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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Von der Volksmusik bis zur modernen Skulptur

Die Museen des Bezirks Schwaben definieren Heimat und Tradition neu

Von Frank Heindl

Heimat Schwaben: Volksmusik, Trachten, Wald und Wiesen, dörfliche Strukturen. Lauter zu Klischees geronnene Vorstellungen, allesamt ein bisschen richtig, allesamt ein bisschen falsch. Der Bezirks Schwaben tut mit seinem Kulturprogramm erstaunlich viel, um überkommenen Vorstellungen neue Inhalte zu geben, ohne mit Traditionen zu brechen.

Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert stellte jetzt zusammen mit den Leitern einer Vielzahl von kulturellen Einrichtungen des Bezirks das neue Jahresprogramm der Presse vor: Vom Volkskundemuseum Oberschönenfeld bis zur Hammerschmiede Naichen, von der Trachten- bis zur Volksmusikberatung, von kulturhistorisch hochinteressanten Ausstellungen bis zu solchen mit ganz moderner Kunst.

Vielfältige Veranstaltungen in den Museen des Bezirks: Vom actiongeladenen Kindertag – hier das „Schnitterfest“ beim Maihinger Bauernmuseum – (Foto: Ruth Kilian) …

Vielfältige Veranstaltungen in den Museen des Bezirks: Vom actiongeladenen Kindertag – hier das „Schnitterfest“ beim Maihinger Bauernmuseum – (Foto: Ruth Kilian) …


Das Volkskundemuseum Oberschö­nenfeld liefert das erste Beispiel für Ausstellungen, die zwar am regionalen Aspekt, an kultureller Tradition und auch an der Familientauglichkeit orientiert sind, die aber trotzdem kein betuliches Sonntags­nachmittags­programm anbieten, sondern kulturhistorische Inhalte publikums­freundlich vermitteln. „Die Sieben Schwaben“ heißt etwa eine Ausstel­lung (vom 17. März bis zum 6. Oktober), die dem Stoff der bekannten Volkssage nachgeht. Erstmals war in einem Meisterlied von Hans Sachs von neun Schwaben die Rede, später tauchten sie in einem Grimmschen Märchen auf, im 19. Jahr­hundert wurden sie berühmt im „Volksbüchlein“ des Türkheimers Ludwig Aurbacher. Mittlerweile hat sich aus dem „Dummeschwank“ eine Marke entwickelt, sind die tölpeligen Schwaben sogar als Marketinginstrument beliebt. Dass ein Volkskundemuseum nicht nur volkskundlich, sondern auch sehr gegenwärtig sein kann, zeigt sich an mehreren Ausstellungen von Gegenwartskunst – als Beispiel seien die Bilder, Zeichnungen und Skulpturen von Christofer Kochs erwähnt, die vom 12. Mai bis zum 7. Juli zu sehen sind, aber auch die Arbeiten in Stahl und Granit von Karl K. Maurer.

Heimat auch für Flüchtlinge, Vertriebene, Migranten

… bis zu Gegenwartskunst – im Mai stellt Christofer Kochs in Oberschönenefeld aus – (Foto: Jürgen Wittke) …

… bis zu Gegenwartskunst – im Mai stellt Christofer Kochs in Oberschönenefeld aus – (Foto: Jürgen Wittke) …


Kulturhistorisch startet auch das Rieser Bauernhofmuseum: Von Ende Mai bis Anfang November gibt es dort eine Ausstellung zum Thema Heimat – ganz unkitschig gehen die Ausstellungsmacher unter dem Titel „Heimat im Koffer, Heimat auf dem Teller, Heimat im Herzen“ verschiedenen Aspekten von Heimatgefühl nach. Es geht dabei aber nicht nur um das Heimatgefühl derer, die „schon immer“ Schwaben waren, sondern auch derer, die es hierher verschlagen hat: Flüchtlinge, Migranten, Vertriebene. Jeder habe seine Heimat im Herzen, erklärt das Programmheft, „manche tragen sie auf der Zunge, andere haben sie tief in sich verschlossen. Aber jeder weiß, was das ist: Heimat.“ Mal sehen, ob die Ausstellung klar machen kann, dass der Begriff auch völlig unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Wer älter als 50 ist, wird zum Zeitzeugen: Er hat bewusste Erinnerungen an Zeiten, die dem jüngeren Teil seiner Zeitgenossen fehlen. Zum Beispiel an eine Schulzeit in den 50er- oder 60er-Jahren. Um Volksschulen im ländlichen Bayern 1945-1970 geht es in einer Ausstellung im Rieser Bauernmuseum Maihingen: „Griffel, Füller, Tintenkiller“ heißt sie und erinnert unter anderem daran, dass in Bayern erst 1968 die Bekenntnisschule abgeschafft wurde – bis dahin wurden Protestanten und Katholiken an getrennten Instituten unterrichtet, erst der Bevölkerungsanstieg nach dem 2. Weltkrieg und der Zustrom von Vertriebenen machte Veränderungen unausweichlich. Ganz abgesehen davon, dass es vorher auch keine „Physikräume“ oder überhaupt moderne Schulbauten gab. Eine Ausstellung also, in der man sich bewusst machen kann, dass wir alle Teil von kulturhistorischen Entwicklungen sind.

Erfrischend aufgeschlossene Teams

…und Weltklassemusikern: Das Daedalus-Quartet konzertiert am 16. Februar im Rittersaal von Schloss Höchstädt (Foto: Lisa-Marie Mazzucco).

…und Weltklassemusikern: Das Daedalus-Quartet konzertiert am 16. Februar im Rittersaal von Schloss Höchstädt (Foto: Lisa-Marie Mazzucco).


Auch wer sich unter Trachten und Volksmusik etwas durch und durch biederes, altmodisches und verstaubtes vorstellt, kann sich von den kulturellen Institutionen des Bezirks Schwaben eines Besseren belehren lassen. Sowohl die schwäbische „Trachtenkultur­beratung“ als auch die „Forschungs- und Beratungsstelle für Volksmusik in Schwaben“ haben ihren Sitz in Krumbach – und beide werden von erfrischend aufgeschlossenen Teams geleitet. Die „Trachtler“ um Monika Hoede etwa freuen sich über großen Zulauf nicht nur bei der Beratung, sondern auch beim Schneidern: Sie bieten Trachten-Nähkurse an und fassen neuerdings ihr Wissen in einer Schriftenreihe zusammen, die großen Absatz findet: Broschüren übers „Werktagsgewand“ und über „Rüschen“ werden bis zu 2000mal verkauft, neue Auflagen müssen gedruckt werden.

Und auch die Volksmusiker in Krumbach sind weit von einer Beschränkung auf schunkelfrohe Bierzeltmusik und klischeebeladenen Musikantenstadl entfernt. Evi Heigl hat sich beispielsweise zu Herzen genommen, dass es nicht nur eine Volksmusik gibt – so wenig, wie es in Schwaben nur gebürtige Schwaben gibt. Begeistert erzählt sie vom „interkultureller Musikantenstammtisch“, den sie im Augsburger Café Neruda eingerichtet hat. Immer am ersten Dienstag im Monat treffen sich dort Musiker und Musikfans aus allen möglichen Ländern und Kulturen, um zusammen zu musizieren, zu singen, sich auszutauschen. Musik habe die Fähigkeit, „Menschen in ihrer Heimat zu verwurzeln“, sagt Heigl, sie helfe, Vorurteile abzubauen und eine gemeinsame Basis zu finden: „Es ist wunderschön, voneinander zu lernen und sich kennenzulernen.“

Neubewertung der Geschichte des Bezirks

„Heimatpflege ist eine kulturelle Querschnittsdisziplin“, sagt denn auch Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl. Will sagen, es gehören gewissermaßen alle und alles dazu. Weshalb der Bezirk Preise in so unterschiedlichen kulturellen Disziplinen wie der Denkmalspflege, der Literatur und der bildenden Kunst vergibt. Weshalb er seit zehn Jahren ein Forschungsprojekt über Mühlen in Schwaben durchführt, das im laufenden Jahr endlich im Internet einsehbar sein soll. Weshalb er Tagungen mit Heimatvertriebenen, über jüdische Geschichte und vieles mehr durchführt und dabei die Zusammenarbeit mit der Universität sucht. Und weshalb er nun einen Landeshistoriker beschäftigt, der die Geschichte des Bezirks untersucht, dessen Entwicklung in die gesellschaftlich-kulturell-politische Entwicklung Bayerns einordnen soll. Denn den Bezirk Schwaben gibt es nun auch schon 60 Jahre lang – Zeit, zurückzublicken und aus der historischen Distanz ein paar (Neu-)Bewertungen vorzunehmen. Im Herbst soll diese Forschungsarbeit beendet werden, und sie wird sich in eine Reihe stellen mit vielen anderen Kulturprojekten des Bezirks, deren Sinn darin besteht, so könnte man es formulieren, „volkstümlichen“ Traditionen zu bewahren und fortzuentwickeln, ohne mit ihnen zu brechen.