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Donnerstag, 16.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Unter Wölfen

Das Interview mit Tugay Cogal



Tugay Cogal

Tugay Cogal


Der Vorsitzende des Augsburger Integrationsbeirates Tugay Cogal ist seit Februar 2013 Mitglied bei Pro Augsburg und hofft auf einen guten Listenplatz bei der Kommunalwahl 2014. Am 6. Juni hatte Cogal einen nichts sagenden Auftritt bei einer von Pro Augsburg veranstalteten Podiumsdiskussion. Nun macht im politischen Augsburg ein Interview die Runde, das keinen anderen Schluss als diesen zulässt: Cogal muss schnellstmöglich sein Amt als Integrationsbeiratsvorsitzender niederlegen und von allen politischen Akteuren dieser Stadt als „unwählbar“ markiert werden. Tugay Cogal, seit Januar 2012 Vor­sitzender des Augsburger Integrations­beirates, ist am 17. Februar bei Pro Augsburg eingetreten. Es sei richtig, dass er wie sein Vorgänger Ahmed Akcay mit Peter Grab befreundet sei und dass er von Peter Grab gefragt worden sei, ob er sich nicht politisch bei Pro Augsburg engagieren wolle, wie Cogal unlängst der DAZ erklärte. Cogal wurde 1970 in der Türkei geboren und ist 1976 als ältestes Kind einer sieben­köpfigen Familie als „Gastarbeiter­familie nach Deutschland /Augsburg eingewandert“, so Cogal, der seit vier Jahren dem Sportverein FC Özakdeniz vorsitzt und bei Pro Augsburg die „Facharbeits­gruppe Integration und Migration“ leitet. Das Interview, das die DAZ in voller Länge “abdruckt” erschien zuerst in der Online-Ausgabe der Neuen Szene. Geführt wurde es von Marcus Ertle.

Neue Szene: Wie kommt es eigentlich dazu, dass Sie für Pro Augsburg in den Stadtrat wollen?

Cogal: Peter Grab hat mich mehrmals gefragt und dann habe ich irgendwann Ja gesagt. Ich lebe hier seit 1976 und es ist mir sehr wichtig mich hier einzusetzen, weil wir schon so lange hier leben.

Wer ist wir?

Wir Migranten aus der türkischen Community. Es ist noch nicht ganz angekommen, dass wir uns mehr engagieren müssen, das Geschehen hier in Deutschland mehr verfolgen müssen als das Geschehen im Herkunftsland. Integration ist ein beidseitiger Prozess, es fehlt da bei beiden Seiten.

Wo fehlt es besonders?

Es war immer der Gedanke da, dass die erste Generation in die Türkei zurückkehrt. Es gab da von beiden Seiten, der deutschen und der türkischen, eine falsche Erwartung.

Aber das ist ja nun inzwischen klar, dass es meist keine Rückkehr in die Türkei gibt.

Ja, das hat aber sehr lange gedauert, bis es allen klar wurde.

Welche Interessen wollen Sie im Stadtrat vertreten?

Die Interessen der Stadt und die Interessen der Migranten, denn viele Migranten sagen, dass sie keine Interessenvertreter haben, aber im Endeffekt ist es egal, wer im Stadtrat sitzt, es geht um das Wohl der Bürger. Aber wir haben eine Migrantenquote von 42% in Augsburg, es sollten deswegen mehr Migranten im Stadtrat vertreten sein.

Mit dem Argument der Quote könnte man aber beispielsweise auch eine entsprechende Anzahl von Sitzen für Frauen, Homosexuelle, Behinderte und Arbeitslose fordern.

Es geht darum zu wissen, was man tun muss, damit sich Migranten hier besser zurechtfinden.

Wieso wollen Sie eigentlich für ProAugsburg in den Stadtrat und nicht für die Grünen, SPD etc.?

Ich hätte auch zu den Grünen, der SPD, der CSU oder CSM gehen können, ich bin ein Mann der Mitte, das ist mein Charakter.

Was passiert gerade in der Türkei, Wutbürger, Revolution?

In der Türkei gibt es eine Regierung die auf diktatorische Art ihre Ziele durchsetzen will, dagegen wehren sich jetzt viele Türken.

Passt das ins Links-Rechts Schema?

Nein, es gibt Linke Demonstranten und Rechte, die gegen Erdogan auf die Straße gehen.

Sind Sie selbst eher links oder rechts?

Ich bin einer, der sich nicht in die türkische Politik einmischen will, als Integrationsbeiratsvorsitzender bin ich für alle türkischen Gruppierungen da.

Ihr Vorgänger als Integrationsbeiratsvorsitzender, Ahmet Akcay, sollte ja auch für Pro Augsburg in den Stadtrat.

Diese Gerüchte sind aufgetaucht, er hat es sich überlegt, ich hatte mit ihm keine Probleme, er wollte das machen.

Wollte er von sich aus, oder wurde er von Peter Grab gefragt?

Ich glaube eher, dass er von sich aus wollte, er hat Veranstaltungen von Pro Augsburg besucht und hat Beifall bekommen, er hat sich mit Peter Grab gut verstanden, damals gab es das Gerücht schon, genau weiß ich es nicht.

Wäre er ein geeigneter Kandidat gewesen?

Er war jung, hat gutes deutsch gesprochen, warum also nicht?

Es gab Vorwürfe gegen ihn, auch aus Polizeikreisen, er stünde extremistischen türkischen Gruppierungen nahe, den Grauen Wölfen beispielsweise.

Diese Vorwürfe gibt es auch gegen mich, manche Leute verstehen nicht, dass ich als Mitglied des Integrationsbeirats Einladungen von Vereinen so gut wie möglich wahrnehme. Der Verein, der den Grauen Wölfen nahesteht, ist kein illegaler Verein und wenn der türkische Generalkonsul zu einer solchen Veranstaltung geht, dann sollte man soviel Respekt haben und auch hingehen.

Die NPD ist strenggenommen auch nicht illegal.

Die Grauen Wölfe sind hier in Deutschland aber nicht so extrem.

Der Verfassungsschutz sieht das anders, und wenn man manche Parolen liest, auch hier in Deutschland, dann sind sie durchaus extrem.

In der Türkei sind sie extrem, das stimmt.

Der hiesige Verein, bei dem Sie mehrmals zu Gast waren, ist laut Türkeiexpertin Stefanie Schoene, und selbst unter den Grauen Wölfen, einer der härteren Sorte.

Ja, das stimmt, aber im Integrationsbereich haben sie die gleichen Probleme wie andere Vereine.

Manchmal haben führende Mitglieder dieses Vereins auch Probleme mit der Polizei, vor zwei Wochen gab es bei * (Name der Redaktion bekannt) eine Hausdurchsuchung bei der auch Waffen gefunden wurden. Es gibt viele Bilder, die Sie mit ihm zusammen auf diversen Veranstaltungen zeigen.

Ich war auf Veranstaltungen ja, er ist seit drei Jahren mein Arbeitskollege, da entsteht irgendwann mal, da ergeben sich auch mal Besuche.

Rein menschlich nachvollziehbar, aber es muss doch auch gewisse Abgrenzungen geben. Sonst müssen Sie ja zu jedem Verein, egal wie extremistisch er ist. Gibt es keine rote Linie? Sie selbst sind ja kein Mitglied dieser Gruppen.

Bei den Grauen Wölfen waren viele Politiker, auch Kurt Gribl, auch Referenten.

Waren die Politiker dort wissentlich oder unwissentlich?

Manche wissentlich, manche unwissentlich.

Werden Sie in Zukunft wieder zu Veranstaltungen der Grauen Wölfe gehen?

Das ist schwierig, nachdem was jetzt herausgekommen ist. Aber auf die Veranstaltungen dieses Vereins gehen viele Stadträte, wissentlich.

Was würden Sie zu einem deutschen Stadtrat sagen, der zu Veranstaltungen von einem Verein geht, der rechtsextremen deutschen Gruppen nahesteht, einem Verein in dessen Umfeld es Hausdurchsuchungen mit Waffenfunden gab?

Ich wusste ja nicht, dass die so radikal waren.

Dafür ist diese Gruppe aber doch seit Langem bekannt.

Als Integrationsbeiratsvorsitzender muss ich neutral bleiben.

Nochmal, würden Sie heute wieder zu einer Veranstaltung der Grauen Wölfe gehen?

Nein.

Wieso nicht?

Weil sich jetzt viel ergeben hat, mit diesen Waffenfunden, da hat sich viel Negatives entwickelt. Ich dachte, dass diese Gruppe in eine positive Richtung geht, aber das tut sie nicht.

So nach der Art: Es sind keine Demokraten, aber vielleicht wird’s ja noch.

Jeder redet ja von der Demokratie, aber in Wirklichkeit… . Wie demokratisch sind wir denn alle?

Werden die Grauen Wölfe noch verfassungstreue Demokraten?

Nach außen sicherlich.

Würden Sie sich heute noch mit * (Name der Redaktion bekannt) treffen und fotografieren lassen?

Ich werde ihn bestimmt treffen, denn er geht auf viele Veranstaltungen.

Und Fotos?

Wissen Sie, wenn Kurt Gribl zu einer Veranstaltung geht und * ist auch dabei und er will ein Foto, dann wird der OB sicher nicht nein sagen.

Und wenn Kurt Gribl Sie fragt, ob er sich mit * fotografieren lassen soll, was raten Sie ihm?

Ich würde ihm eher abraten.

Weil?

Weil ich nicht will, dass der OB so wie ich in die Kritik gerät.

Wäre die Kritik denn unberechtigt?

Gerecht oder ungerecht – man wird in Kritik geraten.

Berechtigte Kritik?

Wenn ich wüsste, dass ich so in die Kritik gerate, würde ich sagen: Lieber nicht. Aber das weiß man immer erst später.

Dürfte ein Mitglied der Grauen Wölfe Ihrer Meinung nach Vorsitzender des Integrationsbeirats werden?

Wenn er die Mehrheit bekommt.

Wer dürfte dann nicht?

Jeder, der demokratisch gewählt wird, kann Vorsitzender werden.

Dürfte ein politischer Extremist Stadtrat werden?

Ja, wenn er demokratisch gewählt wird!

Sie ziehen sich jetzt auf das rein Formelle zurück, wie fänden Sie es denn persönlich?

Das kann ich nicht beurteilen.

Aber wenn ich jetzt frage: Soll ein NPD-Politiker in den Stadtrat, da würden Sie doch sicher sagen, was sie davon halten.

Nein, da sage ich dasselbe, man sieht erst später, ob etwas gut oder schlecht ist, das ist die Entscheidung der Bürger.

Sollte gelungene Integration generell so aussehen, dass die Herkunft überhaupt kein Kriterium mehr ist?

Es wird für die Integration sehr hilfreich sein, wenn die Migranten sagen: Deutschland ist mein Heimatland. Aber sie sollen natürlich ihre Wurzeln, ihre Sprache, ihre Identität nicht verlieren, das ist ja auch eine Bereicherung für das Land.