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Donnerstag, 27.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Von Rattengangs und konzentrierter Ruhe

Neue Musik und große Oper: „Tom Dumm“ im Kulturpark West

Von Frank Heindl

Was Ute Legner und ihr Projekt „Mehr Musik!“ in Augsburg machen, so hatten es die Geldgeber vom „Netzwerk Neue Musik“ in Berlin verkündet, das sei etwas, „was uns viel Freude macht.“ Das war noch wenige Stunden vor der Premiere von „Tom Dumm“ – der Schüleroper, die am Freitagabend im Kulturpark West die Besucher in Bann schlug und Legners Ruf als kreative Macherin entscheidend gefestigt haben dürfte.

Bereit zum Duell: Der böse Cornelius fängt Rektorinnen und spielt Tenorsax

Bereit zum Duell: Der böse Cornelius fängt Rektorinnen und spielt Tenorsax


400.000 Euro für den Zeitraum von vier Jahren hatte das Berliner Netzwerk aus dem Etat der Kulturstiftung des Bundes locker gemacht. Bedingung: Ein tragfähiges Konzept, das Kinder und Jugendliche an die Neue Musik heranführen soll und Macher und Veranstalter nachhaltig vernetzt. Zusätzlich gefordert war die Stadt Augsburg: Förderung war nur in der Höhe zu bekommen, in der auch Gemeinde und Sponsoren Gelder locker machten – mit deren weiteren 400.000 Euro kann Legners Netzwerk noch bis Ende 2011 über jährlich 200.000 Euro verfügen. Das bisher letzte Projekt war die „Laptop-Musik“, die Komponist Stefan Schulzki zusammen mit Schülern aus Täfertingen verwirklicht und im März im Parktheater uraufgeführt hatte (die DAZ berichtete).

Nun also „Tom Dumm“ – ein Projekt mit weit größeren Dimensionen als die Vivaldi-Bearbeitung der Täfertinger Grundschüler. Drei Komponisten haben die Musik geschrieben. Vier Dirigenten an vier Aufführungsorten sind für die Präsentation erforderlich. Vor allem aber: 180 Akteure spielen, singen, musizieren, weitaus die meisten von ihnen sind Schüler – Kinder und Jugendliche. Im Stadttheater, selbst im Großen Haus, „wäre die Aufführung in dieser Dimension gar nicht möglich gewesen“, gibt Intendantin Juliane Votteler unumwunden zu. Gut also, dass es den Kulturpark West gibt. Früh morgens, kurz nachdem die letzten Nachtschwärmer den Kantine-Club verlassen hatten, wurde dort in den letzten Wochen in Windeseile aufgeräumt und saubergemacht – bevor die Schüler zum Proben kamen. An vier Orten im Kulturpark wird die Oper gespielt, die Zuschauer werden schon zu Anfang in Gruppen aufgeteilt und von Schüler-Guides durch die Veranstaltung geleitet.

Vertrackte Percussion, elektronische Samples

Rap und Ruhe passt nicht – und passte doch

Rap und Ruhe passt nicht – und passte doch


Für die DAZ begann die Oper am Freitag im Reesetheater – eine ziemliche verkehrte Welt, denn die Zuschauer nehmen auf der Bühne Platz, während Musiker, Sänger und Schauspieler zwischen den Sitzreihen positioniert sind. Die verrückte, in Kooperation von Schülern, der Regisseurin Julia Hübner und den jeweiligen Komponisten zusammengebastelten Story stellt zunächst Tom Dumm vor – er wird, leicht identifizierbar, in allen Teilen immer wieder auftauchen, wenn auch in verschiedener Gestalt, verschiedenen Altersstufen, wechselnden Situationen. Im ersten Teil rettet der Junge, der stets „die Arschkarten gezogen“ hat, eine im Tigerkäfig gefangene Rektorin. Ein Duell zwischen E-Gitarre und Tenorsaxophon gehört ebenso zur Handlung wie zur musikalischen Gestaltung (Komposition: Fredrik Zeller), eigenwillige Blockflötensätze, ein Violinorchester, vertrackte Perkussion und elektronische Samples untermalen Texte, die erkennbar von Schülern stammen: „Ich bin ein guter Engel, wo an Gott glaubt“, stellt sich die Rektorin vor. Der gute Engel ist dann vor allem damit beschäftigt, eklige Spinnen totzutreten.

Den zweiten und dritten Tom Dumm erlebt der Besucher im Kantine-Klub – einmal im Erdgeschoss, einmal ein Stockwerk höher. Hier bekämpft Tom Dumm mit Unterstützung unter anderem einer Rattengang die verrückte Wissenschaftlerin Phingers (Hörbeispiel „LABOR“ am Ende des Artikels). Faszinierend der Rattenchor, der – des Zuhörens kaum fähig, aber rhythmisch faszinierend vertrackt (Komposition: Gordon Kampe) – permanent sein Lebensziel verkündet: „Nudeln, Harzerkäse, Senf – möppmöpp.“ Der Kinder- und Jugendchor des Theaters Augsburg zeigt mit großer Spielfreude, was er kann, daneben tun vor allem diverse Schlagwerker ihre Arbeit.

Große Ruhe und pure Spannung

Frau Phingers will die Weltherrschaft – und scheitert an Tom Dumm

Frau Phingers will die Weltherrschaft – und scheitert an Tom Dumm


Der letzte Tom Dumm war dann (in unserer Betrachtungs-Reihenfolge) der jüngste. In der Kradhalle des Kulturparks sitzt er zunächst einsam auf einer kleinen Bühne in der Mitte des Raumes. Um ihn herum sind ebenerdig und auf Podesten im ganzen Raum Musiker verteilt: Schülerinnen der 11. Klassen des Maria-Stern-Gymnasiums bilden den Chor und das Orchester – Geigen, Cellos, Kontrabass, Flöten, Klarinetten, Saxophone, Trompeten, Posaunen, Keyboard, Schlagzeug und Percussion sind ein riesiges Aufgebot, das in diesem Teil vor allem eines präsentiert: hoch konzentrierte Ruhe. Die Komponistin Juliane Klein hat die wohl eindringlichsten Stücke des Abends zusammen mit den Schülern und Schülerinnen geschrieben. Hier ebben musikalische Wellen auf und ab, mitunter löst sich eine kleine Melodie, von einem einzelnen Instrument gespielt, heraus und verschwindet wieder – ein wenig darf man an Philipp Glass denken – der Chor summt Laute, manchmal nur ein „sssss“, als wolle er um noch mehr Ruhe bitten, und was hier geboten wird, firmiert nicht mehr als durchgängige Handlungsoper, sondern als „szenische Installation“.

Improvisierend wurden diese Szenen gemeinsam erarbeitet, erkennbar sind die Interessen der Jugendlichen eingeflossen – ein großes, choralartiges Liebeslied steht in der Mitte (Hörbeispiel „DUETT“ am Ende des Artikels), beendet durch einen heftigen Knall, der die Schwärmerei als ebensolche entlarvt und von den rappenden Jungs der Centerville-Schule abgelöst wird. Das beißt sich und passt genau so schlecht zusammen, wie Jungs zu Mädchen passen, wie Zärtlichkeit zur Pausenstreiterei, wie die verschiedenen Aspekte, aus denen sich in der Pubertät die einheitliche Persönlichkeit bilden soll: „Ich bin ein Interessenskonflikt“, sagen drei Mädchen von sich. Und dann flirrt und schwebt die Musik weiter und mündet in neue Überraschungen, baut aus enormer Leichtigkeit und großer Ruhe pure Spannung auf. Man weiß mehr über Neue Musik nach diesem Abend – aber nicht so viel wie die Schüler und Schülerinnen, die das Glück hatten, bei der Produktion mitmachen zu dürfen. Schade, dass so viel Arbeit nur so wenige Zuschauer erreichen wird – am Donnerstag ist schon alles vorbei, geht für die beteiligten Schüler wieder der ganz normale Schulalltag weiter.

Ute Legners „Mehr Musik!“-Projekt läuft weiter, und richtig spannend wird’s im nächsten Jahr: Ende 2011 wird sich die Frage stellen, ob das Konzept der „nachhaltigen Vernetzung“ funktioniert hat, kurz gesagt: Ob Sponsorengelder und Kulturetat ausreichen werden, um das Projekt weiterzuführen, wenn die Förderung aus Berlin ausläuft.

Fotos: A.T. Schaefer

Hörbeispiel „LABOR“:




Hörbeispiel „DUETT“: