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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Wohl durchdacht und mitreißend

Ute Lemper eröffnete das Brechtfestival schon vor der Eröffnung

Von Frank Heindl

Die offizielle Eröffnung des Brechtfests im Goldenen Saal zu Augsburg stand noch bevor, da eröffnete Ute Lemper am Donnerstag mit einem Brechtprogramm das elftägige Festival schon mal vorneweg. Wegen des Opernballs am Samstag stand das Stadttheater nicht zur Verfügung – die Gersthofener Stadthalle musste als (inadäquate!) Ersatzspielstätte herhalten. Aber schließlich kommt’s ja auf den Inhalt an, und der konnte sich sehen, sprich: hören lassen.

Ute Lemper nach ihrem Konzert in Gersthofen, neben ihr Festivalleiter Joachim Lang. Umrahmt werden sie von Anne Langer (links) und Barbara Eschlberger vom Augsburger Festivalteam.

Ein auch in den USA gefeierter Star aus der Welt der großen Konzertbühnen – man hatte befürchten können, dass „die Lemper“ die Hauptsache des Konzertabends, und dass „der Brecht“ dabei zur Nebensache würde. So kam es aber nicht. Mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen näherte sich die Sängerin dem Augsburger Dichter, vermied Klischeehaftes, bremste das Tempo immer wieder mit nachdenklichen Zwischentexten, schauspielerte wenig, berlinerte allenfalls ein bisschen beim Bilbao-Song, rümpfte arrogant das Näschen beim „Beneidenswert, wer frei davon“ im Salomon-Song, lieferte eine laute, sarkastische, fast schon aggressive Variante des Kanonen-Songs aus der Drei-Groschen-Oper.

Ganz so einfach ist das zwar nicht mit dem Brecht, wie die Sängerin meint. Dass er im Osten nur „verhunzt“ worden wäre, ist schon ein bisschen deftige Geschichtsklitterung, wenn man auch in Betracht sieht, wie Brecht im Westen geschnitten und verfemt wurde – Augsburg kann da gut als Beispiel dienen. Und schließlich hatte Brecht selbst sich sehr bewusst für den Osten entschieden und Gründe dafür angegeben. Auch die Tautologie, dass man heute „Brecht wieder als den sieht, der er war“, dürfte wissenschaftlich nicht unbedingt fruchtbar sein. Gerade das Augsburger Festival zeigt ja, dass man Bertolt Brecht heute facettenreicher denn je betrachten und über diese Facetten auch streiten kann.

Ute Lemper lieferte „ihren“ Brecht

Schwamm drüber. Lemper lieferte eben „ihren“ Brecht und tat damit genau, was man von einer guten Interpretin erwarten sollte. Auch sprachlich einfühlsam trug sie beispielsweise das Gedicht „An die Nachgeborenen“ vor – was will man mehr, als dass ein großes Publikum mal wieder still und ernsthaft diesen stets aktuellen Zeilen lauscht: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.“

Nebenbei gab’s auch Beiträge von Zeitgenossen Brechts, etwas „Der Graben“, von Kurt Tucholsky gedichtet, von Hanns Eissler in Töne gesetzt, gab’s einen Piazzolla-Tango (am leisen Bandoneon still im Hintergrund: Tito Castro) und zur Klavierbegleitung (Vana Gierig) sogar ein wunderschönes, jazziges Flügelhorn-Solo, von Lemper stimmlich improvisiert. Für ein jiddisches Intermezzo schien Lempers Stimme dann doch ein bisschen zu operettenhaft, dafür aber war der Schluss dann wieder umso gelungener: Den begann sie mit dem Gassenhauer „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, mischte aber ein paar Happen Haifischzähne aus „Mackie Messer“ und ein paar düstere „Cabaret“-Zitate hinein und entzog so subtil der Berlin-Schmonzette den Klischeeboden – eine durchaus brechtsche Vorgehensweise, dem lustigen Berliner Leben ein paar tragische Komponenten unterzujubeln; und schließlich koppelte ein schwer verbluester Alabama-Song Brecht mit Amerika, ohne dafür die leidig abgedroschenen Doors bemühen zu müssen.

Das war alles nicht zufällig gut, sondern wohl durchdacht und das eigentlich Mitreißende an diesem Konzert – dass „die Lemper“ eine hervorragende Sängerin ist, hatte man schließlich schon vorher gewusst. Dass sie den Brecht so gut zu erden wissen würde, war nicht unbedingt selbstverständlich; und dass man am Schluss dann auch noch mitpfeifen und mitklatschen durfte, wäre nicht per se angemessen gewesen, ging in diesem Kontext aber durchaus in Ordnung.