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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Von rasenden Loks und bitterer Erkenntnis

Zwei begeisternde Konzertabende in der Lokhalle des Bahnparks

Von Frank Heindl

Soviel Power, soviel Neues! An zwei aufeinanderfolgenden Tagen war die große Lokhalle des Bahnparks an der Firnhaberstraße Kulisse für zwei großartige Konzerte: Am vergangenen Sonntag waren die Augsburger Philharmoniker mit dem Programm „Fast Machines“ zu Gast, tags darauf war die Reihe „Zukunftsmusik“ mit „Different Trains“ dran. In beiden Fällen bewahrheitete sich, dass eine neue „location“ nicht nur die Musiker, sondern auch die Zuschauer zu inspirieren vermag.



Am meisten waren schon am Sonntag die Veranstalter überrascht gewesen: Noch am Nachmittag war der Vorverkauf für das Konzert minimal erfolgreich gewesen, doch am Abend war die Halle – trotz traumhaften Biergartenwetters – zu drei Vierteln gefüllt. Ein dem „normalen“ Konzertpublikum eher unbekannter Ort, zudem wegen einer Baustelle in der Firnhaberstraße schlecht zu erreichen und ohne ausgewiesenes Parkplatzangebot – man durfte zufrieden sein ob dieses Zuspruchs.

Zufrieden durften auch die Zuhörer sein, die gleich mit dem ersten Stück, John Adams‘ „Short Ride in a fast Machine“ von 1986, förmlich überfahren wurden. Eine laute und malerische und lautmalerische Hymne an die Eisenbahn ist das Stück, und man konnte wie hypnotisiert den Blick hin und her wandern lassen zwischen dem sich abmühenden Orchester vorne, welches das Pfeifen der Lokomotive, das Klopfen der Kolben, das Rattern der Schwellen in rasender Geschwindigkeit nachzuahmen hatte – und der direkt neben dem Publikum positionierten, kraftstrotzenden, schwarz-rot lackierten Dampflock Nr. 44606, laut Typenschild gebaut von der „Fried. Krupp Lokomotivfabrik Essen, Nr. 2254, 1941.“

Der Mythos der Maschine im naturnahen Ambiente

Die Faszination der Maschine war programmatisch für diesen Abend und hielt auch am nächsten an – gut, dass sie dann aber auch gebrochen wurde. Im ersten Konzert aber schien noch alles versöhnlich enden zu wollen – die Feier der Technik, seit Ende des 19. Jahrhunderts unzählige Male beschworen, die Anbetung und Mystifizierung der Maschine, harmonierte mit dem herrlichen Ambiente: Durch die weit geöffneten Flügeltüren der Halle wehte schwüle Sommerluft herein, später färbte sich der Abendhimmel rötlich, die Äste der Birken spielten im Wind, Musik und Technik schienen sich zur naturnahen Idylle zu vereinen.

Warum auf Adams‘ schnelle Fahrt Antonin Dvořáks Humoreske op. 101 folgte, war ein bisschen schleierhaft – doch danach ging’s streng programmatisch weiter: Die „unbändige Kinetik der Eisenbahn“ (so Dirigent Kevin John Edusei in einer seiner Zwischenmoderationen) schilderten unter anderem noch Leonard Bernstein und Billy Strayhorn. Bei ersterem schimmerten Jazz und Gershwin noch zaghaft durch, bei letzterem war der Jazz konstituierend: Philharmoniker-Bassist Frank Lippe hat das Arrangement geschrieben, das im Swingrhythmus von walking bass und Drums (ding-ding-a-ding-ding-a-ding) angetrieben und mit einem Solo der gestopften Trompete aufgepeppt (hier gab’s vom aufmerksamen Publikum jazzmäßigen Szenenapplaus) zwar mitriss, gleichzeitig aber auch die akustischen Grenzen der Lokhalle deutlich machte – es gab viel undifferenziertes Durcheinander auf die Ohren. Danach kam noch der Franzose Arthur Honegger mit „Pacific 231“ von 1923 dran. Wieder ein energiegeladenes Eisenbahnstück, nochmal mitreißender Temporausch und meisterliche Bearbeitung des Themas: Honeggers Dampfmaschine wurde zunächst immer lauter, fing aber irgendwann zu fliegen an.

Tags darauf: der Abgesang

Nach der Pause gab’s dann noch Schumann. Seine 3. Sinfonie endet mit einem „lebhaft“ überschriebenen fünften Satz, der aber auch das Mächtige, dunkel Feierliche des vierten Satzes in diese Lebhaftigkeit einzuweben scheint – man konnte das als Vorboten sehen für die kritische Herangehensweise des zweiten Abends: Er sollte eine weitere Feier der Maschine, aber auch einen Abgesang auf deren Mythos bringen. Zunächst aber lang anhaltender Applaus für einen hervorragenden Abend, der sein Gelingen zum guten Teil der umwerfenden Mischung aus Ambiente und Musik zu verdanken hatte. Im Pausengespräch zeigte sich GMD Dirk Kaftan überzeugt, dass die akustischen Mängel der Örtlichkeit hinreichend aufgewogen werde durch das inspirierende Ambiente – Dirigent Edusei bestätigte diese Einschätzung tags darauf im DAZ-Interview.

Auch am Montag dirigierte Kevin John Edusei – zunächst das fünfköpfige Ensemble aus zweimal Perkussion, Cello, Klavier und Bassklarinette, das David Langs „Cheating, Lying and Stealing“ aufführte. Etwas Elegisch-Verzweifeltes hat Lang seinem Maschinenrhythmus unterlegt: Industriell gefertigtes Lügen, Stehlen und Betrügen scheint da vorgeführt zu werden, die Getriebenheit der industriellen Revolution vielleicht, von der Vergötterung der Technik ist die Bitterkeit der Erkenntnis übriggeblieben, dass sie vielleicht das Leben, keinesfalls den Menschen verbessert hat – eine Räuberballade ohne jede Idylle. Anschließend gab’s als Uraufführung die „Entgleisung nach oben“ des Münchners Stefan Schulzki. Der Komponist spielte selbst Klavier und Sampler und präsentierte eine Musik, die zwar ebenfalls vom Maschinenrhythmus lebt, diesen aber fast unhörbar in den Hintergrund verschiebt – so lange, bis man die Instrumente förmlich atmen hört, und als sie nicht mehr hörbar sind, ist sogar die Stille atemberaubend.

Viehwaggons, die ins KZ fuhren

Mittlerweile schon ein „Klassiker“ der Neuen Musik, durften Steve Reichs „Different Trains“ für Streichquartett und Tonband einmal mehr Ambivalenz und Hybris des technischen Zeitalters aufzeigen: Die Züge, die im zweiten Teil von Reichs Werk fahren, sind jene Viehwaggons, die die Juden und auch seine Verwandten in die Vernichtungslager der Nazis transportierten. Eines der Kunststücke dieses schwer auslotbaren Werkes ist es, die Stimmen der Überlebenden in Musik zu verwandeln, ohne den Umweg über den Gesang zu nehmen. Vom Gesang wird nur erzählt: „Sie liebten es, dem Gesang des Mädchens zuzuhören“, berichtet die Stimme der Überlebenden Rachella, „und wenn sie aufhörte, riefen sie: mehr, mehr, und sie applaudierten.“ Ein Schlusssatz, der der Begeisterung die rechte Freude nimmt und einen Widerhaken implantiert: Musik, wir wissen es, liebten auch die Unmenschen. Das Morden konnte sie nicht aufhalten.

In Michael Gordons „Industry“ von 1993 schließlich ist Industrie nur noch Lärm (erzeugt vom gnadenlos elektronisch verzerrten Cello) und Schmutz (gezeigt in einem Video des Cellisten Konrad Bihler). Diese Musik ist schwer erträglich wie das Öl-Leck im Golf von Mexiko, und das wurde ausgeglichen durch Jörg-Peter Mittmanns „Railroad-Turnbridge“. Mittmann hat den Stil der Minimal Music gewählt, um einen 17minütigen Kurzfilm des Malers und Bildhauers Richard Serra musikalisch zu illustrieren. Mit diesem Werk schlug das Programm den Bogen zurück zur mystifizierenden Technikverehrung des vorigen Abends. Serra hat eine drehbare Eisenbahnbrücke im Einsatz gefilmt, Mittmanns Komposition folgt deren mechanischen Drehbewegungen mit den kreisenden Bewegungen seines Nonetts, die sich um eine endlos wiederholte Klavierphrase gruppieren. Hier wurde Technik noch einmal idyllisierend als Wunderwerk vorgeführt, das die Natur nicht braucht – nur einmal fliegt ein verirrter Vogel durchs Bild.

Zum Schluss ein schönes Sommerfest

Den Abschluss nicht nur für dieses Konzert, sondern für die Reihe „Zukunftsmusik“ in der zu Ende gehenden Saison, inszenierten Musiker der Jazzformationen „Kayfidelity“ und „Bataillon Modern“. Sie durften dem Technikthema den postmodernen Garaus machen, indem sie mit großer, paradoxer Ernsthaftigkeit einen eklektischen Stilmischmasch zelebrierten, der sich ernst nimmt, indem er sich nicht allzu ernst nimmt. So kommt der bayerische Zwiefache in den Jazz und lernt noch ein paar neue Rhythmen hinzu – ein bravouröses Finale, dem ein stilgerechter Ausklang folgte in Form eines kleinen Sommerfestes zwischen Gleisen und Lokomotiven. Intendantin Juliane Votteler, engagierte Verfechterin der Neuen Musik, blieb bis zum späten Ende und strahlte ob des Erfolgs der beiden Veranstaltungen: Sie habe nie Zweifel gehabt, dass Experimente dieser Art auch in Augsburg ihr Publikum fänden, betonte sie – und hofft auf eine Fortsetzung der Reihe, wenn im nächsten Jahr die Zuschüsse aus Ute Legners „Mehr Musik“-Projekt nicht mehr zur Verfügung stehen.

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