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Freitag, 23.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Was ist los? Was stimmt nicht?“

Warum das Augsburger Stadttheater nicht saniert werden soll

Von Siegfried Zagler

Nach dem Opernball 2017 soll es losgehen: Sanierung des großen Hauses

Nach dem Opernball 2017 soll es losgehen: Sanierung des Großen Hauses


„Andernorts in Europa“ baue man große Opernhäuser, während man hier in Augsburg keine 235 Millionen für eine Theatersanierung auftreiben könne. „Andernorts in Europa“ boome die Oper, während man in Augsburg im Internet Aufsätze lesen könne, die die Oper als förderungswürdige Kunstform in Frage stellen. „Was ist los? Was stimmt nicht?“ So der Theaterkritiker Richard Mayr im Feuilleton (28.4.2015) der Augsburger Allgemeinen. Es handelt sich dabei um einen bemerkenswerten Aufsatz. Bemerkenswert deshalb, weil es sich um einen Beitrag handelt, der neben seinem verzweifelten Imperativ („Theater muss sein“) eine bisher in dieser Stadt unbekannte Qualität der Selbstentblößung einführte. Noch nie ist es in der Geschichte der Augsburger Allgemeinen einem Journalisten gelungen, sich mit nur einem Text aus der Stadt hinaus in die Höhlen der Wälder zu verabschieden. Dort Schriftzeichen zu hinterlassen, die zehn- bis zwanzigtausend Jahre später die Nachwelt ins Staunen versetzen, wäre nämlich eine vornehme Aufgabe, die niemand besser als Richard Mayr ausüben könnte. Mit seinem Talent, die Welt neu zu sehen und somit neu zu erfinden, hat Mayr im Zusammenhang mit der Finanzierung der Theatersanierung nämlich der Stadt mit bloßer Vorstellungskraft große Geldmengen in die Kassen gespült. Es handelt sich dabei um eine Fantasie, die weit über das Maß üblicher Falschmeldungen hinausgeht:

„Aber hat die Stadt wirklich so wenig Geld? Im Vermögenshaushalt finden sich jährlich 200 Millionen Euro. Wenn die geschätzten städtischen Kosten von 160 Millionen Euro auf zehn Jahre verteilt werden, wären das 16 Millionen Euro im Jahr. Ist das wirklich undenkbar, nachdem die Stadt sich erfolgreich 30 Jahre lang um die Generalsanierung gedrückt hat, weil anderes wichtiger war – oder schien?“  So Mayr in seinem Artikel über „Schock und das Schweigen“ im Verlauf der aktuellen Theatersanierungsdebatte.

Im Vermögenshaushalt fanden sich nie 200 Millionen Euro und werden sich auch in Zukunft nie „finden“. Die Höhe des Vermögenshaushaltes wird bestimmt von der Höhe der Gewerbesteuereinnahmen und von der Höhe der Schlüsselzuweisungen sowie der Ausgabenfeststellung für die Bezirksumlage. Diese Einnahmen und Zuweisungen sind sehr schwankend. Zwischen 70 Millionen und 135 Millionen wurde der Vermögenshaushalt in den zurückliegenden Jahren beziffert. Dieser Haushalt heißt auch Investitionshaushalt. Wofür diese Mittel verwendet werden, wird politisch entschieden. Deshalb gibt es Kommunalwahlen und politisch besetzte städtische Gremien und Referate. Haushaltspolitiker wie Christian Moravcik und Alexander Süssmair beklagten bei der letzten Haushaltsdebatte den immer geringer werdenden politischen Handlungsspielraum des Stadtrates, da die „freie Spitze“, also die Mittel, die der Stadtrat für Investitionen verwendet, immer geringer wird, was damit zu tun habe, dass die Stadt einen großen Sanierungsstau zu bewältigen hat, den Schuldenstand von zirka 300 Millionen Euro abbauen muss und die Personalkosten des Verwaltungsapparates jährlich steigen. 15,4 Millionen Euro betrug die Nettoneuverschuldung des 2015er Haushaltes.

Richard Mayr: Haushaltsmittel mit Vorstellungskraft generiert

Richard Mayr: Haushaltsmittel mit Vorstellungskraft generiert


Die Stadt hat, dies muss man zwischendurch nicht nur Richard Mayr, sondern auch Kurt Gribl und Thomas Weitzel sagen, nicht nur „wenig Geld“, sondern im Grunde gar keins. Das Geld haben wir. Damit sind die Bürger gemeint, die das Theater mit ihrem Steueraufkommen und ihren Eintrittsgeldern finanzieren. „Die Zeitung“, wie die Augsburger Allgemeine in Augsburg genannt wird, wünscht sich ein Stadttheater, weil diese Kultureinrichtung mit seiner Kunst vorrangig das Umland bedient, wo „die Zeitung“ noch genauer gelesen wird und ihre meisten Käufer findet. Aber wünscht sich die Augsburger Bürgerschaft ein Theater, dessen Etat für den laufenden Spielbetrieb die Hälfte der Ausgaben verschlingt, die die Stadt Augsburg für die Kultur zu vergeben hat? Was hätten die Bürger der Stadt von einer Generalsanierung des Großen Hauses für 118 Millionen Euro? Die Antwort ist einfach: Nichts Neues! Es würde einfach weitergehen. Theater wie bisher. Ein Theater, dessen Etat für eine künstlerische Weiterentwicklung zu gering ist. Ein Theater, das die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten nicht erkennbar fortgeführt hat. Ein Theater, das in dem gesamten Portfolio der Künste zusehend an gesellschaftlicher Bedeutung verliert.

Man muss sich nur einmal auf die Stufen vor dem Theater am Kennedy-Platz setzen und sich vorstellen, welche Entwicklungen die Stadt beschreiten könnte, würde sie 15 Millionen Euro jährlich (soviel kostet die Stadt der laufende Betrieb des Theaters) in andere Theaterprojekte investieren. Mit den den 7 bis 8 Millionen Euro vom Freistaat und den aktuellen 160 Millionen und den 160 Millionen, die man sich alle 40 Jahre für eine Generalsanierung sparen würde, könnte sich die Stadt Augsburg mit diesem Vergabekonzept von Fördermitteln zu einem ein Kulminationspunkt der so genannten “Freien Theater” entwickeln, wäre Theaterhauptstadt auf spezielle Weise und würde prägendere Künstler anziehen und somit eine Entwicklung nehmen, die von Fortschritt und nicht von Restauration gezeichnet wäre.

Würde man sich das alles so auf den Stufen des Theaters am Kennedy-Platz vorstellen, so konkret vorstellen, wie sich Richard Mayr die jährlichen 200 Millionen Euro des Vermögenshaushalts vorstellt, und würde man sich danach umsehen und das Theatergebäude wäre verschwunden, wäre das nur für den Denkmalschutz und vorübergehend für die Freunde der Oper tragisch. Vorübergehend deshalb, weil in einer Stadt wie Augsburg und einem 600.000 Personen-Umland ein Philharmonisches Orchester bezüglich der Finanzierung nicht abgeschafft, sondern neu gedacht werden muss. Man muss sich möglicherweise von der romantischen Vorstellung lösen, dass die feudalistischen Strukturen, die sich in den Theaterhäusern der Moderne zu einem sozialistischen Staatskunstsystem verwandelt haben, die einzig möglichen Strukturen sind, die ein modernes Stadttheater abbilden. Elektriker, Schreiner, Beleuchter, Maler, Schneider, Musiker, Sänger, Schauspieler usw. der deutschen Subventionstheaterszene sind die letzten Bewohner eines Paradieses, wo Fragen der ökonomischen Zielführung durch staatlich-städtische Budgetvorgaben beantwortet werden. Wer sich heute für die Förderung des deutschen Subventionstheaters stark macht, macht sich zu 90 Prozent für dieses System stark und nur zu 10 Prozent für die Theaterkunst.

OB Kurt Gribl mit dem damaligen Staatssekretär Pschierer und Intendantin Votteler PK Theatersanierung im September 2012, als die Förderquote von 45 Prozent verkündet wurde. (Nach einer Frage der DAZ  auch für die Brechtbühne.)

OB Kurt Gribl mit dem damaligen Staatssekretär Pschierer und Intendantin Votteler auf der PK Theatersanierung im September 2012, als die Förderquote von 45 Prozent verkündet wurde. Nach einer Frage der DAZ auch für die Brechtbühne.


Was würde geschehen, wenn sich 20 bis 30 Bürger für ein Bürgerbegehren gegen eine Generalsanierung des Theaters zu einer Bürgerinitiative zusammenschließen würden? Die Art und Weise, wie die Theatersanierung der Stadtgesellschaft im Vorfeld als etwas Notwendiges verkauft wurde („Das schaffen wir spielend!“), wie die 235-Millionen-Euro-Planung präsentiert wurde und die anschließende Non-Kommunikation zelebriert wurde – und darüber hinaus wie jetzt verfahren wird, nämlich als würde die Stadt zusammen mit dem Kunstministerium und dem Finanzministerium über einen geheimen Masterplan verhandeln, sind Insignien eines Politikstils, der sich spätestens seit der Einführung der Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene erledigt haben sollte. 160 Millionen Euro sind eine ungeheure Summe, die, sollte sie tatsächlich für die Theatersanierung verwendet werden, in einer Stadt wie Augsburg das soziale Klima beschädigen würde. Die Theatersanierung der Stadt Augsburg hat sich mit der aktuellen Planung nicht nur an der Finanzkraft der Stadt vorbei entwickelt, sondern offenbar auch an der Geber- und Fördermittelsituation des Freistaates, der der Stadt einen Fördermittelanteil von 45 Prozent zusagte. Nun will der Freistaat die Kosten senken. Bei der Prüfung des Projektes durch das Kunstministerium und durch das Finanzministerium wurde, so Weitzel im vergangenen Kulturausschuss auf SPD-Anfrage, “Stillschweigen vereinbart”. Die Eingangsfrage dieses Abschnittes war nicht rhetorisch gestellt, weshalb man die Antwort nicht dem Subtextverständnis des Lesers überlassen sollte: Gäbe es ein Bürgerbegehren gegen diese geplante Theatersanierung, hätte die aktuelle Stadtregierung mit ihrem prähistorischen Kommunikationsverhalten nach der Fusion ihr zweites Großvorhaben verdattelt.

Kürzlich sprach Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl vor FDP-Mitgliedern über das Augsburger Stadttheater. Bei den aktuellen Verhandlungen mit dem Freistaat gehe es im Prinzip darum, wie man von den Kosten herunter kommen könne, ohne die Funktionalität des Theaters zu beeinträchtigen. Wie das aussehen könnte, skizzierte Gribl im März-Stadtrat. Die DAZ berichtete. Keine der angedachten Lösungen würde einen Fortschritt bringen. Nach der Sanierung, die derzeit im Raum steht, würde das Theater am Kennedy-Platz weder im baulichen Sinne noch bezüglich der Logistik der Betriebsabläufe weiter entwickelt werden. Jeder Cent, der unter den aktuell existierenden Prämissen in das Augsburger Stadttheater zwecks Sanierung investiert wird, ist nichts als reine Geldverschwendung. Womit wir endlich die bange Frage des Kulturjournalisten Richard Mayr beantworten können: Nichts ist los. Nichts stimmt!