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Samstag, 08.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Wo beginnt Gewalt?

Bluespots Productions inszeniert „Call a Conflict“ in der Wohnung des Landtagsabgeordneten Linus Förster

Von Rebecca Steinhart

In der Küche droht die Situation zu eskalieren. Während Ruth mit eingezogenen Schultern dasteht schimpft ihr aggressiver Ehemann auf sie ein. Die Atmosphäre in dem Raum ist gedrückt. Es ist die Küche von Linus Förster. Verschiedene Dramen spielen sich an diesem Abend in seiner Wohnung ab.

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Allgemeines Unbehagen fast greifbar: Schauspieler und Publikum in Linus Försters Schlafzimmer (Foto: Christian Krinninger)


Ob es die junge Frau ist, die ihren Freund als Loser beschimpft, die Mutter, die ein dunkles Geheimnis mit ihrem Sohn teilt oder der trinkende Ehemann, der seine Frau mit Gewalt unterdrückt und keine Grenzen kennt. Am Premierenabend des Stückes „Call a Conflict“ des Augsburger Theaterensembles Bluespots Productions ging in der Wohnung von Dr. Linus Förster am vergangenen Sonntag nichts seinen gewohnten Gang. Zahlreiche Augsburger waren hier als Theaterbesucher zu Gast und konnten in seiner Küche und seinem Wohn- und Schlafzimmer miterleben, welche verschiedenen Gesichter häusliche Gewalt haben kann.

Theater in der eigenen Wohnung: keine einfache Erfahrung

Linus Förster erzählte später, dass er im Vorfeld einfach zugesagt hat. Er begeistere sich für Projekte in ungewöhnlichen Räumlichkeiten, deswegen habe er seine Wohnung gerne zur Verfügung gestellt. Dass auch das Schlafzimmer derart in die Produktion eingeschlossen wurde, habe er dabei nicht berücksichtigt. Auch dass im Rahmen des Stücks einer der Täter später von einem Polizisten in seiner Küche als „Herr Förster“ angesprochen wurde, habe ihn getroffen.

Theater in Auftrag gegeben, um zu sensibilisieren

Initiiert worden war die Arbeit an dem Theater durch den Verein „Weißer Schrei“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch Kunst und öffentliche Aktionen das Thema „Gewalt“ zu enttabuisieren. Finanzielle Unterstützung bekommt der Verein für die in seinem Auftrag entstandene

Theaterproduktion unter anderem von Werner und Monika Meyer, die die in Augsburg bekannten Friedenshäuschen herstellen. Der „Weiße Schrei“ hat weiterhin das Bestreben, dass Opfer häuslicher Gewalt nach einem Polizeieinsatz mit einem Psychologen sprechen können. Dies sei notwendig, da viele Opfer sich nicht stark genug fühlen, sich aus ihrer Situation zu befreien. Für das Theater habe man sich bewusst für Bluespots Productions entschieden. „Es ist kein Zurücklehn-Theater“, so Dr. Pia Haertinger.

„Das Publikum muss sehr mutig sein“

Dies bestätigte auch Leonie Pichler, die das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hatte. Es sei sehr schmerzhaft für sie gewesen, das Stück zu schreiben. Während des Schreibprozesses sei sie an ihre literarischen Grenzen gestoßen. „Immer wieder war die Sprache gegen mich“, erzählte sie. Sie entschuldigte sich für das Stück, weil es sehr hart sei. „Das Publikum muss sehr mutig sein.“ Um das Publikum zu unterstützen, waren außerdem Seelsorger von Brain4Arts vor Ort, an die sich die Zuschauer im Privaten wenden konnten. Ein Angebot, das sicher nicht fehl am Platz war.

Streit in Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer live miterleben

Die folgenden anderthalb Stunden zeigten, dass Leonie Pichler mit ihrer Aussage nicht übertrieben hatte. In den Räumen, die den Geschichten Kulisse boten, herrschte eine beengte Atmosphäre. Statt auf einer – möglicherweise sogar leeren – Theaterbühne spielten sich die häuslichen Dramen hier in einer authentischen Kulisse ab, die Grenzen zwischen Kulisse und mit wenigen Sitzplätzen ausgestattetem Zuschauerraum waren nicht klar definiert. So konnte man sich als Zuschauer der Spannung, die das Schauspiel erzeugte, kaum entziehen. Besonders in der privaten Atmosphäre des Schlafzimmers war das allgemeine Unbehagen fast greifbar. Obwohl die Dialoge und Konfliktthemen teilweise etwas an den Haaren herbei gezogen schienen, fiel es als Zuschauer nicht leicht, sich der von negativer Energie geladenen Spannung zu entziehen. So zuckten viele zusammen, als der aggressive Ehemann mit der Hand auf den Tisch schlug. Solche und andere Schlüsselmomente waren äußerst authentisch und bewiesen, dass sich Leonie Pichler intensiv mit Opfern häuslicher Gewalt beschäftigt hatte. Auch die Frage „Wo beginnt Gewalt?“ stellte sich wohl jedem, schon beim Blick auf alltägliche Kommunikation in emotional geladenen Situationen.

Aufführungen in anderen Locations geplant

Die kommenden Aufführungen des Stücks werden in einer anderen Wohnung in der Augsburger Innenstadt stattfinden, anschließend sind weitere geplant. Das Theater kann außerdem für die eigene Wohnung gebucht werden. Dr. Pia Haertinger sprach auch von einer möglichen Aufführung an öffentlichen Orten wie dem Augsburger Rathausplatz oder in einem großen Möbelhaus. Eine gute Idee, da so viel mehr Menschen erreicht werden können für ein Thema, das, wie gestern spätestens in der Diskussionsrunde deutlich wurde, durchaus auf Interesse und Betroffenheit stößt, doch leider noch ein viel zu großes Tabu in unserer Gesellschaft ist. Es bleibt zu hoffen, dass das Stück auch auf einer leeren Bühne seine Wirkung entfalten kann und die Schauspieler und das Drehbuch ohne die Hilfe der Intimität privater Räume schaffen, die Zuschauer derart in ihren Bann zu ziehen.



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