöglich der Kommerz gegen das Turamichele gewonnen?“, fragt Michael Hörmann in der Augsburger Allgemeinen und beanstandete die Inbeschlagnahme des traditionellen Turamichele-Festes durch den Marktsonntag. Aber ist es wirklich nur das, was am Turamichele fragwürdig ist? Schließlich wird dem Publikum auf dem prominentesten Platz der Friedensstadt ein durchaus blutrünstiges Schauspiel geboten: Heerscharen von Kindern bejubeln einen Krieger, der seinem sich vor Schmerzen krümmenden Gegner mit Lanzenstichen „im Takt der Stundenschläge den Garaus macht“, wie es auf der Homepage der Stadt Augsburg hieß.

Das Turamichele-Fest ist eine gemeinsame Veranstaltung der City Initiative Augsburg (CiA) und der Stadt Augsburg. Ihre Erläuterungen zu Geschichte und Bedeutung des blutigen Puppenspiels im Perlachturm sind von frappierender Oberflächlichkeit gezeichnet. Ihnen genügt der Verweis zur 400-jährigen Tradition und die konsenstaugliche Formel vom „Sieg des Guten über das Böse.“ Genau diese Formel jedoch ist besonders kritikfähig. Zum einen, weil überall dort, wo Menschen metaphysische Kämpfe real umsetzen wollen (Beispiel Islamischer Staat), die größten Grausamkeiten zutage treten. Zum anderen, weil sich die moralische Architektur in einer dynamischen und offenen Gesellschaft nach 400 Jahren längst verändert haben sollte.

Um zu verstehen, weshalb das Turamichele in Augsburg dennoch durch Religions- und Weltkriege hindurch bis heute weiter morden darf, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen. Im Gegensatz zur Behauptung der Stadt Augsburg wird das Turamichele nicht erst seit den 1950er Jahren als großes Familienfest begangen. Zahlreiche Dokumente im Augsburger Stadtarchiv zeugen von der Kontinuität des Brauches seit dem Mittelalter und – insbesondere in seiner herausragenden Bedeutung für nationalsozialistische Durchhalteparolen in der 1940er Jahren. In einer Sondersendung des Deutschen Kurzwellensenders wurden zur Ermunterung der Frontsoldaten im Winter 1942 Aufnahmen vom Turamichele-Fest ausgestrahlt, die ein Journalist der Neuen Augsburger Zeitung an die Adresse der Kinder wie folgt kommentierte: „Da kann ich mir ja nun so ungefähr vorstellen, wie da unsere Soldaten in den Bunkern und Gräben und auf Vorposten spitzen werden, wenn plötzlich Euer „Eins-zwei-drei“ markerschütternd durch den Lautsprecher an ihr Ohr dringt.“

Bösartige Durchschlagskraft sprachen auch andere Nationalsozialisten dem Michaelsgeist zu: „Es ist der Michaelsgeist! Michael tritt sein göttliches Amt an. Er ist erwacht. Unser Volk wurde in unseren Tagen gewürdigt, die Waffen des Michael gegen das Untermenschentum zu führen.“  So predigte es ein Stuttgarter Pastor 1935 repräsentativ für all die anderen nationalsozialistischen Pastoren, Prediger und Propagandisten. Niemand anders als Adolf Hitler galt ihnen als der Erlöser, der gekommen war, den „Michaelsgeist“ zu reanimieren. Auch die NS-Presse schwärmte von der „Wiedergeburt vergangener Zeit“, als am 05. August 1934 30.000 Nationalsozialisten in Sonderzügen nach Ulm reisten, um im dortigen Münster eine monströse, stählerne Michaelsskulptur einzuweihen. Sie hängt dort bis heute.

Ein Schutzpatron des Heiligen Römischen Reichs und eine Identifikationsfigur einer sich darunter konstruierenden deutschen Nation

Warum sprachen die Nationalsozialisten von einer „Wiedergeburt“? Die Antwort ist unmittelbar mit der Augsburger Stadtgeschichte verknüpft und liegt vor den Toren der Stadt auf dem historischen Lechfeld begraben. Im Jahr 955 gewannen dort die Soldaten Ottos I. die Entscheidungsschlacht gegen die Krieger der Magyaren. Und weil die siegreichen Kämpfer, so die Legende, ein Bildnis des Erzengels Michael auf ihrem Banner trugen, galt dieser fortan als Schutzpatron des Heiligen Römischen Reichs und als Identifikationsfigur einer sich darunter konstruierenden deutschen Nation. Wie gelangte Michael aber auf das Banner der Soldaten? Der Engel Michael findet erstmalig namentlich Erwähnung im Buch des Propheten Daniel. Dort ist er die Schutzmacht des Volkes Israel. Der Name Michael (Mechila) bedeutet Vergebung. Er ist – wie alle Engel im jüdischen Glauben – kein eigenständiges Wesen, sondern ein Aspekt Gottes. Eine bildliche Darstellung zum Zwecke der Anbetung ist hier unvorstellbar und wäre verwerflicher Götzendienst, ebenso die Lehre vom Dualismus widerstreitender Mächte aus Licht und Dunkel, wie sie beim Turamichele propagiert wird.

Michaeliskult am Zeughaus: finstere Bronzezeugen eines verwerflichen Götzendiensts (Foto: B. Schiller)

Michaeliskult am Zeughaus: finstere Bronzezeugen eines verwerflichen Götzendienstes (Foto: B. Schiller)


Erst in der christlichen Bibel erhalten das Böse und das Gute jene dualistische, schwarz-weiße Ausprägung, wie sie in der Johannes-Offenbarung zu finden ist – in der Erzählung von der endzeitlichen großen Schlacht zwischen Michael und dem Teufelsdrachen. Als Papst Gelasius im Jahr 493 den 29. September zum Festtag des Erzengels Michael erklärte, verschmolzen die Eigenschaften der vorchristlichen Odinskrieger und die des christlichen Siegers über das Böse zu einer germanisch-messianischen Allianz. Zuvor feierten die Germanen an diesem Datum ihren obersten Kriegsgott Odin/Wotan. Der Name Wotan bedeutet Wüterich. Nach der wütenden Schlacht auf dem Lechfeld ging dementsprechend in der Vorstellung der deutschen Christenheit auch die Vision Israels („das von Gott „auserwählte Volk“) als fiebriger Wahn auf die deutsche Nation über. Der deutsche Michel entstand, also jener Mythos vom schlafenden Weltenretter, der beizeiten geweckt werden muss, um dem jeweiligen Satan den Garaus zu machen. Das Volk der angeblichen Christusmörder, die Juden, landete dabei nachhaltig auf der Seite des Teufels.

Vor genau 400 Jahren wurden Turamichele-Figuren in Augsburg erstmals schriftlich erwähnt. In einer Zeit, die auch und insbesondere in Augsburg aufgeladen war durch die Gegnerschaft von Protestanten und Katholiken. Damals war es die alljährliche weihevolle Aufgabe der Betschwestern des Klosters Maria Stern, das nackte Turamichele zum Festtag einzukleiden und bunt zu dekorieren. Naheliegend, dass der Engel – ähnlich der finsteren Michaelsbronze über dem Zeughaus-Portal – Symbol der Gegenreformation war und regelmäßig den lutherischen Teufel abstach. Jedoch, auch und gerade Protestanten atmeten Michaelsgeist voller Überschwang. Sie waren die gedanklichen Wegbereiter des deutschen National-Messianismus.

Nach 1822 diente das Turamichele als Projektionsfläche für Affekte gegen die verhasste Staatsregierung in München

Dichterfürst Friedrich Schiller (1759 – 1805) etwa kam zu dem Schluss, der Deutsche sei „erwählt von dem Weltgeist“. Sein Zeitgenosse Friedrich Schleiermacher (1768-1843), einer der bedeutendsten Pädagogen und protestantischen Theologen, nannte die deutsche Nation „ein auserwähltes Werkzeug und Volk Gottes“. Friedrich Perthes (1772 – 1843), damals einer der wichtigsten Verlagshändler, war überzeugt: „Wir Deutsche sind ein auserwähltes Volk, […] welches die Menschheit repräsentiert“. Der glühende Patriot und Frühnationalist Turnvater Jahn (1778-1852) konnte sich nicht zurückhalten und verlautbarte, dem deutschen Volk komme es zu, „des Weltbeglückers heiliges Amt“ auszuüben und kraft seiner „menschlichen Göttlichkeit“ die „Erde als Heiland zu segnen“. Papist oder Lutheraner – von der Schlacht auf dem Lechfeld bis in die Neuzeit jedenfalls war man im deutschen Kulturraum überzeugt, die Welt vom Übel erlösen zu müssen und das, neben aller Kathedertheologie und Kathederphilosophie, mittels roher Gewalt und stets unter Anrufung des Nationalheiligen Michael.

Das alles war den Aufklärern aus München egal. Als im Jahr 1806 die bis dato Freie Reichsstadt Augsburg unter die Hoheit des Königreichs Bayern geriet und fortan von München aus regiert wurde, sollte es auch mit dem Turamichele zu Ende gehen. An der Isar hatte man unter der Leitung des Grafen Montgelas begonnen, einen modernen, säkularen Staat zu schaffen, der mitunter die Abschaffung von Privilegien der Glaubensvertreter vorsah, sowie die Schaffung von Freiheitsrechten für die Mitbürger jüdischen Glaubens. Im Turamichele sah man deshalb ein voraufklärerisches Schauspiel und so wurde es kurzerhand verboten. Eine derartige Einflussnahme konnten die (durch Verlust ihres Standes als Freie Reichsstädter ohnehin schon schwer gedemütigten) Augsburger nicht akzeptieren und erstritten sich im Jahr 1822 ihren gewalttätigen Engel zurück. Nunmehr diente das Turamichele nicht mehr nur als Projektionsfläche für aggressive Affekte gegen Heiden und Andersgläubige, sondern auch gegen weltliche Feinde, in diesem Fall die verhasste Staatsregierung in München.

Erzengel Michael: Lautstark riefen die Soldaten des Ersten Weltkrieges nach ihrem Patron

1871 wurde Bayern Teil des neu gegründeten Deutschen Reichs, dem mit Wilhelm I. wieder ein Kaiser voranging. Dessen Enkel wurde ebenfalls Kaiser und suchte sich zur Legitimation seiner und des deutschen Volkes herausragender Stellung in der Weltgeschichte einen neuen Dämon, ein paar tausend Kilometer weiter entfernt: China! Wilhelm II. rief die Völker Europas zum Widerstand gegen die von ihm im damals üblichen Rassistenjargon so genannte „Gelbe Gefahr“ auf und ließ illustratorisch den heiligen, deutschen Michel die europäischen Nationen anführen. Er krönte das Kriegsgeschrei in seiner an die Schlachten des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation erinnernden, berühmten „Hunnenrede“ vom 27. Juli 1900: „Die Aufgaben, welche das alte römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen. Das Mittel, das ihm dies ermöglicht, ist unser Heer.“ 13 Jahre später ließ Wilhelm II. das gigantische Völkerschlachtdenkmal in Leipzig als Zeichen deutscher Befreiung einweihen. Riesige Reliefs zeigen dort einen menschengestaltigen Erzengel Michael als Schutzpatron der Deutschen. Darüber die steinerne Inschrift: „Gott mit uns.“ Der Deutsche Patriotenbund, Bauherr des Denkmals, nannte den Erzengel Michael stolz den „Kriegsgott der Deutschen“, der „alles vor sich niederwerfend dahinfährt.“ Traditionsbewusst und derart missionstrunken rannten dann die Krieger des neuen, alten Deutschen Reichs, den Auftrag zur endzeitlichen Erlösungsschlacht halluzinierend, in die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges. Lautstark riefen sie dabei nach ihrem Patron:

„St. Michel, hilf nun Deinem Volke!

Weih unsere Waffen,

Ein Großes zu schaffen!

Führ uns zum Siege! Zum Siege!“


Der Krieg führte in eine Katastrophe, der deutsche Glaube an den heiligen Auftrag blieb dennoch erhalten: Der deutsche Michel erwachte erneut und mit ihm Hitler.

Und heute? Die von Religionskriegen und apokalyptischen Szenarien geprägte Gegenwart erinnert in mancher Hinsicht an vergangen geglaubte Zeiten. Erneut sehen sich Menschen hierzulande Gefahren durch fremde Mächte ausgeliefert und suchen nach Bewältigungsstrategien – deutschtypisch polarisiert zwischen Welterlösungstum und aggressivem Nationalismus. Das fest ins kulturelle Erbe Deutschlands gebrannte Narrativ vom schlafenden Michel respektive der Lichtgestalt des Erzengel Michael und seinen finsteren Feinden wabert weiterhin im kollektiven Gedächtnis. Hieraus schöpfen diejenigen, die heute vorgeben, mit eines Volkes Stimme zu sprechen und ein „christliches“ Abendland zu verteidigen ihren Ungeist. Sie gewinnen den Mob und die Masse für sich und ihre Ziele, weil ihr Gegner (islamischer Terror) tatsächlich böse ist. Doch sie würden den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Solange Bräuche wie das Turamichele-Fest existieren, solange existiert auch der Nährboden für Antisemitismus, Rassismus und totalitäre Gewalt

Solange Bräuche wie das Turamichele-Fest unreflektiert Spuren in Gehirnen legen, solange existiert auch der soziokulturelle Nährboden für Antisemitismus, Rassismus und totalitäre Gewalt. Augsburg, als Friedensstadt, kann die Herausforderung annehmen. Das Turamichele ist kein Kinderfest. Kinder, zumal die kleinen, unterscheiden nicht zwischen Holzfiguren und Wesen aus Fleisch und Blut. Mit dem Turamichele wird am Rathausplatz nicht nur Gewalt als Mittel im Umgang mit Konflikten propagiert, sondern – vor allem – die euphorisch-mörderische, vollkommen mitleidslose und brutalstmögliche Vernichtung des Gegners. Das ist nicht bloß unzeitgemäß, das ist unmenschlich und unwürdig. Mitnichten handelt es sich beim Gegner des Turamichele um einen „Teufelsdrachen“, wie von den Veranstaltern suggeriert. Der Unterlegene hat Menschengestalt und wurde durch diverse Anleihen aus dem Bestiarium zum dunklen, schmutzigen Untermenschen stilisiert. Da sich Metaphysik und handfeste ökonomische Interessen generell zum mutmaßlichen Vorteil aller kombinieren lassen, freuen sich die Veranstalter auch in diesem Jahr, Kinder und Eltern „beim mittlerweile über 400 Jahre andauernden Kampf Gut gegen Böse und einem XXL-Shoppingerlebnis begrüßen zu dürfen“ (CIA). „Blutrausch trifft Kaufrausch.“ Viel mehr als Sarkasmus möchte man dieser Gedankenlosigkeit nicht hinzufügen.

Was bliebe übrig, würde dem Turamichele-Fest sowohl die eschatologische Überhöhung, als auch der blinde Kommerz entzogen? Nichts! Um im Zuge der allgemeinen Musealisierung auch das Turamichele in die Jetztzeit zu überführen, könnten neue Wege der interaktiven Auseinandersetzung mit dem Thema eingeschlagen werden. Vorstellbar wäre die Partizipation des Publikums, etwa indem Kinder die blutige Lanze mittels Wireless-Joystick selbst in den zappelnden Körper des Unterlegenen rammen.

Stattdessen könnten die Turamichele-Figuren (und dieser Vorschlag ist durchaus ernst gemeint) auch in ein richtiges Museum verfrachtet werden, um dort aus der Distanz, aber plakativ, die Unterschiede zwischen totalitär-messianischen Ideologien und einer säkularen, freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft zu demonstrieren. Für kontemplativ Veranlagte bietet die christliche Mythologie auch freundlichere Versionen der Konfliktbewältigung an. Wie zum Beispiel die friedensstiftende Legende der Martha von Bethanien, die den menschenfressenden Drachen Tarasque mit einem selbst gebastelten Kreuz aus Zweigen und ihrem sanften Gesang zähmte.

zum Autor:



Bernhard Schiller studierte Philosophie, Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie. Er lebt und arbeitet in Augsburg als Pädagoge und freischaffender Philosoph.



Im Rahmenprogramm des Augsburger Friedensfestes war er in den letzten Jahren mit dem Format „Philosophisches Zwischenspiel“ vertreten.


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