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Sonntag, 24.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Wenn es eng wird, braucht man einen guten Trainer

Seit der EM 2012 kämpft die deutsche Mannschaft erfolglos gegen ihre Defizite im Spiel gegen den Ball. Das Problem hat einen Namen: Joachim Löw.

Von Siegfried Zagler



Am 16. Oktober 2012 nahm um 22.03 Uhr im Olympiastadion in Berlin ein Ereignis seinen Lauf, das bisher noch niemand ganz verstanden hat: Zlatan Ibrahimovic erzielte einen Kopfballtreffer gegen die deutsche Fußballnationalmannschaft am 4. Spieltag der Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Es war das erste Tor der Schweden gegen eine bis dahin wie berauscht spielende deutsche Mannschaft, die 4:0 führte, aber 7:0 hätte führen müssen. Der „Anschlusstreffer“ der Schweden zum 1:4 in der 62. Minute kam – wie man gern so leichtfertig dahin sagt – „aus dem Nichts“. Die knapp 73.000 Zuschauer im weiten Rund des Olympiastadions nahmen den Treffer zur Kenntnis wie man in etwa eine kleine Wolke am endlos blauen Himmel eines wundervollen Sommertages zur Kenntnis nimmt. Die Stimmung war auch kaum getrübt, als der schwedische Abwehrspieler Mikael Lustig zwei Minuten später das 2:4 erzielte. Man muss die Geschichte nicht zu Ende erzählen, sie gehört zu den spektakulärsten Geschichten, die der Fußball zu erzählen hat. Das Spiel endete 4:4. Aus der kleinen weißen Wolke sollte ein mächtiges Gewitter herabstürzen, das eine unüberhörbare Botschaft mit Donnerhall verbreitete: Nach vorne zu fahrlässig, nach hinten zu unorganisiert.

Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich geläutert, indem er im Vorfeld der laufenden WM die Rückkehr ins Zeitalter der Schnellingers, Schwarzenbecks, Försters und Kohlers ausrief. Die genannten Defensiv-Ikonen standen stets tief und ihre Aufgabe beschränkten sich auf die Verteidigung des eigenen Strafraumes. Im Spiel gegen Portugal spielten Mertesacker, Hummels, Höwedes und Boateng eine Art Retro-Abwehr, die sich zwar nicht direkt vor dem Strafraum staffelte, aber stets hinter den portugiesischen Außen und Spitzen klassische Deckungsarbeit leistete, also sehr konventionell verteidigte, während der Rest der Mannschaft für enge Räume im Mittelfeld zu sorgen hatte, sodass die gefürchteten Tempogegenstöße der Portugiesen Stückwerk blieben. Dass dies durchgehend funktionieren sollte, hatte mit der Dramaturgie des Spiels zu tun: Nach Pepes Platzverweis fügte sich Portugal früh in die Niederlage. Die deutsche Mannschaft wurde nicht mehr gefordert. Im Spiel gegen Ghana hielt der Druck der physisch starken Afrikaner während des gesamten Spiels an. Wird die deutsche Abwehr unter Druck gesetzt, wie es den Ghanaern in beiden Halbzeiten gelang, ist zu erkennen, dass sie leicht ins Wanken kommt. Die Ursachen hierfür liegen auf der Hand: Es fehlt die große individuelle Klasse.

Mustafi und Höwedes wirkten phasenweise überfordert. Das könnte man auch dem Bundestrainer vorwerfen, der nach der Halbzeit den angeschlagenen Boateng durch Mustafi ersetzte. Im Lauf der zweiten Halbzeit musste Löw erkennen, dass es womöglich besser gewesen wäre, wenn er Lahm für Boateng nach rechts außen gestellt hätte, um mit Schweinsteiger mehr Stabilität in die Mitte zu bringen. Hinterher ist man immer klüger, weshalb man Löw „nur“ einen gravierenden Denkfehler vorhalten sollte: Mit Lahm spielte ein erstklassiger Außenverteidiger in der Mitte, obwohl der Bundestrainer mit Schweinsteiger einen erstklassigen Mittelfeldspieler im Kader hat. Im Lauf der zweiten Halbzeit hätte Löw das Spiel entscheiden können, wäre er auf die Idee gekommen, Lahm, der zusehends in der Mitte überfordert schien (was auch damit zu tun hatte, dass Khedira einen rabenschwarzen Tag hatte), links verteidigen zu lassen. Für Lahm hätte Schweinsteiger die defensive Mitte stabilisiert und mehr Impulse nach vorne gegeben. Entweder Höwedes oder Mustafi hätte weichen müssen.

Wie gesagt: Nach dem Spiel lässt sich leicht im Konjunktiv schwadronieren. Deutschland befindet sich auf der FIFA-Weltrangliste auf Platz zwei, Ghana auf Platz 37, ein Klassenunterschied war nicht erkennbar. Das ist im Fußball nichts Ungewöhnliches. Die Blackstars zeigten eine großartige Leistung und brachten einen großen Turnierfavoriten an den Rand einer Niederlage. Es war ein grandioses Fußballspiel mit einem gerechten Remis. Für die deutsche Mannschaft gilt nach wie vor, was von der DAZ bereits vor und nach der Europameisterschaft 2012 festgehalten wurde: Wenn es eng wird, braucht man einen guten Trainer.