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Montag, 20.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Tränen für eine versunkene Zeit

Kino: „Das Lied von den zwei Pferden“

Von Frank Heindl

Filme aus der Mongolei? Dass es so etwas gibt, weiß man in Deutschland seit den großen Erfolgen der Werke von Bayambasuren Davaa. „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ und der Nachfolger „Die Höhle des gelben Hundes“ haben die Regisseurin so bekannt gemacht, dass man in Cineastenkreisen sogar ihren Namen fehlerfrei aussprechen kann. Am Montag präsentierten sie und ihre Hauptdarstellerin, die Sängerin Urna Chahar-Tugchi, im Thalia-Kino ihr neues Werk: „Das Lied von den zwei Pferden“.

Raodmovie in der mongolischen Steppe – Regisseurin Davaa

Raodmovie in der mongolischen Steppe – Regisseurin Davaa


Das neue Werk ist die filmische Dokumentation einer sehr persönlichen, schwierigen Suche nach den eigenen Wurzeln. Zunächst ist da die Sängerin Urna Chahar-Tugchi. Sie spielt sich selbst und ihre eigene Geschichte: Ihre Großmutter hat in der chinesischen Inneren Mongolei am eigenen Leibe die Konsequenzen von Maos großer „Kulturrevolution“ erfahren. Die ererbte Pferdekopfgeige konnte sie nur in Bruchstücken vor den Machthabern retten, die alles Althergebrachte aus den Köpfen ihrer Untertanen tilgen wollten. So unternimmt Urna viele Jahre später eine Reise in die Äußere Mongolei, jene Mongolische Republik, in der sich nach dem Ende der Sowjetunion eine demokratische Wende vollzogen hat. Dort will sie die zerstörte Geige reparieren lassen und gleichzeitig den Text jenes Liedes wiederfinden, das in Bruchstücken auf das Instrument graviert war.

Ein Roadmovie zwischen Steppe und Moderne

Aus Urnas Reise hat Davaas Filmteam ein wunderbares Roadmovie gemacht – die Aufnahmen sind mit wenigen Ausnahmen dokumentarisch, der Inhalt ist authentisch, trotzdem hat der Film nichts Dröges, nicht Belehrendes. Die Konfrontation von Davaas und Urnas in die Vergangenheit gerichteter Suche mit der die Traditionen vernichtenden Moderne, die seit zwanzig Jahren die Mongolei noch einmal vehement überrollt, vollzieht sich leise, unaufdringlich und mitunter äußerst komisch. So scheint es in der Mongolei nicht unüblich zu sein, dass man bei schlechter Handyverbindung eine SMS los wird, indem man das Gerät möglichst hoch in die Luft wirft – man mag es kaum glauben, aber der Trick scheint zu funktionieren! Und also Urna traditionell gewandet einen Markt besucht, wird sie zunächst für eine Touristin gehalten – die Einheimischen kleiden sich schon längst nicht mehr so.

Die Kamera interessiert sich vor allem für die Menschen, denen das Team auf seiner Reise mit Hindernissen (der Kleinbus bleibt tagelang in sumpfigen Wiesen stecken) begegnet. An ihnen ist die Kamera sehr nahe dran, ihre Gesichter, ihre Gesten, ihre Behausungen werden porentief gezeigt, viel seltener öffnet sich das Bild in die kargen, weiten Landschaften der Mongolei.

Die Erinnerung wird brüchig

Brüchige Stimme aus einem uralten Baum: Sängerin Urna (rechts) mit 86jähriger Mongolin

Brüchige Stimme aus einem uralten Baum: Sängerin Urna (rechts) mit 86jähriger Mongolin


Ihr Musikstudium in Shanghai, erzählt die Sängerin im Film, habe sie nicht befriedigt, weil die kulturellen Besonderheiten der Mongolei dort nicht zum Ausdruck kommen durften – doch auch sie selbst, ihre Begleiter und ihre Suche nach der Vergangenheit sind mittlerweile zum Fremdkörper geworden in der längst nicht mehr so archaisch besiedelten Steppe. In hochhackigen Schuhen stapft Urna über die feuchten Wiesen, die Globalisierung hat schon manche Weide in eine Goldmine verwandelt, und die Alten haben zwar alle von dem gesuchten Lied gehört – doch keiner kann sich mehr an den Text erinnern.

Ein umso größeres Glück ist es – für den Film, seine Protagonisten und nicht zuletzt die Zuschauer –, dass das Team eben dieses Lied doch noch findet. Eine 86-Jährige, die zunächst beteuert, sie habe all die alten Lieder vergessen, fängt auf wenige Stichworte hin zu singen an. Die Tränen der Freude, der Bewegung, der Rührung, die Urna in dieser Szene vergießt, seien echt, beteuert sie im DAZ-Interview. Dieser Moment, in dem eine alte, brüchige Stimme ertönt, aus einem Gesicht, das ebenso viel von einem knorrigen, uralten Baum hat wie von einem Menschen, macht den Film zu einem grandiosen Epos: Die Stimme singt auf unvergleichliche Weise das Lied der aussterbenden Traditionen, einer Kultur, deren Rettung nahezu aussichtslos erscheint; die Stimme ist gegenwärtig und erklingt doch aus einer fast schon erloschenen Vergangenheit. Und die Tränen der Sängerin sind die der Hinterbliebenen an der Grabstätte einer versunkenen Zeit. „Ach Großmutter, könntest du mir doch einen Rat geben“, hat die Sängerin Urna zuvor geseufzt. Wenn die Stimme der Alten aus der Steppe einen Rat enthält, mag es der sein, dass die Kunst zeitlos sein, aus der Zeit fallen muss, um die Umbrüche der Welt zu überleben. Diesen Gesang kümmert die Welt nicht – er ist Selbstzweck und ertönt nur, damit das Lied der zwei Pferde des Dschinghis Khan nicht vergessen wird.

„Das Lied von den zwei Pferden“ läuft im Thalia: www.lechflimmern.de

Der Trailer und viele Informationen gibt’s unter www.dasliedvondenzweipferden.de

Infos zur Sängerin Urna Chahar-Tugchi: www.urna.com.

Ihre aktuelle CD heißt „Amilal“, ist bei „trees music & art“ erschienen und unter anderem bei amazon.de erhältlich.

» DAZ-Interview: Regisseurin Davaa und Sängerin Chahar-Tugchi