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Donnerstag, 02.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Vernageltes Augsburg

Kommentar von Maja Silvia Steiner

Nun ist es also doch so gekommen. In Augsburg ist gestern Nachmittag eine Vitrine im Separee der Körperweltenausstellung vernagelt worden, auf dass auch ganz gewiss niemand die Menschenwürde zweier Personen verletze, die sich ausdrücklich gewünscht haben, nach ihrem Tod wissenschaftlich-anatomischen Zwecken zur Verfügung zu stehen, und dabei in einem Liebesakt dargestellt zu werden. 160.000 Menschen haben das Paar in Berlin und London schon gesehen, aber nur der resolute Akt, Besucher des Feldes zu verweisen und um das Exponat einen blickdichten Bauzaun zu errichten, kann angeblich in Augsburg ihre Würde sicherstellen.

Man mag Oberbürgermeister Gribl zugute halten, dass er moralische Bedenken hat und persönlich empört war von der so forschen wie provokativen Interpretation des Beschlusses des Verwaltungsgerichts Augburg durch den Plastinator. Andererseits wäre er als Jurist wohl selbst auf diesen Dreh gekommen, hätte er von Hagens zu vertreten gehabt, denn der Beschluss des Verwaltungsgerichts bot einen Vorstoß über die nun offene Flanke geradezu an.

Den sofortigen Vollzug der Stadt für ihre Anordnung, von Hagens müsse neue Exponate erst genehmigen lassen, hatte das Gericht aufgehoben und in der bedeutsamen Frage, ob die Darstellung eines Geschlechtsaktes die Menschenwürde missachte, vorgezogen nicht zu entscheiden. Es wollte sich die Arbeit wohl vereinfachen, eventuell die Verfügung der Stadt mittragen, ohne das Risiko einzugehen, dass der Beschluss von der nächsten Instanz aufgehoben wird. Die angeblich nicht zweifelsfreie Einwilligung des männlichen Körperspenders zum „Liegenden Akt“ bot sich da als Notausgang an. Von Hagens konterte mit einem Exponat, bei dem die Einwilligungen nicht angreifbar sind. Die Stadt reagierte. Von Hagens wird reagieren. Bald liegt der Ball wieder im Feld des Verwaltungsgerichts.

Was bleibt ist der Eindruck, dass in Augsburg verboten wird, was anderswo selbstverständlich ist. Augsburg vernagelt? Es scheint so. Auch wenn Gribl seine Entschlossenheit bei Gegnern der Ausstellung etliche Sympathien einbringen wird, so wirkt doch auf die anderen sein Handeln als eine Bevormundung von Körperspendern wie Ausstellungsbesuchern.

Franz Josef Wetz, Professor der Philosophie und von Hagens‘ Berater in Fragen der Menschenwürde, brachte es bei der Pressekonferenz auf den Punkt: Verbote und behördliche Anordnungen bezüglich der Körperspende bedeuten hier, dass der Bürger zum kulturpolitischen Pflegefall von Sittenwächtern und Moralaposteln werde. Genau so fühlt es sich an. Soll dem Besucher doch tatsächlich eingeredet werden, dass ausgerechnet der Akt, der alles menschliche Leben überhaupt erst möglich macht, durch eine von anatomischen Interesse getragene Betrachtung die Menschenwürde verletze. Diese ist unantastbar. Sie gegen den Willen ihres Trägers zu verteidigen, kann man aber mit einiger Gewissheit als einen solchen Eingriff werten.