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Dienstag, 11.06.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

„Was Liebe kann, das wird sie immer wagen.“

Mit Shakespeares „Romeo und Julia“ steht ein Klassiker im Repertoire des Augsburger Staatstheaters. Die bekannte Geschichte wird im Martinipark zeitlos und mitreißend inszeniert.

von Halrun Reinholz

Mehdi Salim, Sarah Maria Grünig

Romeo und Julia, das berühm­teste Liebes­paar der Welt. Seine Geschichte wurde schon tausende Male erzählt, mit oder ohne die starken Verse von Shakespeare. Die Regisseurin Lilli-Hannah Hoeppner wagt sich in Augsburg dennoch daran und entlockt dem Stück mit dem Schau­spiel­ensemble des Staats­theaters leicht­füßig neue Facetten mit Gegen­warts­bezug, bei allem Respekt vor Shakespeares Original.

Die Bühne im Martini­park ist grau, eine schräge Aktions­fläche in der Mitte. Bauschutt liegt herum. Eine düstere Gegenwart oder nahe Zukunft wird hier ange­deutet. Die Konflikte der Capulets und Montagus werden nicht elegant mit dem Degen aus­getragen, sondern brutal mit Feuer­waffen, die allen Akteuren locker im Holster sitzen. Unerbitt­liche Feind­schaft bestimmt das Leben der zwei Clans in Verona, die sich bei jeder Begegnung an die Gurgel gehen. Und mehr noch, die sich gegen­seitig auflauern, um sich zu begegnen, als wäre das ihr einziger Zeit­vertreib. Auch die Drohungen des Fürsten, der in seiner Stadt Ruhe und Frieden wünscht, nützen nichts. So weit, so historisch. Und so zeitlos.

Das Regiekonzept von Lilli-Hannah Hoepner setzt, wie könnte es anders sein, auf die zeitlose Gültigkeit der Parameter, die das Stück vorgibt: Der Feindseligkeit gegenüber den „Anderen“ und der Bedingungslosigkeit der Liebe zwischen und trotz dieser Fronten. Antiquiert erscheint aus heutiger Sicht eher letzteres – und doch gelingt es den beiden Hauptdarstellern Mehdi Salim und Sarah Maria Grünig diese alles überstrahlende unschuldige Liebe überzeugend zu verkörpern. Shakespeares Texte stehen allen Darstellern über die drei Stunden hilfreich zur Seite, doch sie werden immer wieder aufgebrochen mit der Sprache der Gegenwart: Als Julia erfährt, wer der junge Mann ist, in den sie sich gerade unsterblich verliebt hat, entfährt ihr ein sehr zeitgenössisches: „Fuck“.

Dynamik der Choreografie – Fotos: Jan-Pieter Fuhr

Die Aufführung lebt vom starken Ensemble, das nicht nur spielt, sondern auch singt und sich in den Kampf- wie in den ein­drück­lich sprechenden Tanz­szenen des Balls in einer ausge­klügelten Choreo­grafie von Ronni Maciel Moreira Soares bewegt. Die Musik von Charlotte Brandi changiert ungeniert zwischen Renais­sance und Techno, setzt Akzente, lenkt aber nicht von der Handlung ab, deren Dramatik aber damit untermalt wird. Auf der Seite der Montagus stehen Benvolio (Paul Langemann) und Mercutio, gespielt von der wunderbar agilen Christina Jung. Deren puber­tie­rendem Kampfgeist steht Julias Vetter Tybalt (Niko Lukic) kompro­misslos und kampfes­lustig entgegen. Fein ausgearbeitet auch das Verhältnis der Eheleute Capulet: Die Mutter (Mirjam Birkl) versucht, den Eheantrag des biederen Paris (Patrick Rupar) zu vertagen, was den Vater (Kai Windhövel) entgegen seiner ursprünglichen Absicht zum umgehenden Festsetzen des Hochzeits­termins provoziert. Die zentrale Rolle der Amme übernimmt Ute Fiedler, unver­gleichlich im Zusammen­spiel von einfältiger Geschwätzigkeit und pragmatischer Hilfs­bereit­schaft. Ihr steht der besonnene Friedens­aktivist Bruder Lorenzo (Thomas Prazak) gegenüber oder vielmehr zur Seite. Anspielungen auf die Gegenwart blitzen immer wieder auf – der Bote mit der Pizza-Box auf dem Rücken oder der unver­mittelte, beide verwir­rende Kuss von Mercutio und Benvolio.

Zeitlos und pragmatisch sind auch die Kostüme (Katharina Beth): die Clan-Mitglieder (unterstützt von der Statisterie) sind dezent durch Farben (blau bzw. gelb) kenntlich gemacht. Stilvolle Anklänge an die Mode der Shakespeare-Zeit stehen dem Einfachen und Schnörkellosen gegenüber. Eine wichtige Rolle spielt ein großes blaues Seidentuch, das Brautkleid und Brautbett, Brücke zum Horizont und Symbol der tragischen Verbindung des Liebespaars zugleich ist. Wie ein „Löwenzahn auf einer Autobahn“ sei für sie die Liebe zwischen Romeo und Julia, bekannte die Regisseurin: „Man weiß, dass er überfahren wird, aber dennoch ist er ein Zeichen von Hoffnung.“ Die Hoffnung, die sich leider nur durch den Tod des Liebespaars erfüllt, der die Feindschaft der Clans überwindet. Seit Shakespeare ist diese Geschichte ein Denkmal der Liebe und ein Mahnmal der Versöhnung. Die Hoffnung auf Überwindung von Gewalt und Feindschaft ohne sinnlose Opfer ist so alt wie die Geschichte. Bei Romeo und Julia im Martinipark bietet sich die herzzerreißende Gelegenheit, sich ihr wieder mal ganz hinzugeben.