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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“Wir hätten keine andere Möglichkeit gehabt”

Die Stadionarchitekten Hermann + Öttl im DAZ-Interview

Seit drei Monaten ist das Curt-Frenzel-Eisstadion eines der Top-Gesprächsthemen in Augsburg. Das Stadion wird derzeit DEL-tauglich umgebaut. Nach Freigabe der ersten Tribünen im Oktober 2010 kam es zu massiven Protesten der Fans wegen unzureichender Sichtverhältnisse. Zum ersten Mal melden sich nun die Architekten Jürgen Hermann und Stefan Öttl zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen medial zu Wort. DAZ-Herausgeber Bruno Stubenrauch sprach mit den Stadionplanern.

Jürgen Hermann und Stefan Öttl (v.l.)Jürgen Hermann und Stefan Öttl (v.l.)

DAZ: Herr Hermann, Herr Öttl, Können Sie unseren Lesern erklären, wie es zu dem Planungsfehler kam?

H+Ö: Wir sehen zunächst mal keinen planerischen Fehler. Wenn man von einem Fehler sprechen will, dann sehen wir diesen eher in der Kommunikation.

DAZ: Das müssen Sie näher erläutern.

H+Ö: Wir hatten im Zeitraum 15. November 2009 bis 18. Januar 2010 eine komplett neue Planung aufzusetzen, um die Baueingabe einzureichen und den Baubeginn halten zu können und standen unter enormem Stress. Wir hatten viele Randbedingungen unter einen Hut zu bringen, das Dach, die Statik, die DEL-Anforderungen, die Versammlungsstättenverordnung und die Kosten. Unsere Planungen sahen zunächst Tribünen mit Stufentreppen von 22,5 cm vor. Die 22,5 cm wurden vom Brandschutz abgelehnt, parallel dazu kam das Baugrundgutachten, das diese Steigung aus statischen Gründen sowieso ausgeschlossen hätte. Genehmigt wurden uns Stufentreppen von 20 cm. Steilere Tribünen wären somit nur unter Verzicht auf Zuschauerkapazität möglich gewesen. Es ging also nicht anders.

Die Auswirkungen auf die Sichtverhältnisse sind von uns aber vielleicht nicht ausreichend diskutiert worden, weder mit dem Nutzer noch mit dem Bauherrenvertreter. Möglicherweise wäre es dann zu einer Entscheidung gekommen, einen Steigungswechsel zwischen Ost- und Südtribüne zu machen und zu sagen: ich mache die Südtribüne steiler. Das wäre vielleicht herausgekommen.

DAZ: Im Ergebnis haben wir jetzt inakzeptable Sichtverhältnisse im Stadion. So äußerte sich jedenfalls der Gutachter Dr. Nixdorf, der die Sichtlinien untersucht hat.

"Wir sehen zunächst mal keinen planerischen Fehler": Jürgen Hermann

"Wir sehen zunächst mal keinen planerischen Fehler": Jürgen Hermann


H+Ö: So hat sich Nixdorf anfangs geäußert. Und sein Gutachten hat OB Kurt Gribl dazu gebracht, öffentlich den Planungsfehler bei uns zu sehen. Auch wir waren nach dem 3. Oktober stark verunsichert und haben unsere Planung hinterfragt. Aber wenig bekannt ist, dass Nixdorf seine Stellungnahme später als hinfällig bezeichnet hat, falls sich durch Analyse gebauter Beispiele in Bezug auf die Sichtverhältnisse eine grundsätzlich DEL-taugliche Geometrie auch außerhalb der DIN-Vorgabe ergibt. Auch in der Stadtratssitzung am 7. Dezember kam von ihm der Vorschlag einer Bemusterung einer höher liegenden Eisfläche, um die Angemessenheit geforderter Nachbesserungen zu überprüfen. Aber das wollte keiner mehr so richtig wahrhaben.

DAZ: Das ist die Theorie, aber so viele Fans können doch nicht irren?

H+Ö: Am 3. Oktober wurden auf der Osttribüne 2.250 stehende Zuschauer auf eine Fläche gelassen, die für 850 Sitzplätze vorgesehen war. Es ist in Kauf genommen worden, dass die Leute auf einem Niveau hintereinander stehen. Der Nutzer wurde darauf hingewiesen, dies seinen Fans zu kommunizieren. Wäre das im erforderlichen Maß passiert, hätten wir die Diskussion in dieser Massivität heute gar nicht.

DAZ: Wurden denn inzwischen die C-Werte in anderen DEL-Stadien analysiert?

H+Ö: Ja, wir haben genau das getan, was Nixdorf in seinen relativierenden Schreiben vorgeschlagen hat, und haben andere bayerische Eisstadien untersucht.

DAZ: Und mit welchem Ergebnis?

H+Ö: Das CFS nach unserer Planung muss sich nicht hinter diesen Stadien verstecken. Wenn wir die Eisbahn, die neu gemacht werden muss, anheben, auch nur um 60 oder 75 cm, dann haben wir im CFS Sichtverhältnisse, die besser sind als in den gesamten bayerischen DEL-Stadien.

C-Werte bayerischer DEL-Stadien; Werte CFS nach Eisanhebung ohne weitere Optimierung (Analyse von Hermann + Öttl)

DAZ: Was schulden Sie denn nach Vertrag nun wirklich?

H+Ö: Jedenfalls keinen C-Wert von 9, sondern eine Sicht wie in vergleichbaren Stadien. Wenn wir von den Vorgaben vor Nixdorfs Gutachten ausgehen, unsere Vertragsgrundlagen sozusagen, könnten wir uns auf den Standpunkt stellen, dass wir keinen Planungsfehler gemacht haben. Außerdem schulden wir die Einhaltung aller weiteren Randbedingungen, z.B. der statischen Vorgaben für Eingriffe in den Osthang. Auch Nixdorf sprach bezüglich des Osthangs von einer “conditio sine qua non”.

DAZ: Worauf stützt nun die Stadt ihre Millionenforderung?

"Brutaler Schlag in die Magengrube": Stefan Öttl

"Brutaler Schlag in die Magengrube": Stefan Öttl


H+Ö: Es gibt keine Forderung. Es gibt bis heute keine Mängelanzeige. Die Forderung existiert nur in den Medien. Sie können sich allerdings vorstellen, welche Folgen die Spekulation über Schadenshöhen und ob der Versicherungsschutz überhaupt ausreicht, ausgelöst hat. Das war ein brutaler Schlag in die Magengrube.

DAZ: Wie sieht die Kommunikation mit der Stadt derzeit aus?

H+Ö: Der OB spricht seit der letzten Stadtratssitzung am 7. Dezember 2010 nicht mit uns. Wir bekommen momentan keine Informationen. Auch die diversen Gutachten und Gegenvorschläge liegen uns nicht vor. Die Fans haben mehr Informationen als wir.

DAZ: Was sich bestimmt negativ auf die derzeitige Arbeit auswirkt?

H+Ö: Seit dem 3. Oktober planen wir praktisch nicht mehr in die Zukunft. Es gab auch keine Baubesprechungen mehr, nur Besprechungen über die Interimsmaßnahmen für die jetzige Spielzeit. Jetzt laufen die ersten Behinderungsanzeigen von Firmen ein, weil Entscheidungen fehlen. Gleichzeitig fließt viel Geld in die Besänftigung der Fans und in provisorische Maßnahmen zur Herstellung des Spielbetriebs. Geld, das aus dem Projekt rausgeht.

DAZ: Können Sie unseren Lesern kurz schildern, wie Ihre Vorschläge zur Optimierung der Sichtverhältnisse aussehen, die Sie der Stadt für die Sitzung am 27. Januar unterbreitet haben?

H+Ö: Wesentlichster Bestandteil unserer Optimierungsvorschläge ist eine Anhebung der Eisbahn im Zuge der notwendigen Erneuerung derselben. Allein durch die Anhebung der Eisbahn haben dann 86% aller Plätze, also 5.450 Plätze, bessere Sichtverhältnisse als in vergleichbaren Stadien. Für die Südtribüne, den Bereich mit den niedrigsten C-Werten, schlagen wir als zusätzliche Optimierungsmaßnahme eine Aufdopplung der bestehenden Tribünen mit einer steileren Neigung vor. Dies bedeutet allerdings eine Reduzierung der Zuschauerkapazität von jetzt 6.330 auf 5.720 Plätze, alle mit einem C-Wert größer 9 cm. Sämtliche Stufengänge entsprechen den Anforderungen der Versammlungsstättenverordnung.

DAZ: Welche Entscheidung erwarten Sie am 27. Januar im Stadtrat?

H+Ö: Die Stadt weiß, dass eine Lösung mit Abbruch und Neubau im vorgegebenen Zeitrahmen nicht zu realisieren ist und dass die Mehrkosten, die dadurch entstehen, allein von der Stadt Augsburg zu tragen wären. Und Heimspiele in der nächsten Saison frühestens ab Januar/Februar 2012, wenn überhaupt stattfinden könnten. Trotzdem scheint alles in Richtung einer Entscheidung zu laufen, die den Weg des „geringsten Widerstandes“ sucht und dabei rationale Überlegungen hinten anstellt.

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Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie morgen Details zur Eisflächenerneuerung, zum „Rampenstadion“ und zum Zusammenhang zwischen den Kosten der Leuchtfassade und dem Ausbau der multifunktionalen Eventzone.