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Samstag, 31.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Theatersanierung: Im Dickicht der Drohungen

Warum die Debatte über die Theatersanierung aus dem Ruder läuft

Von Siegfried Zagler

Die Anfeindungen, Verunglimpfungen und Drohungen, die derzeit der Sprecher des Augsburger Bürgerbegehrens gegen die geplante Theatersanierung auszuhalten hat, haben verleumderischen Charakter und sind auf die Vernichtung einer wirtschaftlichen Existenz eines vermeintlichen “Theatermörders” abgezirkelt. Diese Form der Auseinandersetzung stellt den Tiefpunkt einer kulturpolitischen Debatte dar, die seit vielen Jahren ohne große Wirkungseffekte vor sich hinglimmt und von denjenigen, die von dem aktuellen Bürgerbegehren fälschlicherweise das Ende ihrer Welt befürchten, vermutlich nie bemerkt wurde. Die frühe Eskalierung einer im Grunde auf Inhalte ausgerichteten Debatte ist das Theaterfeindlichste, das in der aktuellen Kulisse geschehen konnte. Zu verantworten haben diese Schmutzkampagne, soviel steht fest, nicht die Sanierungskritiker.

Aktuell geben zwar alle Parteien des Dreierbündnisses Bekenntnisse zum “Theaterstandort Augsburg mit einem Dreispartenhaus” ab, doch dabei könnte es sich um Lippenbekenntnisse handeln. Das offenbart ein kurzer Blick zurück: Als die Stadtregierung des Regenbogens 2002 in allen Budgets fünf Prozent kürzte, hatte das Augsburger Stadttheater große Probleme, einen ausgeglichenen Wirtschaftsplan zu gestalten, weshalb die CSU (als Oppositionspartei) Kooperationen mit anderen Theatern und die Zusammenlegung von Sparten forderte.

Als die CSU das Augsburger Rathaus 2008 zurückeroberte und ab 2009 eine Generalsanierung des Stadttheaters für zirka 100 Millionen Euro (inklusive Freilichtbühne) angestrebt wurde und sehr konkret im politischen Raum stand, wurde die Sanierung samt einem 55-Millionen-Euro-Finanzierungsplan, der damals “nur” auf 14 Jahre ausgelegt war (von 2014 bis 2028), von der Stadt im April 2010 auf unbestimmte Zeit vertagt. Es sei kein Geld da, gab OB Kurt Gribl lapidar zu Protokoll. Damals schien diese Begründung allen einzuleuchten.

Ein Jahr später gab der damalige Fraktionschef der SPD, Stefan Kiefer, der DAZ ein Interview, in dem er darüber nachdachte, ob eine Kommune wie Augsburg überhaupt in der Lage wäre, eine dergestalt langfristig ausgelegte Finanzierung zu stemmen: “Wenn man sich die Situation der städtischen Finanzen mit 80 Millionen Euro neuen Schulden und Kassenkrediten einerseits und die Aufgaben der Stadt andererseits zum Beispiel unserer Schulen oder der Alterung unserer Gesellschaft ansieht, dann muss jeder von uns ehrlicherweise und ernsthaft die Frage stellen, ob die Stadt mindestens 55 Millionen Euro für ein Komplettsanierungsprogramm des Theaters über 14 Jahre überhaupt durchhält.”

Vor vier, fünf Jahren dachte man innerhalb der Augsburger SPD finanzpolitisch offenbar noch anders – Stadttheater hin, Generalsanierung Stadttheater her. Das gilt auch für die Grünen, die 2014 ihren Wahlkampf mit einem Wahlprogramm bestritten, das den Wählern versprach, dass man mit den Grünen in der Regierungsverantwortung keine neue Schulden mehr aufnehmen werde. Dann kamen die Grünen in Regierungsverantwortung und sie stimmten einer weiteren Neuverschuldung zu – für die Schulsanierungen. Das solle die Ausnahme bleiben, so die Grünen damals, weshalb deren kulturpolitische Sprecherin, Verena von Mutius, noch im Juli-Stadtrat 2015 mit großem Gestus erklärte, dass eine Theatersanierung mit Schuldenaufnahme mit den Grünen nicht zu machen sei. „Die Sanierung ohne Neuverschuldung zu stemmen, ist für uns Grüne entsprechend des Grünen Wahlprogramms und der Kooperationsvereinbarung Grundvoraussetzung“, so von Mutius, die drei Monate später vor den Trümmern ihrer Rede stand, als sie begreifen musste, dass ohne Neuverschuldung keine Theatersanierung möglich ist.

Wenn sich die Augsburger Grünen in einem Dilemma befinden, befragen sie ihre Mitglieder: “Bist Du einverstanden, dass die Grünen Augsburg wegen den zu erwartenden Kosten der Theatersanierung eine Ausnahme von der Kooperationsvereinbarung machen und einer Neuverschuldung zustimmen?“, so die Frage, die 233 Grüne Mitglieder des Augsburger Kreisverbandes mit Ja oder Nein zu beantworten hatten. 68 Mitglieder stimmten dafür, 39 dagegen. Das war im November 2015.

Das am 1. April 2016 gestartete Bürgerbegehren mit der Fragestellung „Sind Sie dafür, dass die Stadt Augsburg die Sanierung des Theaters trotz angespannter Haushaltslage über Neuverschuldung finanziert?“ , ist genauso intendiert wie seinerzeit die Grüne “Urabstimmung”, doch im Gegensatz zur Positionsfindung der Grünen Stadträte, die sich vom Votum ihrer Basis leiten ließen, bedeutet eine Abstimmung der gesamten Stadtgesellschaft (Bürgerentscheid) mit der beinahe identischen Fragestellung offenbar für die Stadt, das Stadttheater und seinen Fans eine fatale Heimsuchung, deren Abwehr mit allen Mitteln das Gebot der Stunde zu sein scheint. Dabei behaupten die Sanierungskritiker “nur”, dass die Sanierungspläne der Stadt schlecht sind. Das gehe besser, schneller und günstiger.

Könnten sie diese Behauptungen belegen und eine bessere, schnellere und günstigere Planung durchsetzen, gingen sie als Superstars in die Augsburger Geschichte ein und die Stadt und ein renommiertes Münchner Architekturbüro stünden ziemlich blamiert am Pranger. Deutlich zu erkennen ist allerdings, dass die Sanierungskritiker nicht in der Lage sind, ihre Behauptungen mit Fakten zu unterfüttern, was einerseits mit mangelnder Kompetenz zu erklären ist und andererseits damit zu tun hat, dass sie keinen Überblick besitzen, was die laufende Planung betrifft. Letzteres kann man aber niemand zum Vorwurf machen. Niemand weiß, welche Planung der Stadtrat im Juli in einen Projektbeschluss gießen wird. Zu viele Prüfanträge sind gestellt, zu viele “Experten” aus den Fraktionen und der Verwaltung reden mit, sodass alles möglich ist. Sogar eine Lösung ohne Bühnenturm, ohne Brechtbühnenabriss und ohne Tiefbau und ohne Orchesterprobensaal an der Volkhartstraße mit Tunnel in den Orchestergraben, der nach Informationen der DAZ jedoch wieder im Rennen sein soll. Möglich sind Auslagerungen der Werkstätten, der Verwaltung und der Lagerstätten. Oberbürgermeister Kurt Gribl und Architekt Walter Achatz befänden sich in einem ständigen Austausch, war aus der Verwaltung zu erfahren. Welche Planungsvarianten sich durchsetzen werden, scheint derzeit noch nicht geklärt zu sein. Anzunehmen ist allerdings, dass von der ursprünglichen Achatz-Planung aus Kostengründen wenig übrig bleiben könnte, sodass am Ende des Tages ein Theater aus dem “Leib Augsburgs” geschnitzt wird, also eine “Augsburger Lösung” zur Abstimmung steht, die das Gegenteil einer modernen Theaterplanung abbildet.

Auch die Gruppe um den Architekten Christian Z. Müller kann ihre Haltung zur einer raschen Umsetzung der städtischen Pläne nicht mit Sachargumenten unterfüttern, da auch sie nicht weiß, zu welcher Planung sich der Stadtrat aufschwingen wird. Diese Gruppe agiert ressentimentgesteuert gegen die Sanierungskritiker, weil sie der Zuschreibung folgt, dass die Sanierungskritiker keine Planungskritiker sind, sondern “Theatermörder”, da ihr No-Go zur Neuverschuldung jede Sanierung aushebelt. Damit blamiert sich die Initiative “Theatermodern” auf der gleichen Höhe wie die Stadt und die “Theaterleute”, die nicht erkennen wollen, dass es sich bei den Sanierungskritikern um Zwerge handelt, die mit Papp-Helmen und Plastikschwertern eine uneinnehmbare Festung angreifen, weil sie formal mit ihrer Fragestellung leicht abzuschütteln sind und vermutlich sogar inhaltlich auf der Planungsebene “Sanierung Großes Haus” leicht mitzunehmen gewesen wären, wäre die Stadt mit der Plausibilisierung ihres Projektes nicht sofort bei der Staatsregierung gelandet, sondern in Augsburg in die Offensive gegangen. Zu einer Offensive gehört allerdings immer eine formale wie inhaltliche Vision, die zwar bei der Achatz-Planung noch erkennbar war, aber im Lauf der Kostensparprozesse einer kleinteiligen Denkungsart zum Opfer gefallen ist.

Es ist aber nicht der (natürliche) Dissens bezüglich einer offensichtlich visionslosen Planung, der das gegenwärtige Hass-Szenario bestimmt. Die Debatte ist deshalb so frühzeitig aus dem Ruder gelaufen, weil bei dem Bürgerbegehren der Sanierungsgegner ein Sakrileg mitschwingt, etwas Unerhörtes, das in der Theaterszene niemand hören und ertragen will, nämlich der Subtext, dass die Leistung, die ein Stadttheater für eine Stadt bringt, einen zu hohen Preis hat. Die Selbstverständlichkeit, dass sich eine arme Stadt wie Augsburg ein philharmonisches Orchester leisten kann, steht mit diesem Bürgerbegehren nicht mehr in Stein gemeißelt. Eine Stadt, die in Zeiten wirtschaftlicher Progression Steuern erhöhen muss, um sich die Sanierung ihrer Brücken leisten zu können, darf sich nicht wundern, wenn die Bürger dieser Stadt gegen ein kostspieliges Theater wettern, das ihnen fremd geworden ist, weil die Reflexion ihrer Lebenswirklichkeit und die Kraft gut erzählter Geschichten auf diesen Bühnen nicht mehr zum Wirken kommt. Im Grunde spüren das die “Theaterleute” selbst, wenn sie während ihrer Darbietungen auf den Silbersee im Parkett blicken und am Ende der Vorstellung meist mit höflichem Applaus verabschiedet werden. Sie spüren es, doch sie verdrängen es, weil sie ihre Arbeit lieben und aus dieser Liebe heraus die Wirklichkeit einer Stadt als unerträgliche Zumutung empfinden.

Im Gegensatz zur Märchenwelt der Augsburger Puppenkiste mit ihrer Scheinriesen-Legende “Turtur”, der stetig kleiner wird, je näher man an ihn herankommt, werden in der Lebenswirklichkeit Zwerge zu Riesen, wenn man sie wie Riesen behandelt. Die Drohung der Sanierungskritker ist stärker als deren Ausführung, weshalb sie jeden Tag mit ihrer Drohung größer werden, was auch damit zu hat, dass die Stadt glaubt, sie wäre gut beraten, wenn sie sich als Adressat zurückhält und die Theaterszene und eine Bürgerwehr nach vorne schickt. Es gibt in der Stadt Augsburg einen kulturpolitischen Reformstau, der bis in die Ära Kotter zurückreicht. Es ist an der Zeit, die Versäumnisse der Vergangenheit aufzulösen. Mit Flashmobs wird das nicht funktionieren.