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Samstag, 04.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Viel Grund zur Vorfreude – Drei Stadttheater-Premieren in den nächsten zehn Tagen

Von Frank Heindl

„Endlich!“, seufzen die Kulturbegeisterten. Die Sommerpause war lang, doch am Freitag beginnt die neue Theatersaison – endlich! Mit „Hereinspaziert, hereinspaziert!“ gab das Stadttheater am vergangenen Wochenende mal wieder Kostproben dessen, was in nächster Zeit „theatermäßig“ auf uns zukommt – allein drei Premieren stehen in den nächsten Tagen auf dem Programm.

Am Freitag dieser Woche schon (25. September, 19.30 Uhr) beginnt der Inszenierungsreigen – in der Komödie steht Paul Claudels „Das harte Brot“ auf dem Programm. Der Bruder der Bildhauerin Camille Claudel schrieb das Stück, das laut Regisseur und Augsburger Schauspieldirektor Markus Trabusch „ein Thriller und eine Familiengeschichte, auf jeden Fall aber sehr spannend“ ist. Materialistisches Denken vernichtet Existenzen – auf diese kurze Essenz könnte man den Inhalt reduzieren. „Das Schlimme ist“, meint Trabusch in Anspielung auf Wirtschaftskrise und raffgierige Banker, „dass unsere Zeit der damaligen so sehr ähnelt.“ Claudel selbst sieht die Handelnden als Menschen, denen „der Sinn“ verloren gegangen ist – was kein Zufall ist in einer Zeit, in der, wie Heinrich Heine schrieb, in Frankreich der Baron Rothschild zum neuen „Gott“ aufstieg – die Parallelen zur Gegenwart drängen sich tatsächlich regelrecht auf. Wenn man sich zusätzlich bewusst macht, dass die Zeit, in der Claudels

Stück handelt, die selbe war, in der Marx an seiner umfassenden Kapitalismuskritik arbeitete, wird klar, wie drängend aktuell Claudels Stück heutzutage interpretiert werden kann. In einer großen Rolle wird übrigens Judith Bohle zu sehen sein, die neu im Ensemble des Stadttheaters ist.

Das „heilige Gesetz des Krieges“

Schon einen Tag später dann (Samstag, 26. September, 19.30 Uhr) gibt’s im großen Haus die nächste Premiere. Hier steht ein gewichtiger Klassiker auf dem Programm: Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“. Kleists Prinz wird nach einer Befehlsverletzung, obgleich diese seinen Truppen zum Sieg verholfen hat, zum Tod verurteilt. Am Ende des Stückes wird er dieses – absurde? – „heilige Gesetz des Krieges“ akzeptieren, wird es „durch einen freudigen Tod verherrlichen wollen.“ Wen bei solcher Verabsolutierung des Willens der Staatsmacht das kalte Grausen überfällt, der darf sich in Übereinstimmung mit dem Regisseur sehen. Jan-Philipp Gloger (in der vergangenen Saison hat er Lessings „Emilia Galotti“ inszeniert) findet das Weltbild des Prinzen „unvorstellbar“ und interessiert sich gerade deshalb für ihn. „Mich reizt, was ich nicht kenne!“, betont er und bezieht in seinen Wissensdurst ausdrücklich zum Beispiel Selbstmordattentäter ein: „Wie kommt einer dazu, sich solch einer Idee zu verschreiben?“ Kleists „extrem genaue Sprache“ mache es möglich, sich solchen Phänomenen anzunähern, das Unvorstellbare begreiflich zu machen. Ein Stück sei das „über den Konflikt zwischen Chaos und Ordnung“ – die Welt um den Prinzen versuche, im Durcheinander des Krieges „Planbarkeit herzustellen“, aber, so Gloger: „Der Krieg ist Chaos, der Krieg ist unbeherrschbar!“

Ein Loch in der Bühne – das Grab des Prinzen

Bühnenbildnerin Marie Lotta Roth will diesen Widerstreit zwischen Ordnung und Chaos sichtbar machen: Die militärische Welt solle „einen Riss bekommen“ – ein Loch habe man in den neuen Bühnenboden schlagen müssen, um dies zu verdeutlichen. Homburgs Grab soll so die „permanente Anwesenheit des Todes“ symbolisieren. Die „Ordnung“ wird durch Uniformen ausgedrückt – alle müssen eine tragen, auch die Frauen, „militärisch-beamtisch“ soll das wirken, aber nicht historisch zu verorten sein. Es gehe nicht darum, so Gloger, eine bestimmte Gesellschaft oder historische Situation an den Pranger zu stellen, sondern Mechanismen offen zu legen: „Es gibt keinen Bösewicht in diesem Stück, alle Handelnden stecken in einer Art Gefängnis.“ Die Inszenierung arbeitet übrigens auch mit dem Einsatz von Musik – man darf gespannt sein, ob und wie das funktioniert. Und Puristen dürfen beruhigt sein: Der Text, versichert Gloger, sei nur geringfügig und sehr vorsichtig gekürzt worden – „wir wollten auf jeden Fall im Vers bleiben“.

Augsburgs Textilgeschichte hautnah

Die dritte Premiere folgt eine knappe Woche später: Mit „augsburg factory: web und walk. Die Augsburger Weber“ bringt das Stadttheater am Freitag, den 2. Oktober eine Eigenproduktion auf die Bühne. Allerdings nicht auf die eigene, denn das Stück, das von der Theatercompagnie „fliegende fische“ um Harry Fuhrmann (Inszenierung) und Christiane Wiegand (Dramaturgie) veranstaltet wir, kommt in den Hallen der Dierig-Textilfabrik in Augsburg-Pfersee zur Aufführung. Diese Inszenierung könnte die interessanteste dieser Saison werden, mit Sicherheit wird sie die außergewöhnlichste. Fuhrmann und seine Truppe haben über Monate hinweg die Geschichte der Augsburger Textilindustrie recherchiert und ehemalige Beschäftigte der Firmen interviewt. Daraus ist ein Stück entstanden, das Augsburger Stadt- und Sozialgeschichte hautnah erlebbar machen soll – inszeniert sozusagen am Ort des Geschehens. Mehr wollen wir über „web und walk“ allerdings im Moment nicht verraten – in der nächsten Woche bringt die DAZ eine ausführliche Reportage über das Projekt.