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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Wer aufs Wasser schaut, kann nicht lügen“

Warum das Bayernkolleg in Augsburg bleibt und Christian Rucks Parteivorsitz gefährdet ist

Von Siegfried Zagler

Elias Katsimbalis besuchte nie eine Schule und verließ seinen Geburtsort Sougia, ein kleines Dorf an der Südküste Kretas, kein einziges Mal. Dennoch kannte er das Gefühl der Heimkehr. Katsimbalis war Fischer, wie es seit Generationen für die Männer in seiner Familie üblich war. In den Achtzigern, als die Touristen kamen, wechselte er ins „Hotelgewerbe“. Katsimbalis vermietete für fünf Mark pro Nacht kleine Kammern, die er in das Haus seiner Eltern gezogen hatte. Einmal pro Woche legte er den Gästen frische Bettwäsche vor die Tür. Manchmal gab es etwas zu reparieren. Als Elias Katsimbalis 2001 kurz vor seinem hundertsten Geburtstag nicht mehr aus seinem Nachmittagschläfchen erwachte, starb ein Mann, der sich im Alter von 59 Jahren mit Hilfe einer pensionierten japanischen Gymnasiallehrerin das Schreiben und Lesen beigebracht hatte; nicht in der griechischen, sondern in der englischen Sprache.

Und so kam es, dass Elias Katsimbalis in seiner Muttersprache Analphabet blieb, aber eine kleine Bibliothek von knapp tausend englischsprachigen Büchern und ein Dutzend handgeschriebene Kladden mit kurzen Gedichten und Erzählungen hinterließ. Das alles ist ohne Zweifel höchst erwähnenswert und würde hier an dieser Stelle dennoch mit keinem Wort Erwähnung finden, hätte sich eben jener außergewöhnliche Mann während eines Gesprächs in einer bemerkenswerten Tischrunde nicht dafür entschuldigt, dass er während des Sprechens den Blick immer wieder aufs Meer richten müsse. „Wer aufs Wasser schaut“, so Katsimbalis, „kann nicht lügen“.

Das Bayernkolleg hat in Augsburg einen sicheren Hafen …

Es gibt insgesamt sechs Kollegs in Bayern. In München heißt es München Kolleg, weil es eine städtische Einrichtung ist. In Augsburg, in Schweinfurt, in Bamberg, in Wolfratshausen und selbstverständlich in Nürnberg gibt es Kollegs, die jungen und älteren Erwachsenen die Chance bieten, die Versäumnisse der Jugend nachzuholen oder ihre zu früh von Kultur und Elternhaus vorgefertigte Laufbahn zu korrigieren. Hätte Elias Katsimbalis die Möglichkeit gehabt, ein Hochschulreifezeugnis nachzuholen, hätte er Literaturwissenschaft und Archäologie studiert, „in New York, weil das am Meer liegt“.

Die Pläne der Staatsregierung, das Bayernkolleg aus Kostengründen nach Marktoberdorf zu verlegen, haben in der vergangenen Woche in der Augsburger Stadtgesellschaft einen von allen Parteien und allen Generationen angeheizten Proteststurm hervorgerufen. Einen Sturm, dessen Stärke durch die breite Allianz des Widerstands nachhaltigen Eindruck in der Staatskanzlei hinterlassen hat. Selbst Ludwig Spaenle, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus, sei inzwischen nicht mehr für die Verlegung von Augsburg nach Marktoberdorf. Diese Idee sei Schnaps und werde bald aus der Welt sein. Die entscheidenden Gespräche würden in Kürze geführt. In Sachen Bayernkolleg sehe es insgesamt sehr gut für den Standort Augsburg aus. Diese Aussagen kamen von jemand, der es wissen sollte – und er sah während des Sprechens aufs Wasser. Nicht auf das abgrundtiefe Blau der Ägäis, sondern auf das wild schäumende Grau des Eiskanals – am Sonntag, während der Kanu-WM. Es ist noch nicht belastbar, aber wenn man dem Wahrheitsdetektor des weisen Kreters aus Sougia folgt, darf man davon ausgehen, dass das Bayernkolleg in Augsburg einen sicheren Hafen hat und dort auch in Zukunft verankert sein wird. Ob mit oder ohne Wohnheim ist allerdings völlig offen.

… und die Augsburger CSU befindet sich auf stürmischer See

Während der Kanu WM am Eiskanal war im VIP-Zelt beinahe jedermann bereit, über das in stürmische See geratene Flaggschiff der Augsburger CSU Auskunft zu geben. Eine Kanu WM ist eine tolle Sache, bunte Boote rasen durch wildes Wasser und wer am schnellsten von Punkt A nach Punkt B kommt, gewinnt. Dazwischen hat das Publikum Zeit, den Tag zu genießen und sich dabei, wie man so schön sagt, „das Maul zu zerreißen“.

Hausmacht aufgebaut: Tobias Schley

Hausmacht aufgebaut: Tobias Schley


Im VIP-Zelt waren die parteipolitischen Ereignisse der vergangenen Woche von großer Bedeutung. Im Kreisverband West der Augsburger CSU konnte sich der von Christian Ruck ins Rennen geschickte Max Becker bei der Wahl zum Vorsitzenden nicht durchsetzen. Tobias Schley behauptete sich im Amt und Rucks Versuch, Schley aus dem Spiel zu nehmen, ist nicht nur gescheitert, sondern hat sich ins Gegenteil verkehrt. Rucks abgeschmetterter Steuerungsvorgang könnte der Beginn vom Ende der Karriere des Bundestagsabgeordneten und Bezirksvorsitzenden der CSU sein, und zwar nicht nur deshalb, weil Rucks Kandidat gegen Schley nicht die Bohne einer Chance hatte, sondern weil sich Tobias Schley offensichtlich eine Hausmacht in der CSU aufgebaut hat. Die Delegiertenliste für die Bezirksvorstandswahlen, die am vergangenen Mittwoch abgestimmt wurde, wird zwar erst heute ausgezählt und bekanntgegeben. Vieles, so das Gezwitscher in der VIP-Lounge, deute aber nach dem spektakulären Wahlabend darauf hin, dass sich für Christian Ruck am 20. Juli auf dem Bezirksparteitag der CSU bei den anstehenden Neuwahlen keine Mehrheit finden lasse. Ein Gegenkandidat – möglicherweise Johannes Hintersberger – würde sich gegen Ruck durchsetzen, da sich die Basis nach einem Vorsitzenden sehne, der mehr Profil und Präsenz als Ruck zeige.

Kühles Konzeptmanagement: Dr. Christian Ruck

Kühles Konzeptmanagement: Dr. Christian Ruck


Um das Terrain der Spekulationen zu verlassen und um deutlich zu werden: Der Sachverhalt, dass man als Partei kaum schlechtere Presse bekommen kann als die Augsburger CSU in der vergangenen Woche, ist keine Spekulation, sondern ein Fakt, der Ruck anzukreiden ist. Die Augsburger CSU lässt sich nicht im Nebenjob managen. Ein Bundestagsmandat und Rucks Tätigkeit als Parteivorsitzender sind inkompatibel. Beide Aufgabenstellungen sind komplex und lassen sich nicht verzahnen. Wie die „Nacht der langen Messer“ am vergangenen Mittwoch gezeigt hat, war und ist Rucks Gestaltungskraft innerhalb der CSU limitiert. Eine Partei lässt sich im beckmesserischen Augsburg nicht von Berlin aus mit kühlem Konzeptmanagement führen. Seit Mittwoch weiß nicht nur Heinz Paula davon ein Lied zu singen.