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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Gedanken zum neuen Spielplan des (Staats)Theaters Augsburg

Die Vorstellung des Spielplans für die nächste Spielzeit ist immer ein aufregender Pressetermin: Neue Chance, neues Glück. Was haben sie sich diesmal einfallen lassen? Und diesmal besonders spannend, da es fast in trockenen Tüchern ist: Nächste Spielzeit sind wir Staatstheater!

Von Halrun Reinholz

Nun kann das natürlich keine Auswirkung auf den Spielplan haben, der längst steht. Aber das Medieninteresse ist größer als sonst. Intendant André Bücker wird von BR Klassik interviewt. Prämisse: Was tun die hier so? Ist dieses Haus überhaupt tauglich für Staatstheater?
Wie auch immer: Ein Theater hat seine Arbeit zu machen und genau so unverkrampft kommt André Bücker bei der Vorstellung des Spielplans rüber. Hauptproblem: Das Interim, die Provisorien. Die neue Spielzeit bringt erneut einen Umzug – die Brechtbühne wird ins Gaswerk-Gelände „verpflanzt“. Abschied aus der Stadtmitte – für viele Jahre wahrscheinlich. Das Martinigelände wurde, wie die Theaterleiter betonen, gut angenommen. Trotz der etwas exzentrischen, park-unfreundlichen Lage: Der Ort hat was. Begegnung, Catering – und auch an den Saal hat man sich nach dieser ersten Spielzeit gewöhnt, auch wenn er, bühnentechnisch gesehen, gelinde gesagt eine Herausforderung ist.

Dem Zeitgeist mit „Geistzeit“ kontern

André Bücker ist ein Pragmatiker und deshalb ist die neue Spielzeit an den Gegebenheiten orientiert: Wir tun das, was wir mit den vorhandenen Mitteln können. Und das ist schon eine ganze Menge, lautet die Botschaft. Die (noch nicht ganz) vergangene Spielzeit war unter dem Strich erfolgreich. Die „Sinn-Suche“ hat sich gelohnt. Nun hat man sich dem „Zeitgeist“ verschrieben. Nicht als Prostitution, wie man vielleicht denken könnte. Den „Zeitgeist“ aufzuspüren hat durchaus etwas Spirituelles und Zukunftsweisendes. Und umgekehrt fühlt die neue Spielzeit sich der „Geist-Zeit“ verpflichtet, in der Überzeugung, dass „Zeit-Geist“ vom zweiten Teil der Wortzusammensetzung bestimmt ist.

 

Mehr Standard in der Spielzeit 2018/19

Wie auch immer, der neue Spielplan zeigt das Bemühen, den Zuschauern einen roten Faden anzubieten, der sich durch das Programmkonzept zieht. Was auffällt: Es ist wieder ein bisschen mehr Standard in der Planung. Das Musiktheater hat – warum auch nicht – die Zauberflöte auf dem Spielplan. So lange ist das noch nicht her, dass die in Augsburg gespielt wurde. Mit „Don Pasquale“ und „Werther“ sind auch zwei weitere Klassiker auf der Agenda.

Als besonderes Zuckerl für die Wagnerianer gilt die einmalige Benefiz-Veranstaltung im Kongress am Park, mit der die Theatersanierung unterstützt wird: Walküre konzertant. Bücker hat inzwischen ein Gespür für die lokalen Seilschaften und Gerhard Siegel ist in dieser Hinsicht die beste Wahl: Er singt nicht nur selbst, sondern bringt auch zahlreiche hochrangige Kollegen mit, die den Abend mit Sicherheit zu einem musikalischen Erlebnis werden lassen. Zum Ausgleich für so viel Bekanntes hat das Theater zwei Überraschungen in petto: Eine fast unbekannte, selten gespielte Ritter-Oper von Smetana, „Dalibor“, und eine europäische Erstaufführung der amerikanischen Oper „JFK“ von David T. Little, die, wie das Kürzel vermuten lässt, von John F. Kennedy handelt. Dass für die Freilichtbühne Jesus Christ Superstar angesetzt ist, die „Mutter aller Rock-Opern“, passt zum Thema Zeitgeist und wird viele Fans freuen. Im Musiktheater wird es laut Ankündigung auch drei neue Ensemblemitglieder geben.

Klassiker und Neues im Schauspiel

Auch das Schauspiel hat Klassiker in petto: Die Orestie von Aischylos, vom leitenden Dramaturgen Lutz Keßler als Lehrstück für den Zeitgeist des schwindenden Demokratiebewusstseins empfohlen. Das „Käthchen von Heilbronn“, diese skurrile Stalker-Story passt seltsamerweise auch in unsere entrückte Zeit. Und für das Brechtfestival hat sich das Theater den „Baal“ vorgenommen, das zeitlose Stück des sehr jungen Brecht über maßlose Ausschweifung, Tabubrüche und Selbstverständnis des Künstlers. Doch mehr als Bekanntes erwartet die Theaterzuschauer im Schauspiel Neues, das neugierig macht. Peter Shaffers „Amadeus“, wenngleich in Augsburg noch nicht gespielt, haftet noch nicht der Mut des Experimentellen an. Die Trilogie „Gas“ des expressionistischen Dichters Georg Kaiser, eine Familiengeschichte, ist da schon mehr als nur ein ironischer Seitenhieb auf die neue Spielstätte im Gaswerk. Mit „Europe Central“ erwartet die Augsburger eine Uraufführung des daramatisierten Romans von William T. Vollmann, mit „Oleanna“ der etwas andere Beitrag zur „MeToo“ Debatte. Eine weitere Uraufführung ist das Stück „Die nötige Folter“ von Dietmar Dath, wo es um Strafe und Sühne geht. André Bücker inszeniert. Ein Publikumsrenner verspricht das selten gespielte Stück aus den Dreißiger Jahren zu werden: „Der Lechner-Edi schaut ins Paradies“. Das Familienstück zu Weihnachten wieder klassisch: Astrid Lindgrens „Mio mein Mio“. Ein Kuriosum ist der „Judas“ des Niederländers Lot Vekeman, der aus Anlass der 1000-Jahr-Feier der Moritzkirche aufgeführt wird. Vertrautes bleibt mit dem Format „Tatort Augsburg“, der sich in seiner vierten Folge wieder an das Komissarteam des Erstlings erinnert und daran anknüpfen wird.

Ballett mit Vivaldi und Glass

Das Ballett unter Ricardo Fernando will seine Erfolgsgeschichte fortsetzen. Mit „Die vier Jahreszeiten“ steht nicht etwa (nur) Vivaldi auf dem Programm, sondern vielmehr die spannende Uraufführung einer Verknüpfung von Vivaldi mit Philip Glass. Neben einigen anderen innovativen Tanzabenden wird auch der erfolgreiche Schwanensee und „Ballett? Rock It“ wieder aufgenommen, das, wie Fernando staunend zugab, noch vor der Premiere restlos ausverkauft war und nach wie vor nachgefragt wird. Und selbstverständlich kündete der Ballettdirektor auch für die neue Spielzeit den Gala-Abend an, der inzwischen ein von Tanzfreunden ungeduldig erwarteter Geheimtipp ist.

Der neue Artist in Residence

GMD Domonkos Héja erläuterte schließlich noch das Konzertprogramm, das auch einige Highlights parat hält. Neben seinem Steckenpferd der Fortführung der Werke Béla Bártoks richtet sich der Fokus der Konzerte auf den neuen „Artist in Residence“ Matthias Höfs. Der Trompeter wird sich dem Augsburger Konzertpublikum mehrfach präsentieren. Besonders hervorzuheben wäre ein Barock-Konzert im Mai 2019, wo die aus Augsburg stammende international renommierte Geigerin Sarah Christian, soeben beim Mozartfest erfolgreich in Erscheinung getreten, den Part der dirigierenden Violinistin übernimmt. Kammerkonzerte, Familienkonzerte und Sonderkonzerte runden das Angebot auch in der neuen Spielzeit wie gehabt ab.

Bücker und sein Team haben mit dem Entwurf für ihre zweite Spielzeit auf „geistreiche“ Art gezeigt, dass sie Lokales mit überregionalen Trends weiterhin bestmöglich vernetzen wollen. Dass das Staatstheater in dieser Hinsicht noch bessere Möglichkeiten bietet, kann nur willkommen sein. Im Sinne des „Zeit-Geistes“ und der „Geist-Zeit“ ist dem Theater auch in der neuen Saison ein neugieriges und experimentierlustiges Publikum zu wünschen, das nicht von allen guten Geistern verlassen ist.

Foto: Leitungsteam des Theater Augsburg (c) Jan-Pieter Fuhr

(v.l.): Ricardo Fernando, Friedrich Meyer, Heike Neumann, Daniel Herzog, André Bücker, Domonkos Héja, David Ortmann, Sabeth Braun, Nicole Schneiderbauer, Sophie Walz, Lutz Kessler

Foto: André Bücker (c) DAZ



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