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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Und hinter den Dingen die Welt

Walter Käsmairs Augsburg-Fotografien

Von Siegfried Zagler



Karl Albert Gollwitzer (1839 -1917) war Visionär und Architekt. Seine Bauten waren Kinder ihrer Zeit, seine Visionen – wie der Augsburger Stadt-Hafen mit Anschluss an eine internationale Wasserschifffahrt – kühne Entwürfe, die ihrer Zeit weit voraus waren. Berühmt wurde er durch seine großbürgerlichen Wohnbauten im Stile des Historismus. So zum Beispiel die Bürgerhäuser bei der Blauen Kappe, die – als wären sie nicht tausendmal fotografiert – von Walter Käsmair so abgebildet wurden, als müssten sie neu entdeckt werden. Das Verborgene ist nicht verborgen, wenn man es sehen will. Davon erzählen die neuen Augsburg-Fotografien von Walter Käsmair, der seit einem Vierteljahrhundert im Herbst seinen neuen Augsburg-Kalender für das kommende Jahr vorstellt.

Der 55jährige Berufsfotograf erkundet seit vielen Jahren die Stadt mit obsessiver Genauigkeit. Seit einem Vierteljahrhundert zeigt uns Käsmair ein Augsburg, dessen Historizität in dieser Sorgfalt zu selten gewürdigt wird. Augsburg ist eine atemberaubende Stadt und obwohl sie immer da war und uns ständig umgibt, muss man sich offensichtlich stets ihrer einzigartigen Existenz vergewissern. Augsburg ist bei Käsmair ein Gemälde, das seine Betrachter zur Kontemplation zwingt. Eine Fotografie bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern etwas, das der Fotograf sieht oder zu sehen glaubt. Käsmair ist ein Fotograf, der komponiert. Ihn interessiert nicht allein die aufregende Authentizität eines Objekts, sondern auch die Welt hinter den Dingen. Käsmair komponiert mit der Kamera eine Welt, die sich einem flüchtigen menschlichen Blick nicht offenbart. Sein Sucher ist ein Werkzeug einer Erkenntnisarbeit, die uns beschämt, weil sie uns ahnen lässt, dass hinter dem Sichtbaren eine tiefere Ordnung steckt und uns die Bedeutung dieser Ordnung verborgen bleibt, weil wir die Kunst des Sehens nicht beherrschen.

Der Realismus einer Schwarz-Weiß-Fotografie Käsmairs irritiert deshalb, weil das Bekannte plötzlich nicht mehr vertraut ist und hinter den Dingen eine unentdeckte Welt zu existieren scheint. Wenn man es auf die Spitze treiben will, sind Käsmairs Obsessionen das Gegenstück der „NASA-Fotografie“. Die Bilder des Weltraum-Teleskops „Hubble“ führen uns aus der platonischen Höhle hinaus, während Käsmair uns tief in sie hinein treibt. Die Malerei des Impressionismus bis hin zur Kernspintomographie zeigt nur eins: Die Welt ist Vorstellung – und unsere Stadt ein Abgrund. Wer das nicht ahnt, der sollte sich den Fotografien Walter Käsmairs widmen.

Walter Käsmairs Augsburg-Kalender 2013 ist seit wenigen Tagen in ausgesuchten Augsburger Buchläden erhältlich.