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Samstag, 22.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Von Hagens bestätigt Kritiker

Kommentar von Maja Silvia Steiner

Gunther von Hagens macht es seinen Befürwortern nicht leicht. Schon immer war sein Handeln darauf ausgerichtet, Grenzen zu verschieben, an Tabus zur rütteln und mit Vorstößen, die als Provokation wirken mussten, Schlagzeilen zu machen, um den Trubel um seine Welten der Körper nicht zum Erliegen zu bringen. Auch als ein von der Plastination und der Intensität der Wissensvermittlung durch diese Konservierungstechnik Begeisterter erfasste einen manches Bauchgrimmen hinsichtlich der Vermarktung und der Zumutungen, die von Hagens bereit war, einem anders denkenden Teil der Gesellschaft aufzubürden.

Was sich in Augsburg abspielt, ist nun aber ein trauriger Showdown, an dessen Ende er zweifelsfrei als Verlierer stehen wird, mit ihm diejenigen, die sich argumentativ hinter ihn gestellt haben – auch dann noch als er gewitzt-provokativ den „Schwebenden Akt“ einfliegen ließ, weil es beim „Liegenden Akt“ ja nur an der fehlenden Einverständniserklärung des männlichen Körperspenders ermangelt habe.

In Kohlhaas’scher Manier versucht von Hagens, der sich unberechtigter- und willkürlicherweise zensiert fühlt, sich sein vermeintliches Recht auf Ausstellung eines Sexualaktes zu ertrotzen. In der Tat geben die Begründungen der Beschlüsse des Verwaltungsgerichts Augsburg Anhaltspunkte, dass man sich dort sehr darum bemühen musste, das eigentlich wohl nicht begründbare Verbot der Ausstellung eines Geschlechtsakts der Stadt Augsburg durch Nebenaspekte zu stützen. Dennoch ist der brachiale Akt, das Exponat, das immerhin schon 160.000 Besucher in Berlin und London gesehen haben, kurzerhand zu zersägen, so grauenhaft wie unverständlich. Jeder, der des Paares ansichtig wurde, hat es als Ganzkörperplastinat in Erinnerung und fühlt sich durch den Akt seiner Zerstückelung von einem alles andere als wohligen Schauder gepackt, ja vielleicht sogar seelisch beschädigt. Dieses barbarische und noch dazu öffentlich demonstrierte Handeln ist in der Tat geeignet, die Würde dieser Verstorbenen noch nachträglich zu verletzen.

Bislang hat von Hagens stets, so auch in Augsburg, mit einer Goldabdeckung gearbeitet, wenn ihm die Ausstellung eines Exponates nicht zugestanden worden war. Das hätte auch im vorliegenden Falle genügt, um das „Spiel“ weiter zu spielen, wenn man denn schon nicht einfach einmal hätte nachgeben können. Das Bild, das ihn mit einer Säge vor dem Plastinat zeigt, und das er der Presse zuleitete, beweist nun in der Tat, dass er für seine persönlichen Interessen auf Gefühle und Belange anderer – selbst seiner Besucherschaft – keinerlei Rücksicht zu nehmen bereit ist. Er kann für sein Vorgehen auch von dieser Seite keine Zustimmung erwarten. Herr von Hagens hat sich ins Abseits gestellt.