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Mittwoch, 21.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Textilmuseum geht mit Erfolgszahlen ins zweite Jahr

Ab Mai Sonderausstellung mit Dessous seit 1850

Von Frank Heindl

Knapp ein Jahr ist’s her, dass am 21. Januar 2010 das Textilmuseum (tim) in der Provinostraße mit viel Prominenz eröffnet wurde. Am gestrigen Mittwoch luden die tim-Verantwortlichen zur Pressekonferenz, um ihre Erfolgszahlen zu präsentieren. Und um zu zeigen, wie sie das gute Startjahr fortsetzen wollen.

Er sei „froh und stolz“ über die guten Zahlen, freute sich Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr. In der Tat übertrafen die Besucherströme im ersten Jahr auch die optimistischsten Erwartungen. Mit 75- bis bestenfalls 100.000 Gästen habe man gerechnet, sagt Murr, der 100.000ste aber wurde schon im September gezählt, am Ende waren’s knapp 140.000. Mehr als 1.200 Führungen haben mittlerweile stattgefunden, 2.664mal warfen die ehrenamtlichen Mitarbeiter im Maschinensaal ihre Webstühle an, verwoben 7.200 Meter Stoff zu mehr als 14.000 Handtüchern und 9.400 „Schlossertüchern“, die anschließend im Museumsshop verkauft wurden. Nebenbei, so Murr, habe sich das tim auch als kultureller Veranstaltungsort etabliert: Konzerte von Neuer Musik bis Tango und der „Philosophy Slam“ lockten Besucher an, derzeit zeigt das Stadttheater die „Kunst der Komödie“ im weitläufigen Obergeschoss des tim, weil der Theatercontainer nach wie vor auf sich warten lässt. Wenn er mal steht, wird er Theaterfans weit mehr zu bieten haben als das tim – mit der wunderbaren Architektur der historischen Shedhalle allerdings wird es der metallene Zweckbau auf keine Fall aufnehmen können.

Ab Februar Workshops für Kinder und Erwachsene

Das trug man um 1855 „drüber" …

Das trug man um 1855 „drüber“ …


Die Erfolgsstory des tim wird sich 2011 nicht so ohne weiteres weiterschreiben lassen. Murr räumt ein, dass bei den exorbitanten Zahlen auch die Besucher der Landesausstellung „Bayern – Italien“ mitgezählt wurden. Die wurde immerhin bayernweit beworben, ein ähnliches Zugpferd ist für 2011 nicht in Sicht. Stattdessen will das Museum nun mit Zusatzprogrammen Besucher anlocken: Ab Februar gibt es Workshops für Erwachsene und Kinder, am letzten Februarwochenende beispielsweise einen Siebdruck-Kurs, Kinder können in den Winterferien Anfang März beim Workshop „Falten, Reißen, Kleben“ Kleider aus Papier herstellen (unter timbayern.de gibt‘s bisher nur Informationen zum Siebdruck-Kurs, außerdem bietet das Museum eine Workshop-Flyer an). Und außerdem startet am 26. Mai die Sonderausstellung „Reiz & Scham – Kleider, Körper und Dessous“, in der es ums „Drunter“ und „Drüber“ bei der Bekleidung geht. Die zweigeteilte Ausstellung will in ihrer ersten Abteilung („Drüber“) an 200 Ausstellungsstücken zeigen, wie sich Sittlichkeits- und Tugendvorstellungen seit 1850 in der Kleidung widergespiegelt haben. Im zweiten Teil geht es ums „Drunter“: Vom Korsett über die Krinoline des 19. Jahrhunderts bis zu den Spitzentüten-BHs der 50er-Jahre und dem modernen „Hauch von Nichts“ zeigen 250 Exponate den Wandel der Unterwäsche. Thematisiert wird dabei auch „der Blick“ – der wohl hauptsächlich ein männlicher ist. Man(n) wird aber auch erfahren, aus welcher Perspektive etwa eine Näherin oder ein Arzt das betrachten, was den einen eine ungesunde Verirrung, den anderen der Inbegriff der Erotik ist. Auch Männermode kommt übrigens vor, aber Murr gibt schon im Vorfeld zu, dass die Herren „modegeschichtlich leider nur halb so interessant“ seien.

Die Ehrenamtlichen machen Umsatz und Profit

… und das in den 1950ern „drunter“. Exponate der tim-Ausstellung „Reiz & Scham“ ab 26. Mai.

… und das in den 1950ern „drunter“. Exponate der tim-Ausstellung „Reiz & Scham“ ab 26. Mai.


Dessous – ein Thema, das sicherlich viel Publikum anziehen wird. Doch in der Hauptsache bleibt das tim ein Industriemuseum, und dafür sorgt auch der rührige „Förder- und Freundesverein tim“ unter seinem Vorsitzenden Werner Heidler. „Unsere strammen Ehrenämtler“ nennt Museumsleiter Murr die engagierte Schar ehemaliger „Textiler“, die den Maschinenpark des Museums nicht nur in Schuss halten, sondern auch profitabel betreiben. Denn in einer wohl einzigartigen Kooperation betreiben die Freiwilligen auch den Museumsshop, wo die selbstproduzierten Textilien verkauft werden – und haben so im vergangenen Jahr nicht nur einen Umsatz von 200.000 Euro, sondern, da aus ehrenamtlicher Arbeit resultierend und daher steuerbefreit, einen Profit von sage und schreibe 60.000 Euro erwirtschaftet. Der kommt, nach Abzug von Rücklagen, direkt dem Museum zugute – doch der Verein entscheidet selbständig, welchen Wünschen des Museums er nachgibt und welchen nicht. „Durch den Shop sind wir“, betont Heidler selbstbewusst, „beinahe Mitarbeiter des tim.“ Wenn die Jahresabrechnung steht, wird sein Verein entscheiden, ob beispielsweise Geld für Fahrradständer vor dem tim bereitgestellt wird. Am wichtigsten allerdings ist den Mitgliedern natürlich, dass „ihre“ Maschinen betriebsbereit gehalten werden. Reparaturen an den alten Webstühlen gehen bös ins Geld, jedes Ersatzteil ist eine Sonderanfertigung.

Sodass der Verein alleine wohl Murrs Probleme nicht lösen kann. Über seinen Etat mag der Museumschef derzeit nicht reden, für die vom Freistaat angedrohten Radikalkürzungen bei den Museen liegen noch keine konkreten Zahlen vor. Eine Schwierigkeit immerhin wurde schon im vergangenen Jahr gelöst: Die neue Linie 6 der Straßenbahn, ansonsten unter den Nutzern stark umstritten, hält beim tim. Auswärtige Besucher können am Hauptbahnhof einsteigen und kommen ohne Umstieg ins Textilmuseum. Murr hofft nicht nur deshalb auch für dieses Jahr auf einen Abschluss mit sechsstelligen Besucherzahlen.

Fotos: tim (oben), LVR-Landesmuseum (unten)