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Samstag, 18.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Zebras und Giraffen, Kinder und Senioren

Augustanasaal: Generationsübergreifendes Projekt zeigt ein Musical

Von Frank Heindl

Seit September vergangenen Jahres sind in der Grundschule am Roten Tor die Giraffen los. Und die Zebras. Und die Erdmännchen. „Tuishi Pamoja“ heißt das afrikanische Musical, das Kinder und Senioren dort in einem bemerkenswerten Projekt gemeinsam einstudiert haben. Am Samstag und Sonntag dieser Woche kann man sich das Ergebnis im Augustanasaal ansehen – der Eintritt ist kostenlos.



„TuPaSeKi“ heißt das Projekt, ausgeschrieben bedeutet das „Tuishi Pamoja – Senioren + Kinder“. Tuishi Pamoja entstammt der afrikanischen Bantusprache Suahili und bedeutet: „Wir wollen zusammen leben.“ Die Initiatorinnen Daniela Tratz und Pia Greenaway sind im sechsten Semester Studentinnen des Fachs „Elementare Musikpädagogik“ am Leopold Mozart Zentrum Augsburg. Man könnte sagen, dass die Initiative und „TuPaSeKi“ zu ihrer Ausbildung gehört. Allerdings muss man wissen, dass sie ihr Projekt daran gerademal „auf einen Schein angerechnet bekommen“ – das ist nicht viel Lohn für sehr viel Arbeit: „Wir haben tausende von Stunden damit verbracht“, seufzt Pia Greenaway. Doch dieser Seufzer hört sich keineswegs unglücklich an. Denn ihr Ziel haben die Studentinnen eigentlich schon vor Monaten erreicht – die Aufführungen am kommenden Wochenende wären dafür gar nicht mehr nötig gewesen.

„TuPaSeKi“ ist ein „intergeneratives Projekt“. Natürlich braucht so ein Projekt ein Ziel – in diesem Fall die Präsentation eines afrikanischen Musicals. Doch den Studentinnen kommt es auf etwas ganz anderes an: zwischen den Generationen zu vermitteln, Kindern mit Senioren zusammenzubringen, die Schranken zwischen beiden Gruppen abzubauen. Und das hat schneller geklappt, als sich die beiden jungen Frauen das hätten vorstellen können: Die Teilnehmer haben sich „wirklich ganz schnell sehr lieb gewonnen“, schwärmte Daniela Tratz schon im März. Dabei hielt sich die Begeisterung bei Jungen und Alten durchaus die Waage: Die Kinder übten zuhause, brachten immer wieder neue Ideen mit. Und die Senioren erschienen zum Teil schon eine Schulstunde vor Probenbeginn, weil sie sich so nach den Kindern sehnten: „Wie die sich jedes Mal freuen!“, schwärmt Greenaway – und freut sich noch mehr, dass die Folgen der Probenarbeit schnell über das Projekt hinausgingen: Die Senioren treffen sich mittlerweile auch zu Radtouren und anderen Freizeitaktivitäten.

Spickzettelchen und Bewegungsübungen

Ursula Schien hatte aus einem Flyer von dem Musicalplan erfahren. Anfangs was sie ziemlich skeptisch: „Ich hab’ doch noch nie im Leben Theater gespielt!“ – dass sie schließlich bei einer Rolle landen würde, in der sie solo singen muss, hätte sie sich nicht träumen lassen. Immerhin: In einem VHS-Chor hat sie schon früher Gesangserfahrung gesammelt. Und auch das Problem mit dem Auswendiglernen bekam sie mit der Zeit auch in den Griff. „Natürlich tun sich die Senioren schwerer mit dem Lernen“, sagt Daniela Tratz, „aber sie finden schon ihre eigenen Wege.“ Ursula Schien (die Kinder nennen sie einfach „Ulla“) fing also an, sich viele Spickzettel zu schreiben. Und anstatt gelangweilt aus dem Fenster zu schauen, übte sie fortan in der Straßenbahn ihre Rolle – und nicht nur dort: „Ich ziehe bei jeder Gelegenheit meine Zettelchen aus der Tasche“, berichtet sie, und die CD mit den Songs höre sie oft noch nachts im Bett. Die eigenen Töchter und Enkelkinder fänden das übrigens toll!

Ähnliches berichtet auch Ajla. Schließlich macht sie den gleichen Job im gleichen Stück. Nur ist sie erst acht – und damit 61 Jahre jünger als Ursula Schien. Sie übe zuhause jeden Tag ihre Bewegungen und die Lieder und bekomme große Unterstützung von ihren Eltern. Ajla ist wie die anderen Kinder Schülerin an der Grundschule am Roten Tor, deren Direktor Franz Guggenberger für seine Aufgeschlossenheit gegenüber musikalischen Projekten bekannt ist – er stellt den Musiksaal und die erforderlichen Instrumente zur Verfügung und sei überhaupt „sehr engagiert“, loben die Studentinnen.

Mehr gelernt als in der Schule

Lauter Gesang, bunte Tücher, ausgelassene Stimmung: die Proben zu „Tuishi Pamoja“ waren für Senioren wie Kinder ein einziges Vergnügen.

Lauter Gesang, bunte Tücher, ausgelassene Stimmung: die Proben zu „Tuishi Pamoja“ waren für Senioren wie Kinder ein einziges Vergnügen.


Engagement ist sowieso nicht ihr Problem – sie haben genau so viele Mitspieler gefunden, wie das Stück erfordert, und vieles ging danach „wie von selbst“: Mit Marco Bauschmid fand sich ein Theatermaler, der die Bühnenbilder kostenlos herstellt, eine Seniorin Gertrud Albrecht hat die Kostüme geschneidert und war bei jeder Probe da, um anzupassen und nachzubessern. Die Proben, das geben die Studentinnen durchaus zu, waren „nicht unanstrengend: wir haben wahnsinnig viele gebraucht“, schließlich seien alle Teilnehmer „komplette Laien“, obwohl auch „ein paar Naturtalente“ dabei seien. Und gegen Schluss löste sich sogar noch das größte Problem – nämlich das finanzielle. 4500 Euro waren nötig: Den Augustanasaal gab’s billiger, aber vor allem die erforderliche Bühnen- und Beleuchtungstechnik ist teuer. Anfangs gab’s einen Zuschuss von der Sparkassen-Stiftung „Aufwind“ – und später kamen weitere Sponsoren hinzu.

Am kommenden Wochenende also wird „TuPaSeKi“ auf der Bühne stehen – und ungefähr dieselbe Geschichte, die Kinder und Senioren bei den Proben erfahren haben, dem Publikum präsentieren. Es geht um Giraffen und Zebras: Die können sich am Anfang überhaupt nicht leiden, finden sich im Gegenteil ziemlich doof – die einen haben nämlich Punkte, die anderen dagegen Streifen. Die Erdmännchen haben glücklicherweise ein bisschen mehr Grips: Sie vermitteln zwischen den verfeindeten Parteien und sorgen so für Freundschaft in der Savanne. So ungefähr, wie die beiden Studentinnen für Freundschaften zwischen den Generationen gesorgt haben mit einem Projekt, bei dem es für alle Beteiligten, so formuliert es Daniela Tratz, „so viel zu lernen gab, wie man das in der Schule nie hinkriegen kann!“

Kindermusical Tuishi Pamoja.

Augustanasaal Augsburg (Im Annahof)

Samstag, 19. Mai, 15 Uhr und

Sonntag, 20. Mai, 18 Uhr.

Der Eintritt ist frei.