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Mittwoch, 26.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Wenn der Verkehr zum Horror wird

Filmfest: „Home“ holt die Verkehrslawine in den Vorgarten

Von Frank Heindl

Keine anonyme Macht bricht über das Leben dieser fröhlichen Familie herein, auch kein durchgeknallter Mörder oder sonst ein genreüblicher Wahnsinn macht ihr das Leben zur Hölle. Eine Autobahn ist es, die in ihre Leben eindringt und in wenigen Tagen aus der Idylle am Stadtrand den Schauplatz eines absurden Horrorfilms macht.

Widerstand ist zwecklos - der Stinkefinger hilft nicht im Kampf gegen die Verkehrslawine

Widerstand ist zwecklos - der Stinkefinger hilft nicht im Kampf gegen die Verkehrslawine


Zehn Jahre lang ist die Autobahn, die an das Grundstück von Martha und Michel grenzt, nicht fertig geworden. Die Familie hat sich ein wunderbares Leben am Rand des unbenutzten Betonfeldes eingerichtet. Jetzt plötzlich, von einem Tag auf den anderen, braust die Autogesellschaft vorbei an Garten und Pool und mitten durch den täglichen Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Einkaufen. Anfangs handelt es sich nur um wenige Fahrzeuge, bald sind es zehntausende – pro Tag. Weil Martha (Isabelle Huppert) ihr mühsam aufgebautes Heim nicht verlassen will, harrt das Paar mit seinen drei Kindern aus, jedes Familienmitglied versucht auf seine Weise, mit der Situation zurechtzukommen. Was gestern noch Zuhause war, wird nun zum Gefängnis. Die ältere Tochter beharrt stur auf ihrer Gewohnheit, vor dem Haus ihr tägliches Sonnenbad zu nehmen, die jüngere berechnet Abgaswerte, wischt den rußigen Dreck vom Gras, steigert sich in Ängste von Vergiftung, Lärm und Tod. Man testet Ohrstöpsel, kann trotzdem nachts nicht schlafen, unmerklich wird die Lage klaustrophobisch, handeln die Betroffenen immer irrationaler, mauern sich schließlich ein, bis sogar die Luft zum Atmen knapp wird – doch der Schrecken hat damit noch lange kein Ende …

Wer „Home“ als Allegorie aufs tägliche Leben verstehen mag, auf Hilf- und Wehrlosigkeit im Umgang mit Umweltverschmutzung, Verkehrsinfarkt, Lärmbelästigung, der liegt ganz richtig. Der Film zeigt keine Lösung, sondern macht deutlich, dass die Lärmschutzmauer auf Dauer auch nicht weiterhilft.

„Home“ von der Schweizer Regisseurin Ursula Meier läuft nochmals am Sonntag um 20.45 Uhr im Thaliakino.

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