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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Zuerst brannten Bücher, später Menschen

Wolfram Kastner sprach über die Bücherverbrennungen der Nazis

Von Frank Heindl

1933 brannten in Deutschland Bücher. Fünf Jahre später standen Synagogen, von Juden bewohnte Häuser und Geschäfte in Flammen. Und wenig später schon begannen in Auschwitz die Verbrennungsöfen zu arbeiten. Heinrich Heine hatte es geradezu prophetisch vorausgesehen: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Wie man die Erinnerung daran wachhalten kann, dass die Bücherverbrennungen Vorboten der grauenhaften Unmenschlichkeiten der Nazis waren, darum drehte sich am Mittwoch ein Vortrag des Künstlers Wolfram Kastner im Jüdischen Kulturmuseum.

Zunächst ging es Kastner darum, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Zum Beispiel dem, dass Bücherverbrennungen nur am 10. Mai 1933 stattgefunden hätten – Kastner weist nach, dass sich die Aktionen über Wochen hinzogen. Zum Beispiel, dass nur Einzelbücher verbrannt worden seien – Kastner zeigt auf, dass auch ganze Bibliotheken der Parteizentralen von SPD und KPD mit unersetzlichen Originalen vernichtet wurden. Zum Beispiel, dass es nur die Nazis waren, die die Verbrennungen ins Werk setzten –Kastner betont dagegen, dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens gegeben habe, Bücher jener Autoren, die man als „undeutsch“ empfand, auch dann zu zerstören, wenn man sie weder verstanden noch überhaupt gelesen hatte: Kleriker beider Konfessionen, Studenten und Professoren aller Fakultäten, Jugendverbände – sie alle waren mit Eifer dabei, als man in Berlin, Frankfurt, Heidelberg und vielen anderen Städten daran ging, Literatur auf den Scheiterhaufen Feuer zu werfen. In München, der „Hauptstadt der Bewegung“, tat man sich besonders hervor: 50.000 Menschen versammelten sich um das große Feuer auf dem Königsplatz, die Einladung zur Auftaktveranstaltung forderte feierliche Kleidung („dunkler Straßenanzug oder Uniform“), im Rahmenprogramm wurde Beethoven gespielt.

Aktive Erinnerung erzeugt „giftige Schadstoffe“

In München begannen auch Kastners deutschlandweite Aktionen zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen. In den Rasen des Königsplatzes, dort, wo 1933 Bücher brannten, wollte Kastner ein schwarzes Loch einbrennen, eine Tafel sollte an die Bücherverbrennung erinnern. Indes: Die Stadt verbot die Aktion – Auftakt zu einer nahezu unglaubliche Serie von Verhinderungstaktik der Stadtverwaltungen quer durch Deutschland. In Frankfurt am Main verbietet man eine ähnliche Aktion, als Kastner sie trotzdem durchführt, werden tags darauf alle Spuren beseitigt. In Kassel verhindert eine Koalition aus SPD und Grünen eine Erinnerungsaktion – die Grünen befürchten die Freisetzung von „Dioxinen und anderen Schadstoffen“ bei der Rasenverbrennung. In Heidelberg wird mit einem medizinischen Gutachten gegen einen Lichtspot argumentiert, der nach Kastners Plan nachts einen symbolischen schwarzen Fleck beleuchten soll – Erinnerung ist „gesundheitsschädlich“. In München, wo nach Presseberichten die Aktion auf dem Königsplatz nachträglich doch noch erlaubt wird, erhält der Künstler anschließend eine Rechnung für die Beseitigung der Schäden, die er angerichtet hat: Die verbrannte Grünfläche wird wenig später aufwendig saniert, frischer Humus und Gras vom „städtischen Rollrasenkommando“ (Kastner) sollen dafür sorgen, dass schnell alle Spuren der Erinnerung wieder beseitigt werden. Kein Wunder: Die Stadt selbst hatte die Neuanlage des Königsplatzes mit den Worten gewürdigt, nun dürfe „endlich“ wieder „Gras über die Geschichte wachsen.“ Für Wolfram Kastner ein weiteres Beispiel dafür, mit welche „Dreistigkeit“ hierzulande „Geschichte spurlos beseitigt wird.“

Kastner allerdings blieb und bleibt beharrlicher Optimist. Zwar gibt es nach wie vor in vielen Städten keinerlei Erinnerungsmal zur Bücherverbrennung (Nürnberg etwa weigert sich beharrlich, auch nur eine Tafel anzubringen), in anderen verwirren nichtssagende Schilder mehr, als sie informieren – in Erlangen etwa gibt eine Tafel mit dem Text „Hier wurden 1933 Bücher verbrannt“ Rätsel auf, weil sie weder Täter noch Opfer benennen will. Aber in München beispielsweise hat sich doch einiges verändert: Auf dem Königsplatz finden seit einigen Jahren am 10. Mai Lesungen aus Büchern der „verbrannten Dichter“ statt – in diesem Jahr beteiligen sich auch sechs Schulen an der Aktion. Und ums Lesen geht es Kastner vordringlich: Seine Aktionen sollen nicht nur an die Schandtaten der Nazis erinnern, sondern auch an jene Dichter, deren Existenz als Schriftsteller in vielen Fällen tatsächlich vernichtet wurde. „Die Nazis“, fürchtet Kastner, „haben damit ihr Ziel wirklich erreicht“: Manche Literaten, Kastner hebt beispielsweise die Autorin Elisabeth Castonier hervor, seien völlig der Vergessenheit anheimgefallen.

Am Montag: Lesung im Jüdischen Kulturmuseum

Umso mehr freut sich Kastner, dass die Bücher der Sammlung Georg Salzmann in Augsburg eine Bleibe gefunden haben (die DAZ berichtete). An der Universität werden sie derzeit katalogisiert und sollen bald der Öffentlichkeit zugänglich sein. Und am Montag, 10. Mai, dem „offiziellen“ Datum der Bücherverbrennung, findet im Jüdischen Kulturmuseum eine zwölfstündige Lesung statt. Augsburger Prominenz von PB Kurt Gribl über Intendantin Juliane Votteler und Buchhändler Kurt Idrizovic bis hin zu Autor Peter Dempf lesen im Viertelstundenrhythmus aus Werken von Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Bertha von Suttner, Marieluise Fleisser, August Bebel und vielen mehr.

Anschließend aber geht Kastners Kampf weiter – obwohl er auch als „normaler“ Künstler arbeitet, Bilder malt und Objekte erstellt, ist ihm die Erinnerung an die verbrannten Bücher und ihre Autoren zur Lebensaufgabe geworden. Er hat Erklärungsversuche dafür, warum ihm auch 65 Jahre nach Kriegsende immer noch allerorten Steine in den Weg gelegt werden – die Stadtoberen wollten eben „nichts Störendes auf dem touristisch vorbereiteten Boden haben.“ Doch solche Argumente fühlen sich, wenn man genau hinhört, zynisch an. Mut macht ihm dagegen der Zuspruch von den „normalen Leuten“: Es sei immer nur die „fürsorgliche Belagerung“ der Ämter und Verwaltungen, die ihm zu schaffen mache, wohingegen die Menschen, die seine Aktionen erleben, die Schüler, die Passanten, interessiert, aufgeschlossen, erfreut seien: „Die sind viel mündiger, als man sie haben will.“

» Lesen gegen das Vergessen – Programm (pdf 1,6 MB)