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Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Was, wenn es nicht besser wird?“

Am Donnerstag in der Brechtbühne: Mozarts „Zaide“ mit Flüchtlingen als Darsteller

Von Frank Heindl

Interkulturelle Sprachprobleme beim Proben im Nieselregen (von links): Ahmad Shakib Pouya, Regieassistentin Lynn Haug, Khalid Alhussein und Ayman Al Maori.

Interkulturelle Sprachprobleme beim Proben im Nieselregen (von links): Ahmad Shakib Pouya, Regieassistentin Lynn Haug, Khalid Alhussein und Ayman Al Maori.


„Was, wenn es nicht besser wird?“ Zufällig war man anwesend, als der Auftritt geprobt wurde, in dem dieser Satz fällt. Mehrmals hatte man ihn gehört, gesprochen in einer anrührenden Szene zwischen der Sklavin Zaide und ihrem geliebten Leidensgenossen Gomatz. Gespielt hatte den Part die syrische Flüchtlingsfrau Alima Hemidi*. Ein paar Tage später brach sie während der Proben zusammen – gerade hatte sie erfahren, dass ihr in Syrien gebliebener Vater im Krieg umgekommen war. „Was, wenn es nicht besser wird“ im Exil? Was, wenn zuhause die Eltern sterben und man ist im fernen Ausland, tausende von Kilometern entfernt? Allein mit seiner Angst, seiner Trauer, seiner Sehnsucht? Das ist hier, in der Brechtbühne, Theater und Wirklichkeit. Gleichzeitig.

Die Wirklichkeit spielt hinein in dieses Stück, das die Sängerin Cornelia Lanz und ihre Regisseurin Julia Hübner am Donnerstag erstmals aufführen werden. Nicht nur in den Nachrichten, bei denen Flüchtlinge seit Wochen regelmäßig die Spitzenmeldungen ausmachen, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im täglichen Leben miteinander. Denn die Crew, die zur Hälfte aus Flüchtlingen besteht, lebt und arbeitet zusammen, schläft zum Teil im gemeinsamen Matratzenlager, isst und wohnt gemeinsam. Was das bringt? Über die Frage kann Cornelia Lanz nur den Kopf schütteln, beantwortet sie allerdings für sich kaum künstlerisch, sondern vor allem „sozialpädagogisch“: Ja, die Flüchtlinge profitierten ungemein von der Arbeit am Theater. Viele hätten noch nie den Namen Mozart gehört – und spielten nun wichtige Rollen in diesem 1780 unvollendet liegen gebliebenen Opernfragment. Ja, sie begegneten dabei deutscher Kultur, mozartschem Liebeshändel, seien plötzlich Teil des hochentwickelten europäischen Theaterwesens, einer differenziert arbeitenden Inszenierungsmaschine. Ja, sie sind plötzlich wichtig, kommen raus aus ihrem deprimierenden Alltag in der Flüchtlingsunterkunft, haben – wenn auch unbezahlte – Arbeit, tragen Verantwortung. Plötzlich auch dürfen sie über ihre eigenen Probleme sprechen, können im hoch emotionalen Spiel Wut und Frust ihres Flüchtlingsalltags in Deutschland artikulieren, können ihre Fluchttraumata verarbeiten. Und ja, sie bleiben doch hilfsbedürftig, wenn weit weg eine Kugel den nächsten Verwandten trifft.

„Auch ich träume mittlerweile vom Krieg“

Wut und Frust im hoch emotionalen Spiel (von links): Yasar Dogan, Projektleiterin und Sängerin Cornelia Lanz,  Ahmad Shakib Pouya (Fotos: Frank Heindl).

Wut und Frust im hoch emotionalen Spiel (von links): Yasar Dogan, Projektleiterin und Sängerin Cornelia Lanz, Ahmad Shakib Pouya (Fotos: Frank Heindl).


„Ich fühle mich schon erledigt“, gibt Cornelia Lanz zu. „Ich fühle mich schon müde“ folgt ein paar Sätze später. Und das kommt nicht nur von der Zigfachbelastung mit täglicher Probenarbeit, Verantwortung für die Teilnehmer, Besuchen von Presse und Fernsehteams sowie der Tatsache, dass sie angesichts von Pech mit den Fördertöpfen und mangelnder Spendenbereitschaft ihr eigenes Geld in das Projekt steckt. Müdigkeit stellt sich natürlich auch ein „angesichts der Geschichten, die ich mit mir rumtrage. Auch ich träume mittlerweile vom Krieg. Aber ich will das gar nicht loswerden.“ Lanz, das steht außer Frage, identifiziert sich mit ihren Flüchtlings-Schauspielern und deren Schicksalen, sie leidet mit, kämpft mit, kneift nicht. Allerdings ist Cornelia Lanz‘ „sozialpädagogisches“ Engagement von seinen künstlerischen Auswirkungen gar nicht zu trennen. Vielleicht ist das leicht zu übersehen, weil der Transformationsprozess vom Flüchtlingsleben zur Kunst mitunter so überaus mühsam, so langsam und so unscheinbar vor sich geht.

Probenvormittag in der Brechtbühne. Während drinnen deutsche Sänger und arabische Musiker an einer Szene arbeiten, hat sich ein anderer Teil des Ensembles nach draußen begeben. Es nieselt, man verzieht sich unter die Metalltreppe, die zur Probebühne im ersten Stock führt und natürlich nur oberflächlich vorm Regen schützt. Regieassistentin Lynn Haug probiert mit Laienschauspielern die Erzählung des Drachenmärchens mit wechselnden Sprechern. Der Drache, wird berichtet, habe alles „in Asche und Schutt“ gelegt. Nein, sagt Haug, „Schutt und Asche“ stehe im Text. Aber das sei doch egal, entgegnet der Sprecher, das Publikum wisse das doch nicht. Doch, das Publikum weiß das, weil „Schutt und Asche“ eine Redewendung ist. Es wäre schön, wenn man in der Premiere noch hören könnte, wie anschließend in die korrekte Formulierung die ein wenig ironische Verwunderung des Schauspielers einfließt über diese neue Sprache, über die Genauigkeit der Inszenierung und darüber, wie wichtig in diesem Job jedes Wort genommen wird.

Die Berührung der Kulturen wird hör- und sichtbar

Hörbar ist in der Probenarbeit die gegenseitige Berührung der Kulturen, wenn afrikanische Trommelmusik nahtlos in eine Mozartarie übergeht – „o selige Wonne“ – ja, das passt, und nein, nicht die Trommelmusik ist es, die von Mozart profitiert, sondern umgekehrt verleihen die Afrikaner Mozarts Musik frappierende Tiefe: Die hoffnungsfrohe Arie scheint plötzlich ungeheures Leid zu offenbaren. Sichtbar wird die kulturelle Grenzüberschreitung beispielsweise, wenn eine Nigerianerin Mozarts Geschichte vom Fluchtversuch der Sklavin Zaide als ihre eigene Geschichte erzählt. Alles habe sie verlassen, alles verloren auf der Flucht, wird Esther Jacobs-Völk später im Gespräch erzählen, „it’s hard, but I want to tell my story“, und weil das Erzählen so schwer ist, tut sie es nicht mit Worten, sondern im Drachentanz. Sie sehe den Drachen vor sich beim Tanzen, sagt sie, und sie wolle ihn töten. Sie untermalt das mit einer Geste, die ein Messer an einer Kehle darstellt. Die Tänzerin weiß, wovon sie spricht, denn sie hat dem Drachen schon einmal Paroli geboten: Als sie in der Heimat ihre Tochter beschneiden wollten, hat sie der Tradition getrotzt und sich auf die Flucht begeben.

Ungefähr gleich viele Profis wie Laien stehen bei „Zaide“ auf der Bühne. Cornelia Lanz, Mezzosopranistin, spielt eine Zaide – diese Rolle und die des Gomatz sind dreifach besetzt, die Dramaturgie des Stückes in der Augsburger Fassung macht den Rollenwechsel nahezu zwingend, indem sie das Liebespaar in grundverschiedene Zusammenhänge versetzt. Mit anderen Aspekten wurde noch herumprobiert – der Probenprozess war experimentierfreudig und veränderungsoffen. Und musste es sein. Denn der Tod von Alima Hemidis* Vater zwang nicht nur zum kurzfristigen Engagement einer Profidarstellerin. „Jetzt ist der Wahnsinn auch bei uns“, konstatierten Cornelia Lanz und das Regieteam. „Ohnmacht“ habe man empfunden und mit einem Schlag sei das bis dato geplante Happyend nicht mehr möglich gewesen. „Was, wenn es nicht besser wird?“ – in dieser Frage steckte von vornherein ein giftiger Widerhaken, den die Flüchtlinge unter den Schauspielern am deutlichsten fühlen. Ein neuer Schluss soll nun dafür sorgen, „dass man den Wahnsinn spürt“, auch im Publikum.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Das Projekt Zaide ist nur möglich, weil fast alle Beteiligten ohne Bezahlung arbeiten. Trotzdem entstehen natürlich erhebliche Kosten, die das Team per Crowdfunding in den Griff zu bekommen versucht. Spendenmöglichkeit bei startnext crowdfunding unter



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