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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Warum braucht die Stadt einen Popkulturbeauftragten?

Von Siegfried Zagler

Die siebziger Jahre und die achtziger waren Jahrzehnte, in denen die Popkultur, also zuvorderst die Rock-, Hippie-, Reggae- und Punkmusik mit ihrem dazugehörigen Lebensgefühl die Welt in ihrem innersten zusammenhielt. Popkultur war die Antwort auf den Muff restriktiver Gesellschaftsformen der Nachkriegszeit. Die Entwicklung der Popkultur war ein revolutionärer Prozess, der in den Zeiten des Kalten Krieges eine ungeheure politische Bedeutung hatte. Kapitalismus hin oder her, dort wo sich Popkultur (auch gegen vehementen Widerstand) entwickeln konnte, war die bessere Welt. Als der Kalte Krieg beendet war, verlor die Popkultur im Zug einer neuen demokratischen Unübersichtlichkeit an gesellschafts­politischer Relevanz. Man kann es auch anders sagen: Popkultur wurde förderungsfähig.

Der aktuelle Zwist um die Wiederbesetzung der Stelle des Popkultur­beauftragten ist im Grunde eine spannende Auseinandersetzung, die aber im Stil zunehmend an die politische Unkultur in den Zeiten des Kalten Krieges erinnert, weshalb es an dieser Stelle darum gehen soll, die Debatte aus dem Wald zu führen.

I

„Bei den Grünen ist Sachpolitik nicht gefragt, auch keine grünen Themen, sondern nur eine Zerstörungskampagne in Richtung Peter Grab. Der Kollateralschaden ist die Nachfolge des erfolgreichen Popkultur­beauftragten Richard Goerlich.“ Dieser Satz stammt aus einer Pressemitteilung von Pro Augsburg, verfasst am gestrigen Sonntag. Der Satz ist semantisch eine Katastrophe und in zweierlei Hinsicht inhaltlich falsch. Er desavouiert nicht nur die Grünen, sondern auch die Mehrheit des Augsburger Stadtrats. Dieser Satz ist im Grunde ein Skandal, weil er in der Sprache des Kalten Krieges auf eine Verächtlichmachung abzielt. Weiter heißt es im Text: „Nun wurde alles mittels parteipolitischen Schienbeintretens gestoppt – das ist der rote Faden des Destruktiven im politischen Erscheinungsbild der Augsburger Grünen, der sich bereits über die ganze Legislaturperiode zieht!“ Das Pro Augsburg-Panik-Papier trägt folgende Überschrift: „Desaströse Grünen-Politik-Kasperei zum Popkultur-Beauftragten.”

“Eine Nachfolge des erfolgreichen Popkulturbeauftragten Richard Goerlich“ kann es nur dann geben, wenn man sich sicher ist, dass es einen erfolgreichen Nachfolger geben wird. Nun kann man aber außerhalb Pro Augsburgs für die Zukunft keine sichere Prognosen abgeben. “Ein erfolgreicher Nachfolger”: Dass dies der Fall sein könnte, ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.

II

Die Grünen haben im Stadtrat einen Antrag gestellt, dem der Stadtrat mehrheitlich gefolgt ist, obwohl Kulturreferent Peter Grab und die Fraktionsvorsitzende der Neuen CSM, Claudia Eberle vor der Abstimmung deutlich die Beschlusslage in dieser Angelegenheit dargestellt haben. Der Sachverhalt ist kaum einfacher darzustellen: Für einen Popkultur­beauftragten gibt es im Stadtrat keine Mehrheit mehr. Dafür sind nicht die Augsburger Grünen verantwortlich, sondern der Souverän dieser Stadt, nämlich der Stadtrat. In diesem Fall die SPD, die Freien Wähler, die Stadtratsgruppe der Linken sowie die fraktionslosen Stadträte Karl Heinz Englet und Tobias Schley und natürlich auch die Grünen, die von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machten, aufgrund veränderter Mehrheitsverhältnisse den Stadtrat in Sachen Popkulturbeauftragten erneut zu befragen. Der Grünen-Antrag mit der Voranstellung der Evaluation war dafür der Türöffner, formal haarsträubend, aber erfolgreich. Anstatt den halben Stadtrat anzupöbeln, sollten sich Peter Grab und seine Bürgervereinigung eher Gedanken darüber machen, warum die Idee eines Popkulturbeauftragten – Goerlich hin oder her – nicht nur bei der Opposition, sondern auch bei der CSU nicht ernsthaft angedockt ist. Niemand hat bisher die Notwendigkeit dieser Stelle hinreichend begründet. Der Tätigkeitsnachweis eines Richard Goerlich, ob erfolgreich oder nicht, ist nicht selbsterklärend. Und Peter Grab ist auch kein Meister differenzierter Begründungen: „Ob die Stelle gebraucht wird, war bereits durch Beschlüsse geklärt, indem eine geschaffen werden sollte zur Förderung der Pop- und Jugendkultur einerseits sowie der Kultur- und Kreativwirtschaft andererseits.“ So Kulturreferent Peter Grab auf der Facebook-Seite von Richard Goerlich. Das ist keine politische Begründung, sondern ein politisches Allerwelts-Statement, das nur dann lebensfähig ist, wenn man als Referent einem Gremium vorsitzt, in dem man die Mehrheit hinter sich hat.

Wenn man nicht mehr aus einer Koalition heraus regieren kann und einen breiteren Konsens für einen dergestalt politisch eingefärbten Job eines Popkulturbeauftragten will oder einen politisch weniger belasteten „Beauftragten zur Förderung der Kreativwirtschaft“, dann muss man sagen, wo sich diese entwickeln soll und wie. Das wäre dann immerhin der Job der Wirtschaftsreferentin. Wer sich für die Stärkung der Jugendkultur einsetzt, muss sagen, warum man dazu einen Popkulturbeauftragten braucht.

III

Richard Goerlichs Arbeit war erfolgreich, weil er viel Staub aufgewirbelt hat und weil er es verstand, sehr smart zwischen Kulturamt, Kulturreferent, dem Wirtschaftsreferat und OB Gribl einen Spagat nach dem anderen zu schlagen. Goerlichs Arbeit war erfolgreich, weil er in allerhöchster Not ein Konzept für das Rahmenprogramm der Frauenfußball­weltmeisterschaft entwickelte – und es auch noch durchführte. Goerlichs Arbeit war erfolgreich, weil er auf Ebene der Verwaltung Denkverbote aufbrach. Dass die Partymeile Maxstraße nicht nur für die Anwohner ein Problem sei, sondern der Stadt insgesamt schade, war zum Beispiel ein gedanklicher Tabubruch, auch wenn er kaum Wirkung entfaltete. Und weil Goerlich der CIA die Stirn bot und mithalf, das unerträgliche Maxfest-Gedöns zu pulverisieren, hatte Richard Goerlich bei der DAZ einen Stein im Brett. Goerlichs Auffassung, dass die Stadt ein besseres Quartiersmanagement als im Kulturpark West zu entwickeln habe, war ebenfalls ein richtiger Gedanke und sein offener Angriff auf das Kupa-Management war ein mutiger politischer Akt, der zwar ins Leere lief, aber von Entschlossenheit und Gestaltungswillen geprägt war. Gescheitert ist Goerlich auch bei dem Versuch, das Brecht-Festival in Sachen Jugendkultur hoffähig zu machen. Mit der innovativsten Entwicklung in der Stadt, dem „Grandhotel“ hatte Richard Goerlich gar nichts am Hut. Das Schulprojekt “Unsere Show”, das “Popcollege” für junge Bands, das “Popforum” als Treffpunkt und Sprechstunde, die Modular-Kreativmesse, die regelmäßigen Beratungen in Sachen Kreativneugründungen, Aktionen wie die Grafittiwand beim Stadion oder die Bauzaunkunst an der Kreissparkassen-Baustelle trugen zwar Goerlichs Handschrift, doch das reicht nicht hin, um eine Stelle für einen Beauftragten für Kultur und Kreativwirtschaft oder einen Popkulturbeauftragten für Jugendkultur zu rechtfertigen. Dazu sollte zum Beispiel der Stadtjugendring in der Lage sein. Die Frage ist also nach wie vor unbeantwortet: Wofür braucht Augsburg diese Stelle?

IV

Die Antwort auf diese Frage kann man nicht von Goerlichs „erfolgreicher Arbeit“ ableiten. Goerlich entwickelte sich zu einem freischwebenden Geist, zu einer eigenen Marke. Wenn man also für die Wiederbesetzung einer Stelle für einen Popkulturbeauftragten argumentiert, dann sollte man zwei Dinge vermeiden: Goerlichs erfolgreiche Arbeit ins Feld führen und darauf verweisen, dass es diese Stellen bereits in anderen Städten wie zum Beispiel Mannheim gibt. Städte sind unvergleichbar, eine bundesweite Empfehlung für Popkulturbeauftragte per se in Städten ab 200.000 Einwohnern würde keinen Sinn machen. Und schließlich noch ein Wort an Peter Grab: Eine Stellenbeschreibung ist noch keine politische Begründung dafür, dass diese Stelle die Stadt Augsburg fortführen kann.

V

Es ist durchaus denkbar, dass ein Popkulturbeauftragter für die Weiterentwicklung der Stadt sehr wertvoll sein könnte. Es ist aber Unsinn zu argumentieren, dass man dies im Vorfeld an einem Nachmittag evaluieren könnte. Aus diesem Grund ist es albern, wenn die Grünen nun so großen Wert auf „Evaluation“ legen. Die Augsburger Grünen haben am vergangenen Donnerstag ihre letzte Chance genutzt, Peter Grab die Wiederbesetzung des Popkulturbeauftragten zu versalzen. Nun ist die Debatte neu entbrannt. Peter Grabs Postings auf Facebook sowie die Pressemitteilung Pro Augsburgs lassen nicht darauf schließen, dass sich der Kulturreferent in der Bringschuld sieht. Er müsste im Zusammenwirken mit OB Gribl und Wirtschaftsreferentin Weber eine neue politische Offensive für diese Stelle starten. Unabhängig davon sollten die Grünen, die unlängst getönt haben, sie wissen, wie moderne Großstadtpolitik gehe, sich dahingehend äußern, warum in der aktuellen Struktur der städtischen Kulturpolitik ein Popkulturbeauftragter nichts bringt. Und zum Schluss noch die Feststellung, dass es ohnehin aberwitzig wäre, einen jungen Mann aus einer anderen Stadt (soviel darf man über den Kandidaten verraten) während des Wahlkampfes in die Mitte eines Schlachtfeldes zu stellen.