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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Vom Paradies in die Hölle – und wieder zurück

Festliche Eröffnung der großartigen Ausstellung „irdische paradiese“



Von Frank Heindl


Sinnliche Farbgebung: Renoirs "Femme à la Draperie"

Sinnliche Farbgebung: Renoirs "Femme à la Draperie"


Ohne den Sündenfall wären wir immer noch dort: im Paradies. Wir würden Obst von den Bäumen pflücken, miteinander tanzen, malen, lesen, spielen. So wie es 1896 Paul Signac gemalt hat – „in den Zeiten der Harmonie“ heißt sein Bild, mit dem Flyer und Plakate für die am Freitag eröffnete Ausstellung „irdische paradiese“ werben. Andererseits: Wäre so ein Paradies auf Dauer nicht irgendwie langweilig? Haben wir nicht all die Fortschritte in Wissenschaft und Technik, Gesellschaft und Kultur gerade unserer Unzufriedenheit und dem ewigen Streben nach Wiedererlangung des Paradieses zu verdanken? Gedanken, über die man trefflich räsonieren kann in der großartigen, noch bis 11. November dauernden Ausstellung im Augsburger Schaezlerpalais.

103 Meisterwerke aus der Kasser Art Foundation warten auf Besucher – und was dem Publikum geboten wird, ist durchaus eine kleine Sensation. Denn was Alexander und Elisabeth Kasser von den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an gesammelt haben, hat hohen Rang in der Kunstgeschichte. Aus mehr als 500 Stücken hat der Augsburger Ausstellungskurator Dr. Tilo Grabach 103 Skulpturen, Grafiken und Gemälde zur „Paradiese“-Ausstellung zusammengestellt. Die Liste der 54 Künstler reicht von Arp, Cezanne und Dégas über Grosz, Hrdlicka und Lipchitz bis Marini, Matisse, Monet, Picasso, Pollock und Renoir – um nur die allerberühmtesten zu nennen. In 14 Räumen des Schaezlerpalais sind ihre Werke thematisch angeordnet.

Ein „Gerechter unter den Völkern“

Der Ungar Alexander Kasser hatte schon Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts sein Interesse für die Kunst seiner Zeit entdeckt. Ein Interesse, das er wegen des zweiten Weltkrieges und der auch in Ungarn um sich greifenden Judenverfolgung nicht weiter verfolgen konnte. Kasser wurde in Budapest zum Mitarbeiter des berühmten Raoul Wallenberg, der mit echten und gefälschten „Schutzbriefen“ der schwedischen Regierung zahllosen Juden die Emigration nach Schweden ermöglichte. Kasser sollte später ebenso wie Wallenberg in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zum „Gerechten unter den Völkern“ ernannt werden – ihm selbst gelang die Flucht in die USA.

Und hier, erneut zu einigem Wohlstand gekommen, wurden Alexander Kasser und seine Frau Elisabeth zu Sammlern. Die Kasserschen Erwerbungen dienten dabei nie der Geldanlage, sie waren von Anfang an privater Natur, mit vielen der Künstler waren die Kassers eng befreundet. Als „full of emotion“ – mit Gefühlen angefüllt – bezeichnete denn auch am Freitagabend Kassers Tochter Mary Mochary die Kollektion. Beim festlichen Eröffnungsakt im Goldenen Saal äußerte sie sich ebenso wie Kathrin Crockart vom amerikanischen Generalkonsulat in München begeistert von der Tatsache, dass die Sammlung nun im „paradiesischen“ Ambiente des Schaezlerpalais gezeigt werde. Auch Peter Grab war verständlicherweise hoch zufrieden – die Ausstellung reihe sich, so der Kulturreferent, ein „in die Reihe bedeutender internationaler Kooperationen“ wie schon bei der Rugendas- und der Zarengoldausstellung. Viele der Werke werden in Augsburg zum ersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit zugänglich. Nach Beendigung der Ausstellung am 22. November sollen die Exponate nach Budapest weiterreisen, wo sie der Ungarischen Nationalgalerie einverleibt werden. Was Grab zu der Feststellung veranlasste, einmal mehr agiere Augsburg „auf Augenhöhe mit einer europäischen Hauptstadt.“

Gibt es einen Weg zurück?

Mensch gegen Natur: Marino Marinis "Kleiner Reiter"

Mensch gegen Natur: Marino Marinis "Kleiner Reiter"


Man darf gespannt sein, wie viele Besucher dieses neuerliche Highlight in der Augsburger Museumslandschaft anziehen wird. Sie erwartet ein schwelgerischer Rundgang, der mit Rodins Skulptur „Adam“ schon im Treppenhaus beginnt. In den dann folgenden 14 Räumen geht’s von Bildern der „idealen Welt“ zunächst direkt zu deren Gegenteil: Zur Kritik an der bestehenden, ganz und gar unparadiesischen Welt, repräsentiert etwa durch den Blick in eine triste Taverne, gemalt vom 16jährigen Pablo Picasso. Weiter geht es mit Akten, denen stark antithetisch einige „Höllentor“-Skulpturen von Rodin folgen. Danach führt die Route hinüber zu den bezaubernd paradiesischen Landschaften des Impressionismus. Und am Ende schließlich zu jenem Gemälde von Jackson Pollock, das, je nach Interpretation, einen Funken Hoffnung enthalten könnte: Das Bild von 1943 zeigt geifernde Hunde – und im Hintergrund eine Leiter. Führt sie zurück ins Paradies? Und wenn ja – gibt es eine Möglichkeit, unbeschadet an den Höllentieren vorbeizukommen? Der Besucher jedenfalls findet sich anschließend wieder im Prunksaal und hat es geschafft – vom Paradies in die Hölle und wieder zurück.

Fotos: Tim Fuller

Zur Ausstellung gibt es einen Katalog. Er zeigt alle Exponate und kostet an der Museumskasse 29,90 €.