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Freitag, 03.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Was ist Stuttgart?

Als der VfB Stuttgart zuletzt in Augsburg gastierte, befand er sich nach einer länger anhaltenden Talfahrt auf dem Weg nach oben. Es sollte sich um einen denkwürdigen Abend handeln, nicht nur in sportlicher Hinsicht. Trotz der 1:3 Niederlage des FCA waren sich in der ausverkauften Arena alle einig, ein großartiges Fußballspiel gesehen zu haben. Nicht weniger großartig war die damalige Atmosphäre auf den Rängen. „Wir sind aus Augsburg, wir sind aus Schwaben, Rot, Grün, Weiß sind unsere Farben“, so die Gesänge aus dem Fanblock der Augsburger. Die Antwort der Stuttgarter Ultras: „Wir sind Schwaben und ihr nicht!“ Nicht ganz verkehrt. Die Frage, die sich am Mittwoch beim Auswärtsspiel des FCA (20 Uhr) bei den Stuttgarter Schwaben stellt, geht allerdings in eine andere Richtung: „Was ist Stuttgart?“

Von Jochen Mack

Nach der Wahl von Fritz Kuhn als Oberbürgermeister hat die taz flugs die Stadt Stuttgart zum „gesellschaftspolitischen Zukunftslabor dieser Republik“ ausgerufen. Auch andere Medien zeigten sich erstaunt, dass die angeblich biederen Schwaben und treuen CDU-Wähler/-innen auf einmal so revolutionär sind. Schon zuvor war das Erstaunen groß, dass ausgerechnet in der baden-württembergischen Landeshauptstadt so massive und lang anhaltende Proteste gegen ein Bahnhofsprojekt zu verzeichnen waren, dass gar der neue Begriff „Wutbürger“ geboren wurde. – Und so prallen Vorurteile weiterhin auf diese Stadt: Die gewöhnlich akribisch recherchierenden Reporter der ‚heute show‘ palavern von hochgeklappten Bürgersteigen in der Langweiler-Stadt; es ist nach wie vor von Kehrwochen und anderen schrulligen Spießigkeiten die Rede.

Dass diese Vorurteile wenig bis keine Grundlage haben, zeigt ein Blick auf die Bevölkerungsstruktur: In Stuttgart wohnen mehr Menschen mit Migrationshintergrund als in Berlin oder Frankfurt, die Stadt bekommt seit Jahren Preise für ihre hervorragende Integrationsarbeit.

Stuttgart ist schillernd wie der Fußballverein

Auch Stuttgart als eine aufregende Kulturstadt ist eine selten anzutreffende Beschreibung: Eine herausragende Oper, zwei bedeutende Galerien und in unmittelbarer Nähe ein Jugendhaus, das zu den Geburtsorten des deutschen Hip-Hops zählt. Schillernd: Die Stadt wie der Fußballverein

Diese Vielfalt von Selbst- und Fremdwahrnehmungen lässt sich auch beim dortigen Fußballverein beobachten. Von der Papierform gehört der VfB Stuttgart zu den Spitzenclubs in Deutschland. Die Offensive mit Vedad Ibisevic, Martin Harnik und dahinter Christian Gentner oder Zdravko Kuzmanovic kann jede Verteidigung Deutschlands in Verlegenheit stürzen. Inzwischen hat Trainer Bruno Labbadia auch die Stärken des ehemaligen Augsburgers Ibrahima Traoré erkannt, der in fast jedem Spiel eingesetzt wurde und zunehmend für Torgefahr sorgt. Die Defensive um den wiedergenesenen Serdar Tasci und Sven Ullreich ist eigentlich ebenfalls eine Bank.

Allerdings – und deshalb sind alle Attribute der Schwaben mit Einschränkungen versehen – schafft es der VfB zu oft nicht, die Potentiale auch in Ergebnisse umzusetzen. Und für die Fans noch schlimmer: Jeder Aufschwung und jede positive Serie wird von einem meist unverständlichen Einbruch abgewürgt. In den letzten Spielen sah das so aus: Nach Siegen in Hamburg, gegen Frankfurt und in der Europa-League sowie einem starken Unentschieden gegen Dortmund lagen die württembergischen Schwaben mit 2:0 zur Halbzeit gegen Hannover in Front um dann innerhalb von 16 Minuten vier Gegentore zu kassieren. Damit war der Aufwärtstrend jäh gestoppt. Nach dem darauf folgenden furiosen 5:1 gegen den rumänischen Meister Steaua Bukarest kassierten die Stuttgarter aber wieder drei Tage später eine 3:0-Klatsche beim badischen Konkurrenten SC Freiburg, die ähnlich weh getan hat wie die 6:1Demütigung zu Beginn der Saison in München. Ebenfalls kurios: In der aktuellen Tabelle der Heimspiele liegt der VfB auf Platz 15 (punktgleich mit dem FCA) und in der Auswärtstabelle auf Rang 3 nur einen Punkt hinter Dortmund.

Eine Prognose muss unseriös sein

Aufgrund des flatterhaften Wesens des VfB Stuttgart kann also der Ausgang des Spiels am Mittwoch gegen den

Jochen Mack

Jochen Mack


FCA nicht vorausgesagt werden. Er hängt stark ab von den Formschwankungen des VfB, der in Normalform gegen den FCA gewinnen muss. – Treten die Augsburger aber so kämpferisch wie Daniel Baier und Sascha Mölders gegen die Gladbacher auf und schaffen sie es, ihre Flanken zielgenauer in den Strafraum zu bringen und damit mehr Torgefahr auszustrahlen, könnten sie durchaus Punkte vom Neckar an den Lech entführen. Wichtig wird auch sein, die kompromisslose Defensivarbeit über die kompletten 90 Minuten durchzuhalten um brenzlige Situationen zu verhindern, die den Gladbachern gegen Ende des letzten Spiels einige Chancen und schließlich auch die Flanke ermöglicht haben, die schließlich zum Tor führte.

Eines steht aber fest: Die Frage „Was ist Stuttgart“ wird auf dem Fußballplatz für den Mittwochabend nach 90 Minuten zu beantworten sein. Was aus der Stadt und dem „Labor für Deutschland“ wird, kann erst in den nächsten Jahren beobachtet werden.

Der Autor: Jochen Mack pendelte für die katholischen Jugendverbände, seinem früheren Arbeitgeber, jahrelang von Augsburg nach Stuttgart. Heute ist er freiberuflich als PR-Berater tätig und nur noch unregelmäßig in Baden-Württemberg, verfolgt aber die Entwicklungen dort weiterhin sehr aufmerksam.