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Sonntag, 24.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Wie der Familienbetrieb den Bach runter geht

Robert Woelfls „Familien Unternehmer Geister“ bei Dierig

Von Frank Heindl

Eine schwer nach unten und zur Seite kippender Laufsteg ist das, auf dem Bühnenbildnerin Marie Holzer das Personal von Robert Woelfls „Familie Unternehmer Geister“ ihr privat-banales Melodram zur grotesken Frace breittreten lässt; ein catwalk für den Seelenstrip, eine lange Tafel für gequälte Nahrungsaufnahme und nervige Debatten. Hier geht’s abwärts – psychisch, unternehmerisch, familiär und in rasender Geschwindigkeit.

Drückeberger am Futternapf der Familienfirma: Tjark Bernau als Unternehmersohn Jannis …

Drückeberger am Futternapf der Familienfirma: Tjark Bernau als Unternehmersohn Jannis …


Das aktuelle Problem in Woelfls Unternehmerfamilie ist die Regelung der Nachfolge. Vater Michael (im brokatenen Morgenmantel um Haltung bemüht: Martin Herrmann), Mutter Katja (zwischen Domina und Patronin mit Reitstiefeln und Hundeleine: Ute Fiedler) und Tochter Leonie (wunderbares Dummchen mit leuchtenden Augen: Christine Diensberg) reden vereint auf Jannis ein (störrisch, selbstmitleidig, geplagt und doch nicht sympathisch: Tjark Bernau). Der Sohn soll die Verantwortung und die Firma übernehmen und dem Familienbetrieb damit den dringend benötigten Überbrückungskredit verschaffen. Jannis aber will nicht. Seine Argumente: Keiner liebt mich, die Firma ist eh pleite, ich fahre lieber Motorbootrennen.

Dass in dieser Familie einer dem anderen zuhört, ist in Woelfls Text nicht vorgesehen. Dass man als Zuschauer jeden Satz versteht, ist auch nicht wichtig. Denn beinahe jeder Gedanke wird in den hektischen Dialogen mehrmals geäußert. Und zwar wortgleich. Langweilig ist das zunächst nicht – im Gegenteil, die Atemlosigkeit steckt an, und wenn es zu anstrengend wird, sorgen dazwischengeschaltete Kurzmonologe der einzelnen Familienmitglieder für Erholungspausen.

Erben und Aussterben

… gegen den Rest des Clans: Tochter Leonie (Christine Diensberg), Mutter Katja (Ute Fiedler) und Vater Michael (Martin Herrmann). Fotos: Nik Schölzel.

… gegen den Rest des Clans: Tochter Leonie (Christine Diensberg), Mutter Katja (Ute Fiedler) und Vater Michael (Martin Herrmann). Fotos: Nik Schölzel.


Vor allem in diesen Monologen wird klar, dass auf der schrägen Ebene des Laufstegs schon mehr den Bach runter gegangen ist als nur das Wohl einer Firma. Der Vater legt sich immer wieder mal auf Bahnschienen, scheut aber jeweils die allerletzte Konsequenz und steht rechtzeitig wieder auf. Die Mutter leidet an Überdruss und Depressionen, tröstet sich mit dem Kauf von immer mehr Hunden und flüchtet sich in die Gedanken an ein Leben, das sie gerne geführt hätte: große Kinderschar, Haus auf dem Land, selbstgezogener Salat – billige Abziehbilder von erbärmlicher intellektueller Schäbigkeit, auf unglaubwürdigste Weise klischeehaft. Tochter Leonie versteht sich auf nichts als aufs Erben – danach will sie „aussterben“, ohne die Aufgabe des Gebärens erfüllt zu haben. Sohn Jannis schließlich wurde nicht nur nicht geliebt, sondern absichtlich nicht geliebt – mangelnde Zuneigung und das Studium der Betriebswirtschaftslehre schienen seinen Eltern die idealen Voraussetzungen für die Unternehmensleitung.

Regisseur Ramin Anaraki hat das Stück in hohem Tempo inszeniert. Diese Dialoge zu lernen, muss für die Schauspieler eine Herausforderung gewesen sein – viele Sätze kommen nicht nur in einzelnen Szenen, sondern über das ganze Stück verteilt immer wieder und von wechselnden Personen gesprochen vor – da lässt sich kein Einsatz an Stichworte knüpfen. Dass es trotzdem nur zu kaum merklichen Verhasplern kam, ist alles andere als selbstverständlich. Des Öfteren werden die Standardsätze von mehreren Personen gleichzeitig gesprochen, mal aggressiv, mal gebetsmühlenartig.

Unrealistisches Personal

Doch die Inszenierung konnte bei aller Lebendigkeit, bei aller stringenten Choreographie und Rhythmik die Frage nach dem Sinn des Ganzen nicht auf Dauer unterdrücken. Er wolle zeigen, sagt Woelfl, dass unternehmerisches Denken zu einer gesellschaftlichen Maxime geworden sei, dass das nicht enden wollende Geschwätz von Profit und Rendite, von Expansion und Innovation alle Schichten durchdringe und unser aller Handeln bestimme – eine soziologische These von großer Relevanz, die das Nachdenken durchaus lohnt. Warum aber demonstriert er sie mit derart unrealistischem Personal? Sicher gibt es die Paris Hiltons und die Glorias von und zu Irgendwas. Doch der Geisteszustand, um nicht zu sagen die zum Himmel schreiende Dummheit solcher Extremfiguren ist eben gerade nicht typisch für eine Gesellschaftsschicht, die die Chancen der Moderne erkannt hat und sie nutzt. Das weibliche Naivchen beispielsweise, das nur ans Erben denkt, das Püppchen, dem beim Wort Studium schwindlig wird, sind nicht die Regel, Ignoranz ist längst kein positives Auslesekriterium mehr. Und wer glaubt denn im Ernst noch, man dürfe seine Kinder nicht lieben, damit sie erfolgreich würden? Das Gegenteil ist der Fall: Ein bisschen Küchenpsychologie findet sich heutzutage in wirklich jedem Haushalt, und in deren Anwendung gäbe es jede Menge Anhaltspunkte für gnadenlosen Sarkasmus und ernsthafte Gesellschaftssatire.

Und so wuchs mit Fortschreiten des Stücks die Skepsis gegenüber Woelfls Text, der Woelfls These nicht beweisen kann: Diese Familie hat zu wenig Wiedererkennungswert, zu wenig Phänotypisches. Mit wenigen Ausnahmen: Wirklich treffsicher zeigte er etwa, wie sich Mutter Katja in einer grotesken Vermischung von Religion und Esoterik ihre private „Unternehmensphilosophie“ zusammenreimt: Firmen, faselt sie, hätten wir „nur geborgt. Sie sind uns nur geliehen. (…) Unsere Firmen gehören uns nicht, und sie gehören auch nicht unseren Kindern. Firmen hat es schon gegeben, lange bevor es uns gegeben hat, und es wird sie auch noch geben, wenn wir einmal von dieser Welt verschwunden sein werden.“ Eine vielleicht betrübliche Aussicht, an der aber Woelfls Stück nichts Wesentliches ändern wird.

PS: Komödienbefürworter sind einmal mehr aufgefordert darzulegen, wie ein Stück wie dieses (und damit einen Großteil der Arbeiten moderne Autoren) auf einer Guckkastenbühne altertümlichsten Zuschnitts adäquat zu inszenieren wäre.

Und noch ein Nachsatz: Aus redaktionellen Gründen kann die Kritik zu Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ erst am morgigen Dienstag erscheinen.