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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Montag, 12.11.2018 - Nr. 316 - Jahrgang 6 - www.daz-augsburg.de
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Wohl geordnete Bewusstseinsmaschine

Caroline und Frank Mardaus stellen im Stadtarchiv „WE-0007“ aus

Von Frank Heindl

Findbücher verwenden auch klassische Archive wie das Stadtarchiv - sie helfen dabei, alles, was archiviert wurde, auch wieder zu finden

Findbücher verwenden auch klassische Archive wie das Stadtarchiv - sie helfen dabei, alles, was archiviert wurde, auch wieder zu finden


Ein Archiv der Erinnerung? – Nichts einfacher als das, mag der Laie denken. Man führt Tagebuch, man fotografiert, man hat ein gutes Gedächtnis – alles zusammen schafft den privaten Kosmos der Erinnerungen. Doch hoppla – ist darin eigentlich alles verzeichnet? Wie bin ich eigentlich damals auf die Idee gekommen, Karl nach Bielefeld einzuladen? Warum hat Anna auf diesem Foto Papas karierte Jacke an? Und wer hat mich auf die Idee gebracht, ein gefälschtes Goethegedicht zu schreiben?

Das Gedächtnis ist eine extrem komplizierte und leider auch fatal lückenhafte Einrichtung. Bruchstücke bewahren wir in unseren nach und nach absterbenden grauen Zellen auf, und bei mancher wertvollen Memorabilie klappt schon bald die Zuordnung nicht mehr: wann war denn das? Und wo? Und wie hieß nochmal diese punkige Busfahrerin?

Caroline und Frank Mardaus, ein Augsburger Künstlerehepaar, haben das Problem im Griff – zumindest teilweise. Wer seine persönlichen Erinnerungen so perfekt wie möglich archivieren möchte, dem sei ein Besuch ihrer Ausstellung empfohlen. Wer’s nachmachen möchte, wird allerdings zukünftig für nicht mehr viel anderes Zeit haben. Seit vergangenem Freitag kann man im Stadtarchiv (welch ein passender Ort!) einen Teil dessen in Augenschein nehmen, was vor allem Frank Mardaus gesammelt hat. Der 40jährige Volkswirt, Fotograf und promovierte Literaturwissenschaftler hebt seit seinem neunten Lebensjahr alles auf, was ihm wichtig erscheint, und das vorgeblich Unwichtige noch dazu. Und hat sich ein kompliziertes, aber ungemein hilfreiches System ausgedacht, um all das Gesammelte, Archivierte nicht nur wieder zu finden, sondern sich, seiner Frau und dem Ausstellungsbesucher die Möglichkeit zu schaffen, den ungeheuren Fundus jederzeit gedanklich neu zu arrangieren, alte Assoziationen neu heraufzubeschwören und neue Verbindungen zu schaffen, Verkettungen und Verknüpfungen zu erzeugen und so – philosophisch gesprochen – Erinnerung und Bewusstseinsfluss transparent und überprüfbar zu machen und jederzeit Zugriff darauf zu haben.

Wissen, wovon man nicht wusste, dass man es weiß

Das Findsystem mache es möglich, schwärmt Mardaus, „dass man weiß, wovon man gar nicht wusste, dass man es wusste.“ Es ermögliche, längst Vergessenes ins Bewusstsein zurückzuholen – von der „Schaffung eines präsenten Bewusstseins dessen, wo man war“ spricht der Künstler. Seine Frau Caroline Mardaus gewinnt damit die Chance, die Entstehung ihrer eigenen literarischen Texte anhand der gespeicherten Quellen nachzuvollziehen – und während des Nachvollziehens bereits neue Assoziationen und neue Texte zu erzeugen.

Seite 153 des Findbuches zu "WE-0007": Originaldokumente, die man im Ausstellungskarton mit der Signatur DO-00860 - DO-00004 findet

Seite 153 des Findbuches zu "WE-0007": Originaldokumente, die man im Ausstellungskarton mit der Signatur DO-00860 - DO-00004 findet


Die Ausstellung bietet einen vergleichsweise einfachen Weg, diese Methode nachzuvollziehen. Im Zentrum steht ein Gedicht von Caroline Mardaus: „Fünf Gewässer für uns vier“ heißt es und hängt, auf DIN A 1 großes Papier gezogen, neben vielen weiteren Texten an einer Wand im Eingangsflur des Stadtarchivs. Anhand von Signaturen am Textrand kann der Besucher nun den „Hintergrund“ einzelner Texte nachvollziehen. DO beispielsweise verweist auf die Sammlung von Originaldokumenten, AA auf Fotos, OD auf Ordner und AL auf Literatur – meist sind das Texte von Caroline Mardaus. Doch beim Wühlen in Erinnerungen fallen uns gewöhnlich nicht nur die Dinge ein, nach denen wir suchen, sondern auch jede Menge weitere, die mit der Sache (scheinbar) gar nichts zu tun haben. Deshalb befinden sich in den 30 Fotokartons, die in der Ausstellung zur Verfügung stehen, nicht nur diejenigen Fotos, auf die der Text verweist, sondern viel mehr: Zufallsfunde können so den Betrachter auf ganz neue Fährten führen und ihn von seinem ursprünglichen Ziel weit abbringen – die „Besichtigung“ wird so träumerisch, assoziativ, unlogisch, zufällig wie der künstlerische, wie der Schaffens-, wie der Bewusstseinsprozess. Weshalb das Archivierungssystem natürlich nur eine vordergründige Ordnung schaffen kann – durch die unendliche Zahl von Kombinationsmöglichkeiten, die es zur Verfügung stellt, führt es sich eigentlich selbst ad absurdum: Der völlige Überblick bleibt schlichtweg unmöglich.

90.000 Dokumente im Fundus

Es ist wohl kaum übertrieben, die ganze Ausstellung als eine Art großer Bewusstseinsmaschine zu betrachten – die Künstler stülpen den gesamten Schaffensprozess nach außen, jeder Besucher hat die Möglichkeit, sich einzuklinken in ihre Gedanken- und Erinnerungswelt, in die Produktionsprozesse des Paares einzudringen. Wer möchte, kann das Ganze sogar mit nach Hause nehmen: In einem „Findbuch“ ist die komplette Ausstellung dokumentiert. WE-0007 heißt sie übrigens, wobei WE für Werkeinheit steht und 0007 dafür, dass die Künstler natürlich nur eine von vielen Einheiten ausstellen – ihr kompletter Fundus umfasst gut und gern 90.000 Dokumente.

Ein ganzes Jahr lang haben Caroline und Frank Mardaus die Ausstellung vorbereitet. Zunächst sollte sie im neuen Textilmuseum präsentiert werden, doch da sich dessen Eröffnung verzögert, geriet man ans Stadtarchiv. Nun steckt in der Präsentation auch ein politischer Hinweis: „Wie wichtig ein Archiv ist, was so etwas für eine Stadt bedeutet, kann diese Ausstellung nebenbei auch klar machen“, meint Frank Mardaus.

Die Ausstellung im Stadtarchiv, Fuggerstraße 12, ist geöffnet Montag bis Donnerstag von 8-17 Uhr, Freitag von 8-12 Uhr. Der Eintritt ist frei.



Weitere Informationen im Ausstellungsblog unter http://we-0007.blogspot.com sowie auf der Homepage der Künstler unter www.mardaus.de.



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