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Donnerstag, 24.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Wiedereröffnung Mozarthaus: Leopold Mozart im Fokus

Das neu gestaltete Leopold-Mozart-Haus rückt den Augsburger Handwerkersohn in den Mittelpunkt, ohne dessen Zielstrebigkeit es die Weltmarke Wolfgang Amadé niemals gegeben hätte.

Von Halrun Reinholz

Foto: © Christian Menkel

Ein Mann „von vielen Witz und Klugheit“ war Leopold Mozart, der Sohn eines Buchbinders im Augsburger Domviertel. Damit gehörte er dem „vierten Stand“ an und konnte sich kaum Hoffnung auf das internationale Parkett machen, auf dem er sich später bewegte. Doch er ist auch die Verkörperung dessen, was man damals mit Zielstrebigkeit und Bildung in der weltläufigen Atmosphäre der damaligen paritätischen freien Reichsstadt erreichen konnte.

Im Geburtshaus von Leopold Mozart in der Frauentorstraße wurde bereits in den 1960er Jahren die erste Mozart-Gedenkstätte eingerichtet. Alle Überarbeitungen der Ausstellung geschahen, wie Thomas Weitzel beim Presserundgang hervorhob, immer in „Mozart“-Jubiläumsjahren – nicht Leopold, sondern seinem berühmten Sohn Wolfgang Amadeus wollte man damit huldigen und sich in den Reigen der „Mozartstädte“ einreihen.

Zweifellos kann sich Augsburg mit gutem Recht „Mozartstadt“ nennen, kommen doch die Mozarts von hier. Und eine andere Mozartstadt gibt es in Deutschland sowieso nicht, da die Wirkungsorte des genialen Leopold-Sohnes Wolfgang, Salzburg und Wien, bekanntermaßen nicht zu Deutschland gehören. Von diesem Ruhm des Nachkommen hat man in Augsburg ein bisschen zu zehren versucht und das „Mozarthaus“ bewusst allgemein und ohne Spezifikation des Vornamens zur Schau angeboten.

Mit der neuen Ausstellung zeigt sich Augsburg jedoch so selbstbewusst, den Weggang Leopolds aus seiner Heimatstadt nicht schamhaft zu verschleiern, sondern den Augsburger selbst und seinen Werdegang in den Fokus zu stellen, die „Marke Leopold“ als Basis für die Marke „Wolfgang Amadeus“. Die Überarbeitung ergab sich zunächst aus objektiven Gründen: Das alte Handwerkerhaus hatte einen Wasserschaden und musste dringend saniert werden. Von Anfang an plante man die Neueröffnung zum 300. Geburtstag Leopolds im November 2019. Doch die Baumaßnahmen waren umfangreicher als gedacht und zogen sich hin. 1,2 Millionen Euro mussten schließlich investiert werden, die Hälfte davon trug die Stadt Augsburg.

Was die Besucher hier nun erleben können, macht die Verspätung allemal wett. Mit allen Mitteln der modernen Museumspräsentation wird Leopold Mozart in all seinen Facetten präsentiert. Elf „Themenräume“ zeigen den begabten und außerordentlich interessierten und klugen Mann in seinen verschiedenen Rollen: Als Komponist, als Musikpädagoge, als sich „hochdienender“ Musiker, als Manager seiner Kinder – und als gebildeten Mann von Welt mit einem besonderen Gespür für Netzwerke und „Darstellung“ nach außen. Das war die Triebfeder für die Erziehung und „Vermarktung“ seiner Kinder, wobei die negative Konnotation dieses Begriffs durchaus von dem liebevollen Umgang mit ihnen relativiert wird. 

Leopold war ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens, ein gläubiger Katholik, der gleichzeitig vom protestantischen und humanistischen Umfeld seiner weltläufigen Heimatstadt geprägt war. Er war wissbegierig und bestrebt, die Welt durch Reisen kennenzulernen, was er auch seinen Kindern nahebrachte. Nicht zuletzt durch die im Jubiläumsjahr 2019 erschienene Leopold-Mozart-Biographie von Silke Leopold konnten die Schwerpunkte von dessen Vita so plastisch herausgearbeitet werden.

Foto: © Christian Menkel Leopold 

 

Ausstellungsbesucher können in diese Zeit mit allen Sinnen eintauchen. Hörstationen lassen den Unterschied zwischen einem Cembalo, einem Augsburger Hammerklavier und einem Flügel deutlich werden. Mit einer Übung aus der Violinschule wird anschaulich gemacht, wie sich das Spiel eines Anfängers über mehrere Stufen von dem eines Profis unterscheidet. Sogar komponieren kann man selbst, indem man Versatzstücke eines Menuetts richtig zusammensetzt. Dabei wird deutlich, dass das Konzeptionsteam mit Simon Pickel (Mozartbüro) und Ute Legner („Mehr Musik“) alle Altersgruppen im Blick hatte – den musikwissenschaftlichen Profi ebenso wie ein Kind, das eine Geige ausprobieren möchte (und das im neuen Mozarthaus auch darf). Der Museumsfachmann Ulrich Heiß und die Münchner Agentur Unodue gestalteten aus diesem Konzept ideenreiche Räume. Etwa ein barockes Theater in der Tradition des Jesuitenkollegs, wo Leopold Mozart seine erste Bekanntschaft mit (Musik)Theater gemacht hatte. Oder einen „Sinnesraum“ – eine „Hörlounge“ mit 16 Lautsprechern und musikalisch gesteuerten Licht-Effekten für variable individuelle Hörerlebnisse.

Die originalgetreu nachgebildete Reisekutsche der Mozarts, für deren Kauf sich Leopold hoch verschulden musste, ist begehbar und eine der Attraktionen der Schau, ebenso wie die Erstausgabe seiner „Violinschule“ aus dem Jahr 1756 (dem Geburtsjahr von Wolfgang Amadé!), die Leopold Mozart von Salzburg aus in Augsburg bei seinem Freund Lotter verlegen ließ.

Das Manko, dass ein Handwerkerhaus aus dem 17. Jahrhundert nicht barrierefrei zu machen ist, wurde zumindest teilweise kompensiert, indem man im Erdgeschoss neben einem Film auch einen  interaktiven Überblick  zur Ausstellung anbietet. Selbst die Toiletten sind Teil des Gestaltungskonzepts: Die deftigen „Klosprüche“ an deren Wänden und Türen sind Originalzitate von Vater und Sohn Mozart.

Neben dem Fugger und Welser-Museum, das bereits mit einem Museumspreis ausgezeichnet wurde, hat Augsburg nun eine weitere attraktive Möglichkeit der Freizeitgestaltung für Musikinteressierte, Schüler oder Touristen. Auch die Konzerte mit dem Original Hammerklavier von Andreas Stein können demnächst (im authentischen Ambiente des „Barock-Theaters“) wieder aufgenommen werden. Leopold Mozart hätte seine Freude an dem neuen Haus.