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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Warum das „Drei Mohren“ zurecht in der Kritik steht

Die Bedeutsamkeit einer Definition lässt sich nicht über Nacht generieren. Sprachkritik braucht Zeit – wie uns das langsame Sterben des „Sarotti-Mohrs“ lehrt.

Kommentar von Siegfried Zagler

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Name „Drei Mohren“ eine dunkle Phase der Zivilsationsgeschichte konnotiert, eine Phase, die nie ganz zu Ende gegangen ist und deren matter Spiegel allzu oft in die Gegenwart scheint. Dass es sich dabei nicht selten um undifferenzierte Reflexionen handelt, liegt in der Natur der Sache, schließlich sind die dunklen Kapitel unserer kulturellen Entwicklungsgeschichte eben jene Kapitel, die man nicht so gern bearbeitet, also weniger obsessiv ins Licht der Forschung hebt, sondern lieber im Dunkeln verkümmern lässt. Das ist gefährlich und möglichweise neben der Lüge die gefährlichste Form der Vergangenheitsverarbeitung, weshalb man der Augsburger Jugendabteilung von amnesty international und der Universität Augsburg für ihren kulturpolitischen Vorstoß dankbar sein muss.

Dass man das „Drei Mohren“ in „Drei Möhren“ umnennen könnte, nimmt dem Ganzen zwar ein wenig den Ernst, doch eine gewisse Leichtigkeit bei schweren Themen ist nicht schädlich. Naiv dagegen die Herkunftserklärung der Steigenberger Geschäftsführung, die sich auf den Heiligen Mauritius beruft, einen Kirchenmann, der dunkelhäutig gewesen sein soll und im Besitz der Heiligen Lanze – und deshalb im Mittelalter zum Schutzpatron der Kirchenheere avancierte.

Es gibt eine Unterschriftensammlung für eine Umbenennung und vielleicht schlägt das Thema noch in der Augsburger Lokalpolitik auf und sorgt für eine schmerzvolle Debatte, die nicht neu wäre. So musste sich vor Kurzem die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung damit herumschlagen, ob man Apotheken in der Bankenmetropole noch mit dem Beinamen „Zum Mohren“ firmieren lässt. Das angeblich positive Bedeutungsmuster des Mohren rühre in diesem Fall daher, dass der Begriff „Mohr“ sich historisch von den Mauren ableite, die damals führend im Bereich der Medizin waren, wie die historischen Stoiker in Frankfurt erklärten und sich wider einer Sprachzensur positionierten, und zwar erfolgreich: Keine der rund 100 „Zum Mohren-Apotheken“ musste sich in Deutschland einer politisch motivierten Semantik unterwerfen.

Ob in Frankfurt Eschersheim oder die „Mohrenstraße“ in Berlin, die ebenfalls ins Feuer der Kritik geriet, oder bei „Pippi Langstrumpf“, wo der „Negerkönig“ zum „Südseekönig“ wurde sowie in der „Kleinen Hexe“ die „Negerlein“ aus dem Buch gestrichen wurden: Es ist immer das gleiche Prozedere. Die Verteidiger und Inhaber der Namensrechte müssen sich weniger Kritik gefallen lassen als diejenigen, die gegen rassistische Sprachhülsen vorgehen. Dabei wirkt Rassismus-Kritik in den meisten Fällen, wenn auch langsam: Das Verschwinden des „Mohrenkopfes“ ist bekannt. Er wurde als „Schaumkuss“ wiedergeboren. Mindestens ein Vierteljahrhundert hat sich ein großer Schokoladenwarenhersteller gegen die Kritik an seinem „Mohren-Labeling“ gewehrt. Nun heißt der „Sarotti-Mohr“ „Magier der Sinne“.

„Das Wort Mohr ist eine stereotypische Darstellung von schwarzen Menschen, und das sind nicht die schwarzen Menschen, die ich kenne. Und das bin ich auch nicht. Ich möchte als Individuum gesehen werden.“ Das sagt Pearl Hahn, Stadtverordnete der Partei „Die Linke“ in Frankfurt. Sie hat eine deutsche Mutter und einen kenianischen Vater. Das ist ernst zu nehmen. Ernster jedenfalls als die pseudohistorische Kulturbehauptung der „Mohren-Freunde“, die sich auf einen fragwürdigen Sprachkonservatismus versteifen, wo doch selbst die katholische Kirche das „Weib“ aus dem „Vater unser“ verbannte.

Bei der Frage „Mohr oder nicht-Mohr“ handelt es sich um einen Kampf, dessen Bewältigung den Beginn der Menschenrechte taxiert. Ein Rechtsstaat hat sich darum zu kümmern, was Minderheiten systemisch abhebt und verletzt. Es handelt sich dabei immerhin um ein Kümmern, das den Ausgang aus der Höhle der Steinzeit kennzeichnet: Was die Medizin „Verstümmelung“ nennt, nennen bestimmte Volks- und Religionsgruppen „rituelle Beschneidung“. Zivilisation ist, wenn man Mord- und Totschlag unter Strafe stellt, Kultur ist, wenn es erlaubt ist, die Schädel der Getöteten als Trinkgefäße zu verwenden. Wagen wir uns also an ein Verbot heran, an ein Verbot von Trinkgefäßen dieser Art.

Foto: Eine der drei Mohrendarstellungen an der Fassade des Steigenberger Hotels © DAZ

 



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