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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Totalitarismus ist leicht zu identifizieren – Eine kleine Realienkunde anlässlich des Tags der Deutschen Einheit

Angesichts der Bundestagswahl und angesichts eines neu erwachten parlamentarischen Nationalismus, der dem deutschen Michel „sein Land zurückgeben“ will, ringt die politische Öffentlichkeit um Deutung. Gesichert ist bis dato nur eins: die nicht überwundene Spaltung in Hirn und Herz.

Von Bernhard Schiller

Der Kriegsgott der Deutschen

Den Feind im Übertötungsrausch schänden: Heldengedenken in Augsburg

Den Feind im Übertötungsrausch schänden: Heldengedenken in Augsburg (c) DAZ


Zwischen hohen Bäumen ein wenig versteckt steht im Fronhof vor dem Augsburger Dom ein merkwürdiges Denkmal. Ein überlebensgroßer, an einen trojanischen Helden erinnernder Krieger ist dort zu sehen. Sein linker Fuß ist zur Siegerpose auf dem Torso eines französischen Soldaten platziert. Mit dem Schwert, das er jetzt voller Satisfaktion zurück in die Scheide führt, hat er dem Franzosen vorhin die Beine, Arme und das Haupt abgehackt.

Das als Friedensdenkmal bezeichnete Monument soll an den Krieg von 1870/71 erinnern. Jenem dritten der sogenannten Deutschen Einigungskriege, dem die deutsche Reichsgründung und die Ausrufung des deutschen Kaisertums folgten. Rings um den Sockel prangt in schwarzen Eisenlettern ein stolzer Vers: „Aus Kampfes Nacht, stieg auf mit Macht, der Sonne gleich, der Deutschen Reich.“

Eingeweiht wurde das Denkmal am 02. September 1876, dem Jahrestag der Schlacht von Sedan, welche die Niederlage der französischen Armeen besiegelte. 5.700 französische und 3.400 deutsche Soldaten verloren dabei ihr Leben. Bis zum Jahr 1919 wurde der Sedantag im deutschen Kaiserreichs als Quasi-Nationalfeiertag gefeiert.

Eine sehr ähnliche Darstellung ist am Hauptportal des Passauer Doms zu finden. Auch hier inszeniert sich ein mit dem Schwert bewaffneter Soldat auf dem Leichnam seines Feindes. Auch hier erinnert die Inschrift an die „Helden des königlich-bayerischen Infanterieregiments“, diesmal gefallen im Ersten Weltkrieg. In einem Punkt unterscheidet sich die Passauer Darstellung allerdings von der Augsburger. Der Erschlagene ist ein drachenartiges Ungeheuer und der Sieger besitzt Flügel, als wäre er ein Engel.

Es handelt sich um Sankt Michael, den „Kriegsgott der Deutschen“. So bezeichnete der Deutsche Patriotenbund den Nationalheiligen, als Kaiser Wilhelm der II. im Jahr 1913 das berühmte Völkerschlachtdenkmal in Leipzig einweihen ließ. Auch dieses wurde in Erinnerung an einen Sieg und im Gedanken nationaler Überlegenheit erbaut.

Blutige Fenster in die Vergangenheit

Große und kleine Denkmäler dieser Art – mit Flügel oder ohne – gibt es in Deutschland wie Sand am Meer. Als

Engel ohne Flügel: Heldengedenken in Königsbrunn (c) DAZ

Engel ohne Flügel: Heldengedenken in Königsbrunn (c) DAZ


blutige Fenster können sie den Blick in die Vergangenheit schärfen. Einer Vergangenheit, die geprägt war vom messianischen Nationalismus und der Selbstverständlichkeit, mit der Gewalt und Kriege ein Mittel zur Durchsetzung von Interessen waren. Gesinnungen, die letztlich von Deutschland ausgehend in den Zweiten Weltkrieg und zum Vernichtungsexzess des Holocaust führten. Als der Weltenbrand eingedämmt war, war von dem Deutschland, das sich bis dahin von einem „Himmelsfürsten“ geeint und geführt glaubte, kaum etwas übrig. Die Aufhebung der deutschen Einheit wurde nicht nur politisch, sondern nachhaltig kulturell vollzogen. Nur vordergründig verlief sie entlang politischer Grenzen. Tatsächlich erfasste sie die Herzen und Köpfe der Deutschen, deren beider Staaten von der Schuld gezimmert wurden. Von einem geteilten Deutschland könne keine allzu große Gefahr mehr ausgehen. Dieser rationale Konsens der Alliierten genügte dem Michel links und rechts des Eisernen Vorhangs als Rechtfertigungsmatrix der Teilung: So war den bösen Mächten der deutschen Seele die Macht genommen.

Es ist allerdings gleichermaßen ignorant wie gefährlich, das Böse, das von Deutschland ausging, auf die kurze Zeitspanne zwischen 1933 und 1945 zu reduzieren, als sei es aus dem Nichts entstanden. Die Rahmenbedingungen waren längst da. Militarismus, Rassismus, das romantische Nationalgefühl, Luthers antijüdische Schriften und der allseits verbreitete Antisemitismus, der deutsche Idealismus, der Untertanengeist, der Narzissmus. Die nationalsozialistische Propaganda konnte mühelos auf einer langen Tradition aufbauen.



Erzengel in Aktion: Heldengedenken in Passau

Erzengel in Aktion: Heldengedenken in Passau (c) DAZ


Die Botschaft der Denkmäler sollte gelesen werden

Die Denkmäler aus einem politisch korrekten Reinigungsbedürfnis heraus vollständig verschwinden zu lassen, wäre falsch. Ihre Botschaft sollte vielmehr gelesen werden: Überall dort, wo der Wunsch und der Glaube an die vollständige Ausrottung des Bösen (oder dessen, was dafür gehalten wird) besteht, entsteht früher oder später das Unheil des Totalitarismus. Totalitarismus ist leicht zu identifizieren. Zur Herstellung der von ihm angestrebten Herrschaft benötigt er ein dämonisiertes Feindbild, einen Teufel. Wenig unterscheidet den äußeren, politischen Totalitarismus vom psychischen Totalitarismus des Einzelnen. Vielmehr ist der eine die Wurzel des anderen. Der Wunsch, alles Unliebsame und Belastende auszulöschen, ist menschenfeindlich. Der Menschenfresser lässt sich demnach an seiner Sprache erkennen.



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