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Donnerstag, 17.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Zukunft(s)musik in musealem Ambiente

Unter der Überschrift „Kommentare“ präsentierten sich die Augsburger Philharmoniker mit neuer Musik einem leider sehr spärlichen Publikum im MAN-Museum

Von Halrun Reinholz

Thomas Herzog (c) thomasherzog.ch

Neue Musik klingt für so manchen Klassikhörer eher bedrohlich, ungern lässt man sich auf Disharmonien ein. Und dennoch kann man auch Spaß haben am spielerischen Umgang mit dem Konventionellen, Vertrauten. Wie unterschiedlich neue Musik außerdem sein kann, zeigten die Augsburger Phliharmoniker im geräumigen Saal des MAN-Museums. Eine wunderbare Spielstätte übrigens: groß, mit einer nutzbaren Empore. Hauptsponsor MAN bietet den Augsburgern Philharmonikern damit neben der finanziellen auch logistische Unterstützung in diesen prekären Zeiten der Raumsuche.

Von Arnulf Herrmann, Jahrgang 1968, kam das Einstiegsstück  „Fiktive Tänze“ aus dem Jahr 2008.  Ausgehend von einem „realen“ Tanz („Gerader Tanz“ – auch nur noch schwer als solcher zu erkennen) spielt der Komponist mit Rhythmen und Harmonien, sehr zum Vergnügen der Musiker, dem man sich als Zuhörer schließlich auch ergibt. Schwerer tat man sich als harmonieverwöhnter Musikhörer mit dem zweiten Stück, „AZ für Ensemble“ von Mark André (Jahrgang 1964). Hier wurden die Musiker zu sehr ungewöhnlichen Handlungen an ihren Instrumenten aufgefordert, zum Klopfen und Kratzen – etwa mit der Kreditkarte statt mit dem Geigenbogen. Auch die Bläser gaben „flüsternde“ Töne von sich. Zum Glück hatte Thomas Herzog, der Dirigent, das Publikum adäquat darauf vorbereitet. Man merkte seinem Dirigierstil an, dass er als ehemaliger Schlagzeuger den Rhythmus besonders im Fokus hat, was bei neuer Musik sicher ein dankbarer Ansatz ist. An seinem derzeitigen Wirkungsort Basel ist er übrigens explizit Ballettdirigent.

Doch zurück zur Neuen Musik. Für das Hauptstück des Abends war eine Umbaupause nötig, denn Tristan Murail (Jahrgang 1947) hatte für sein Stück „Légendes urbaines“ aus dem Jahr 2006 eine ganz bestimmte Orchesterzusammensetzung vorgesehen: Ein Streichquartett neben dem „Ensemble“ , eine „Oboe in der Ferne“ und “Blechbläser auf der Empore”.  Das Stück entstand als Auftragswerk zum Thema Großstadt, im speziellen Fall die Stadt New York, und präsentiert sich deshalb als eine Art Spaziergang durch New York. „Promenaden“ genannte Zwischenstücke führen zu konkreten Zielen wie „Staten Island Ferry“ oder “George Washington Bridge”, dazwischen greifen die Stücke Impressionen wie „Sunday Joggers“ auf. Eine sehr vergnügliche Reise, die (wie der Komponist selbst auch deutlich macht) nicht an die Stadt New York gebunden ist, sondern das Großstadtflair generell zum Thema hat. Die Philharmoniker präsentierten dieses ungewöhnliche Werk – zum Umbau gehörte auch die Ausstattung der Notenständer mit langen Holztafeln, weil die Noten offenbar vom Standardformat deutlich abwichen – in deutscher Erstaufführung.

Schade, dass neue Musik so wenig Publikum anlockt. Wenn sie musikalisch wie didaktisch so souverän und unaufgeregt vermittelt wird, wie von Thomas Herzog, ist so ein Abend ein echtes musikalisches Vergnügen.