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Donnerstag, 27.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Viele Teigtäschchen und eine verzweifelte Vitrine

Paul Schwer im Holbeinhaus

Von Frank Heindl

Er hat Medizin studiert, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet und dann mit 30 Jahren noch mal neu zu studieren begonnen – diesmal die Kunst. Seit Sonntag zeigt der Kunstverein Augsburg eine Ausstellung mit außergewöhnlichen, interessanten und verblüffenden Werken von Paul Schwer, der zur Ausstellungseröffnung auch selbst anwesend war.

Ob man dem vielschichtigen und komplex-komplizierten Werk des Schwarzwälder Künstlers mit dem Hinweis auf seine medizinisch-pychologische Vorbildung näher kommen kann, muss dahingestellt bleiben – die Interpretation von Objekt- und Installationskunst dieser Art kann ohnehin zum großen Teil nur Ergebnis einer individuellen Anstrengung sein, muss also Aufgabe des Betrachters bleiben. Und der hat einiges zu schauen im Kunstvereins-Haus am Vorderen Lech.

"Baozi" nennt Paul Schwer seine Objekte aus PET - nach den leckeren chinesischen Teigtäschchen

"Baozi" nennt Paul Schwer seine Objekte aus PET - nach den leckeren chinesischen Teigtäschchen


Das größte Objekt ist die Installation im Erdgeschoss. Das von Baulatten und Gerüststangen getragene, von Plastikbändern zusammengehaltene Werk trägt unter anderem ein rotes Kunststoffgehäuse, das per Neonröhre von innen heraus beleuchtet wird. Im Lattenlabyrinth ganz oben aufgehängt thront eine Vitrine im 50er-Jahre-Stil. Allerdings liegt sie falsch herum, mit nach oben ragenden Beinen, die Installation auf diese Weise geradezu spiegelnd. Auch dieses Schränkchen wird von innen durch Neonröhren erleuchtet, wird von diesen grob durchstoßen. Eine Lichtinstallation? Eine Baustelle? Die Kritikerin Adrienne Braun wies in ihrem einführenden Vortrag darauf hin, dass Schwers Verwendung von „armen Materialien“ kein Zufall, sondern gewollt und bedeutungsvoll sei: Wieso denn solle Kunst schön sein und wer sage, dass sie ad hoc verständlich sein müsse? Eine in Bezug auf zeitgenössische Kunst allerdings nicht eben überraschender Hinweis. Eine Utopie wolle der Künstler nicht verkaufen – aber welcher ernstzunehmende Künstler will das heute noch? Er verzichte auf die „repräsentative Geste“ und riskiere mitunter sogar die „Brüskierung des Betrachters“ – aber, mal im Ernst: Wer heute brüskieren will, zeigt sezierte Leichen beim Geschlechtsakt, statt Lichtinstallationen zu basteln. Hilfreicher schon Brauns Hinweis, Schwers Installationen träten in einen Dialog mit der vorhandenen Architektur und Umgebung und schüfen „atmosphärische Orte“ in ihrem „komplexen Zusammenspiel von Raum, Bewegung und Licht.“ In der Tat korrespondiert das Werk auf überraschende Weise mit dem umgebenden Raum – ob das intendiert war oder sich einfach so „ergeben“ hat, ist für diese Wahrnehmung nicht von Bedeutung.

Spott und Parodie?

Wer solche Herangehensweisen zu kompliziert findet, der darf auch schmunzeln. Es sei durchaus erlaubt, meint der Künstler auf Nachfrage, über seine Arbeit auch zu lachen. Und so kann man das seine Beine keck (oder verzweifelt) in die Luft streckende Möbelchen wohl auch als Parodie auf die Installation sehen, deren Teil es ist. Oder eben nicht als korrespondierend mit dem kunstvollen Holbeinhaus, sondern auch dieses möglicherweise ein ganz klein wenig verspottend. Wer würde schließlich behaupten wollen, dass Kunst immer respektvoll sein muss?

Neben dieser in mehrerlei Hinsicht „überragenden“ Installation verblasst fast ein wenig, was der Kunstverein sonst noch ausstellt. Die Acrly-Blase etwa, die sich im Erdgeschoss dem Betrachter aus der Wand entgegenbläht wie ein überdimensionierter Luftballon, kann man beim ersten Rundgang durchaus versehentlich übersehen. Die Teigtäschchen dagegen eher nicht, denn von ihnen gibt es viele. „Baozis“ nennt Schwer diese Plastikgebilde, und ein Baozi ist, nun ja, ein chinesisches Teigtäschchen eben. In der Industrie wird PET vor allem für die Herstellung von Flaschen verwendet. Schwer erwärmt den Kunststoff auf 150°, lässt ihn abkühlen und formt in den zwei bis drei Minuten vor der Erhärtung bunte Skulpturen, die tatsächlich ein bisschen nach diesen kunstvoll geformten Leckerbissen aussehen.

Neue Schönheit im gläsernen Kubus

Im ersten Stock sind auch Gemälde zu sehen. Die Malerei sei sein Hauptmetier, sagt Schwer, definiert auch seine Installationen als „Raumzeichnungen.“ Umgekehrt kann man seine Bilder wiederum als Architekturzeichnungen sehen, als Entwürfe, Grobkonzepte, Ideenskizzen für die Installationen. Überraschend ungebrochen „ästhetisch“ scheinen zwei etwa drei Meter lange gläserne Kuben, leicht ansteigend gegen die Wand gelehnt, bunt bemalt und von innen beleuchtet – Paul Schwer kann durchaus auch klassisch „schön“. Und steht damit womöglich auch für die gegensätzliche Untrennbarkeit von Harmonie und Dissonanz, von Ästhetik und deren Leugnung, für die Idee, dass der Kampf gegen das schöne Klischee durchaus zu neuer Schönheit führen kann.

Paul Schwer: Fugue. Beim Kunstverein Augsburg, Holbeinhaus, Vorderer Lech 20.

Noch bis zum 1. November.

Öffnungszeiten: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag 11 – 17 Uhr, Mittwoch 11 – 20 Uhr.

Eintritt frei, Katalog 5 Euro.

» www.kunstverein-augsburg.de