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Mittwoch, 21.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Wirtschaftswunder und keine Häkelkunst

Textilmuseum auch 2012 mit anspruchsvollem Programm

Von Frank Heindl

Zurück in die 50er-Jahre will das Textilmuseum im laufenden Jahr – mit einer großen Wanderausstellung, die hier von März bis Juli Station machen wird. Ansonsten konzentriert sich Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr vor allem auf die Zukunft – wenngleich er auf der Jahres-Pressekonferenz am Donnerstag auch mit einigem Stolz auf das vergangene Jahr zurückblickte.

Um Wiederaufbau und Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren geht es im „tim“ vom 9. März bis zum 17. Juni – der Eintritt ist frei.

Um Wiederaufbau und Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren geht es im „tim“ vom 9. März bis zum 17. Juni – der Eintritt ist frei.


2288 mal wurden im vergangenen Jahr Webmaschinen für Vorführungen angeworfen – die freiwilligen Helfer haben wiederum ein Höchstmaß an Engagement gezeigt. Vor allem aber ist das „tim“ auf mehr als 112.000 Besucher stolz – das selbst gesteckte Ziel einer sechsstelligen Besucherzahl wurde damit deutlich übertroffen. Das „erste Jahr auf eigenen Beinen“ habe man hervorragend überstanden, sagt Murr – noch im Jahr davor hatte die Landesausstellung „Bayern – Italien“ dem Museum bei den Besucherzahlen kräftig geholfen. Wiederum ist das „tim“ 2011 das Landesmuseum mit den höchsten Besucherzahlen außerhalb Münchens – mitgeholfen hat dabei die erfolgreiche Ausstellung „Reiz & Scham.“

Auch für das laufende Jahr hat Murr Highlights geplant, die auf gute Zahlen hoffen lassen. Vom 9. März bis Mitte Juni zeigt das Museum die Ausstellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“. Um die 50er-Jahre geht es in dieser allem Anschein nach reizvollen Zeitreise, um Petticoat und VW Käfer, um Schwarzmarkt und Nierentisch und das Leben in Trümmern. Ein originalgetreuer Friseursalon aus den 50ern wird dazu im Untergeschoss aufgebaut, im Foyer gibt es vielerlei Objekte, im Zwischengeschoss einen Film – besonders will Murr auch Schulklassen ansprechen.

Arbeiten mit Licht, Textil, Papier

Zwischendurch steht im April ein für das Museum wichtiger Termin an: Im vergangenen Jahr war das „tim“ mit dem Micheletti-Award als Europas bestes Technik-, Wissenschafts- und Textilmuseum ausgezeichnet worden. In diesem Jahr ist deshalb Augsburg der Verleihungsort für den nächsten Award – Prinzessin Sybille von Luxemburg wird den Preis überreichen, Gäste aus vielen Ländern werden erwartet.

Vom 17. Juli dann zeigt das „tim“ „Seh-Dinge“ – „diese Ausstellung nimmt Sie gefangen“, prophezeit Museumsleiter Murr, „das kann ich Ihnen jetzt schon versprechen!“ Gezeigt werden Werke der Textil- und Papierkünstlerin Dorothea Reese-Heim – Karl Borromäus Murr schwärmt geradezu für sie. Reese-Heim sei eine „Meisterin biomorpher Formen“, sie schaffe Formen, kreiere Räume, spiele mit Linien, in einem eigenen Raum werden, in Schwarzlicht getaucht, Lichtarbeiten zu sehen sein. Sinnlich werde die Ausstellung sein und das Haus werde sie nutzen, um seinem Anspruch als Mitmach-Museum gerecht zu werden – es soll vielerlei Möglichkeiten der Interaktion geben. Reese-Heim sei eine Textilkünstlerin, betont Murr, die mit Topflappen und Häkeln im herablassenden Sinne rein gar nichts zu tun habe – die Bilder, die er den Medienvertretern schon mal vorab zeigt, lassen in der Tat eine spannende Ausstellung erwarten. Zusätzlich wird es Performances und Vorträge geben.

Neuer Audioguide für Kinder, neues Führungsmodul für Sehbehinderte

Auch die Ernährungsgewohnheiten änderten sich nach dem Krieg. Zunächst gab es wieder Milch für alle – später dann den Wohlstandsbauch.

Auch die Ernährungsgewohnheiten änderten sich nach dem Krieg. Zunächst gab es wieder Milch für alle – später dann den Wohlstandsbauch.


Doch auch im Kleinen wird im Museum weiter gewerkelt. Ein Audioguide für Kinder ist entstanden, in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk ist er von Kindern getextet und gesprochen worden und soll den jüngeren Besuchern „das „tim“ ganz neu erschließen“. Und in Zusammenarbeit mit einer blinden Historikerin wurde ein „Führungsmodul“ für Sehbehinderte geschaffen, das auch diesen das Museum näherbringen soll. Auch mit der Kunstakademie in Stuttgart gibt es neuerdings eine Kooperation – aus der sich gut ersehen lässt, wie wichtig das „tim“ als Bewahrer der deutschen Textilindustrie ist. Denn die Kunstakademie will die Maschinen im „tim“ unter anderem nutzen, um neue Muster zu entwerfen. Bisher gab es dafür nur einen Kooperationspartner in der Toskana – so weit muss man reisen, um mit intakten Webmaschinen der Vergangenheit arbeiten zu können.

Ein Kapitel allerdings wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr für das Textilmuseum zu Ende gehen: Das Stadttheater wird das „tim“ zwar noch einmal dringend benötigen, wenn im Mai die Bayerischen Theatertage in Augsburg stattfinden, und bis dahin werde auch noch viele Theateraufführungen im ersten Stock über die Bühne gehen – doch danach dürfte Schluss sein mit der Zusammenarbeit, denn die neue Theaterbox neben dem Großen Haus wird dann wohl endlich in Dienst gehen. Und auch der Presseball hat 2011 zum letzten Mal im „tim“ stattgefunden – er zieht im nächsten Jahr wird in die dann fertigrenovierte Kongresshalle zurück.

Murr hat allerdings keine Angst vor leeren Räumen: „Es werden sich neue Projekte auftun“, ist er sich sicher. Auch für die nächsten Jahre hat er übrigens schon Pläne: 2013 wird es eine Ausstellung zum Thema „textile Architektur“ geben, ein Jahr später dann geht es in einem großen Museumsprojekt um Menschen und Macher in der bundesdeutschen Textilproduktion.