Terra A: Stellungnahme zugunsten der Karmelitengasse in der Standortfrage Römisches Museum – Teil II
von Dr. Ernst L. Schlee
Heute geht es weiter mit Teil II der Stellungnahme zum Standort des Römischen Museums in Augsburg. Den Teil I finden Sie hier.
II.
Im vorangegangenen Teil wurde festgehalten, dass die Römerstadt in der letzten Phase ihrer Existenz um weit mehr als die Hälfte ihrer Ausdehnung geschrumpft war. Bei gleichbleibender Südgrenze (heute die Linie Hafnerberg-Obstmarkt-Mauerberg) war die Nordgrenze vom tiefer gelegenen Trakt der Pfannenstielwiese auf die Linie Kohlergasse-Jesuitengasse-Äußeres Pfaffengässchen zurückgezogen worden. Bis zirka in das Jahr 1000 nach Christus und damit ein gutes halbes Jahrtausend (wahrscheinlich mehr) dauert es, dass die Siedlung beginnt, sich sukzessive wieder auszudehnen. Im 14. Jahrhundert war dabei jener Umfang erreicht, der mit dem Roten Tor im Süden und dem Wertachbrucker Tor im Norden sowie dem Jakobertor im Osten und dem Königsplatz im Westen angezeigt wird, und gleichfalls bestens bekannt ist, dass dann wiederum Stagnation eintrat und der Verlauf des damaligen Mauergürtels ein weiteres Mal für rund ein halbes Jahrtausend, also bis ins 19. Jahrhundert hinein, unverändert blieb.
Als in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts unter der Ägide des damaligen Kulturreferenten Ludwig Wegele die Dominikanerkirche zur Herberge eines neu einzurichtenden Römischen Museums wurde, konnte man mit dieser Wahl aus mindestens vier Gründen äußerst glücklich sein: das Maximilianmuseum, im Krieg auf wunderbare Weise unversehrt geblieben und bis dato Heimstätte auch der Römersteine, platzte aus den Nähten, immer noch vorhandene Kriegsschäden im Stadtgebiet schränkten die Suche nach einem Ausweichquartier ein, die Dominikanerkirche konnte aus einer langen Geschichte höchst unwürdiger Nutzungen befreit und, mit Begründung durch die geplante Neunutzung, zugunsten ihrer eigenen zukünftigen Erhaltung konservatorisch behandelt werden. Es sei hier offengelassen, inwieweit schon vorher oder auch nachher die in jene Jahre fallende Einrichtung der Deutschen Barockgalerie im nicht allzu weit entfernten Schaezlerpalais die positive, dankbare Stimmung kulturellen Aufbruchs beförderte. Selbst wenn es Ludwig Ohlenroth kurz zuvor gelungen war, den Stadtplan der im Domviertel gelegenen Römerstadt in Grundzügen erstmals klar zu rekonstruieren, dürfte man dies damals nur als Beitrag im Sinne dieses Aufbruchs begrüßt und angesichts elementarer allgemeiner Fortschritte keinerlei Ungereimtheit zwischen der neu gesicherten Lage der Römerstadt einerseits und derjenigen des geplanten Museums empfunden haben.
Seither ist viel Wasser den Lech und die Wertach hinabgeflossen, doch davon die genannte Ungereimtheit nicht weggeschwemmt worden. Das Wachstum Augsburgs verlief nun einmal von seinem Ausgangspunkt im Norden hauptsächlich in südlicher Richtung und dabei mit einer entschiedenen Zentrumsverlagerung. Eine solche Verlagerung ist weder in Köln noch in Trier zu beobachten, gleichfalls nicht in Mainz, wo sich allerdings bereits die römische Zivilstadt von der Lagergegend abgesetzt hatte. Schlecht vergleichbar ist die Augsburger Entwicklung auch mit jener zahlloser anderer Städte, allen voran solchen, die, weil schon anfangs auf flachem Gelände wie Pfannkuchen angelegt, sich immer nur, unter Beibehaltung des alten und häufig modernisierten Mittelpunktes, kreisförmig ausdehnten (exemplarisch seien bezüglich dieser Form in der Nähe nur Nördlingen sowie in der Ferne die berühmte mittelalterliche Metropole Mailand genannt). Ist also die in den 1960er Jahren getroffene Wahl des Predigerbergs als Standort des Römischen Museums aufgrund der damaligen Umstände einigermaßen entschuldbar, so gilt dies weitaus weniger im Fall des jüngeren „Fugger-und-Welser-Erlebnis-Museums“ (nach einem seiner prominenten Besitzer auch ‚Wieselhaus‘ genannt), das bei aller Willkommenheit seiner inhaltlichen Zielsetzung die topographische Ungereimtheit der vormaligen Situierung des römischen Museums in der Dominikanerkirche fortsetzt, indem es seine Thematik – darunter das welserische Venezuela-Unternehmen − innerhalb des Römergeländes präsentiert. Würde aber nunmehr das Römische Museum wieder im Predigerberggelände angesiedelt werden, so wäre dabei erneut gegen den Strom geschwommen beziehungsweise die stadtgeschichtliche Entwicklung topographisch endgültig von den Füßen auf den Kopf gestellt.
Sinnvoll wäre dagegen als ein erster Schritt die Verlagerung der Exponate des Fugger- und Welser-Museums in die nunmehr leerstehende Dominikanerkirche, die sich mit ihrer zweiten Natur als Kaufleutekirche und habsburgische Ruhmeshalle bestens in ihre eigene Umgebung fügt, sind doch die Wohnquartiere beiderseits der Maximilianstraße vor allem diejenigen der (Groß-)Kaufleute gewesen. Man denke dabei voran an den Fuggerpalast, sodann an die Fuggerkapellen in St. Ulrich, an das Fuggerporträt in der Staatsgalerie, aber auch an das Schaezlerpalais als Bau und Galerie. In der Dominikanerkirche, wo die Exponate des Wieselhauses locker in den Kaufleutekapellen Platz hätten, wäre zudem noch genügend Raum für Hinweise zu den ehemals dort vorhanden gewesenen Altären sowie zu Einzelzügen in Geschichte und Baukunst der Umgebung, etwa zur Unterkellerung der Maximilianstraße, zu Innenhöfen, zum Augsburger Phänomen der Doppelkirchen u.a.m. sowie last not least für Veranstaltungen.
Dagegen wäre das Wieselhaus bestens geeignet als etwas, was man sich in Augsburg schon vielfach gewünscht hat, nämlich als ein stadtgeschichtliches Museum. Zumindest wesentliche Strecken der älteren Stadtgeschichte, angefangen bei der Zeit des Hl. Ulrich im 10. Jahrhundert, könnten hier verdeutlicht werden, wobei von vornherein klarzustellen ist, dass die Botschaften keine Konkurrenz, sondern, weil ohnehin rein weltlicher Natur, eher eine willkommene Ergänzung zu denjenigen des nahen Diözesanmuseums bilden dürften. Schon der Standort des Hauses kann ein herausragendes Ereignis in Erinnerung rufen, hat man doch gemeint, dass – längstens vor der Errichtung des Baus, aber genau auf seinem Grund − im Jahre 955 eine große Schar Ungarn in ein gegenüberliegendes Tor der Augsburger „Burg“ einzudringen versuchte (Einmündung des Anstoßgässchens in das Äußere Pfaffengässchen). Zwar spielte sich das Ereignis aller Wahrscheinlichkeit nach an einer anderen, weiter südlich gelegenen Stelle ab (sie lässt sich noch bezeichnen), doch ist die Burg von Augsburg, die von den Ungarn bestürmt wurde, zweifelsfrei das den Dom mit umgreifende, weiter oben schon in seinen Grenzverläufen und als Schrumpfteil der früheren Römerstadt beschriebene Gelände. Bischof Ulrich umgab es mit einer Wehrmauer, deren Nachfolgerin aus dem 14. Jh. im ganzen Nordverlauf an vielen Stellen sich erhalten hat und aufgezeigt werden kann. Thema im Museum brauchte dabei nicht nur die mit der Schlacht auf dem Lechfeld – sie geschah am Tag nach der Bestürmung Augsburgs – erfolgte Wende in der europäischen Geschichte zu sein (das Ende der Sarazeneneinfälle aus dem Süden bis in die Schweiz, der Raubzüge der von Norden über die Flüsse landeinwärts bis nach Paris drängenden Wikinger, der Stürme zündelnder, sengender und brennender Ungarn aus dem Osten, teils über Frankreich bis nach Italien hinein). Allgemein interessant ist die Burg auch als früher, rarer Siedlungstyp, wobei die zeitgenössische, im Augsburger Stadtnamen enthaltene Bezeichnung ‚Burg‘ nach damaligem, mittelalterlichem Sprachgebrauch nichts mit Ritterburgen zu tun hat, sondern rechtlich ein Stadtgebilde meint und auf ‚Bürger‘/‘Bürgerin‘ vorverweist. Manches Lehrreiche lässt sich zur ‚Füllung‘ dieses Areals mitteilen. Mit an vorderster Stelle dürfte der architektonische Werdegang des Doms in knappen Zügen zu präsentieren sein. Ab einer bestimmten Zeit schmeckte es den wichtigsten Helfern des Bischofs, den späteren Domherren/Domkapitularen, nicht mehr, im engeren Dombereich ein klösterliches Dasein zu führen, weshalb sie das nordöstliche Viertel der Burgfläche – die Pfaffengässchen! – besiedelten. Wie es scheint, gab es hier zuvor eine Freifläche, die, unter anderem im Hinblick auf Vieh, im Zusammenhang mit der Fluchtburgfunktion des ganzen Burgareals zu sehen ist. Später diente eine westlich an den Dom anschließende Freifläche als Turnierplatz. Im östlichen Teil konvergieren die Gassen mehr oder weniger alle auf das Osttor als den wichtigen Zugang zum Lech hin.
Für das Verständnis des weiteren Wachstums der Stadt – soweit es nach Norden, also über ehemaliges Römerstadtgelände hinweg gerichtet war – ist wichtig zu wissen, dass Kohler- und Jesuitengasse zuvor „Auf unserer Frauen Graben“ hießen (wobei mit der Frau die Dompatronin Maria gemeint war). Der Graben aber war der vor der Wehrmauer (siehe oben) eingetiefte Verteidigungsgraben. Als sich die Siedlung weiter ausdehnte, schuf man bei der Thommstraße eine neue Linie mit Wehrmauer und tiefem Graben, mit dessen Erde man denjenigen von Kohler- und Jesuitengasse zuschütten und zu Verkehrsadern machen konnte.
Auch zu den allmählichen Erweiterungen des Stadtareals in die anderen Himmelsrichtungen sollten Hinweise ergehen, etwa mit den nur noch in Abbildungen existenten Toren in der Frauentorstraße (mit Lage noch in der Burg), der Heilig-Kreuz-Straße (hier war von Seiten der nach Süden weiter gewachsenen Stadt eine westliche Umgehung der Domburg notwendig geworden) und bei der Barfüßerkirche an der Grenze zur Jakobervorstadt. Nachdem die Tore lange Zeit als Außentore fungierten, wurden sie nach weiteren Ausdehnungen des Stadtgeländes als Binnentore für lange Zeit noch beibehalten. Selbstverständlich bedarf auch die Schlossermauer als lange Zeit gültig gewesene Stadtgrenze der Erwähnung.
Doch haben wir vorgegriffen. Denn die mit der Schlacht auf dem Lechfeld erzielte Lage erlaubte nicht nur ein Wachstum Augsburgs über den von Bischof Ulrich geschaffenen Mauerring hinaus, sondern führte auch allgemein nördlich der Alpen zum Erblühen eines Teppichs neugegründeter, anfangs nur dorfgroßer, aber mit eigenem Rechtsstatus versehener Städte. Zaghaft beginnt die Gründungswelle noch im 11. Jahrhundert, um sich im 12. und 13. schwunghaft fortzusetzten. Gründer sind in Süddeutschland die damaligen Fürstenfamilien, hauptsächlich die Zähringer, Staufer und Wittelsbacher. Zu diesen Zeiten – genauer: 1158 – vernimmet man mehr als tausend Jahre nach Etablierung der Augusta von einem Dokument, das in ihr zum Wohle eines gewissen an der Isar gelegenen Dorfes Munichen verfasst wurde.
Damit gewinnt allgemein allmählich neben Adel und Geistlichkeit das Bürgertum an Konturen. Selbstbewusstsein gewinnt es allerdings besonders in den altehrwürdigen Städten vom Typ Augsburg. Wie anderenorts gehen auch in Augsburg mit dem Flächenwachstum Reibungen zwischen sozialen Gruppen und Kämpfe um die Macht in der Stadt einher. Wichtig ist hierbei als Ausgangspunkt das Faktum, dass im Niedergang des Römerreiches Bischöfe überall zu Stadtherren im ganz weltlichen Sinne aufgestiegen waren. Noch Jahrhunderte später beleuchtet der Hl. Ulrich in seiner Rolle als Kommandeur bei der Verteidigung der Burg gegen die Ungarn diese allgemeine Tatsache exemplarisch. Als aber nicht viel später die „Pfaffen“ in die Pfaffengässchen ziehen wollen, knistert es innerhalb der geistlichen Hierarchie. Auch dies kein Augsburger Sonderfall. Aufs Ganze bedeutsamer aber ist das unaufhaltsame Streben der Bürger nach Unabhängigkeit von der bischöflichen Herrschaft und größtmöglicher Selbstverwaltung. Hierauf kann der Burggrafenturm an der Peutingerstraße seine Lichter werfen. Nicht nur in den alten rheinischen und den südlich der Donau gelegenen Bistümern greift dieses teils mit blutigen Kämpfen verbundene Streben um sich, sondern auch in den inzwischen im ehemaligen ‚freien Germanien‘ neu gegründeten. Während nun bekanntermaßen Augsburg die Befreiung und direkte Unterstellung unter Reich und Kaiser gelingt und diesen Status bis zum Ende des Alten Reichs (1806) halten kann, ist sie bei den alten römischen Provinzhauptstädten am Rhein nur Köln geglückt. Trier blieb dauerhaft (erz)bischöflich, Mainz musste nach einer gewissen Freiheitsphase 1462 resignieren. In der weiteren Umgebung Augsburgs blieben die Bischöfe in ihrer Herrschaft sämtlich unangefochten (Salzburg, Passau, Freising, Eichstätt, ferner Würzburg nach schweren Kollisionen). Zur Verdeutlichung ihres auch von vielen anderen Städten geteilten Strebens nach Unabhängigkeit von geistlicher oder weltlicher Fürstenherrschaft gibt es zum Glück sprechendes Augsburger Bildmaterial, das, unter dem Stichwort ‚Mäusekrieg‘ leider bisher eher unbekannt als bekannt, in seiner gleichermaßen plakativen wie humorigen Art beleuchtet, was mit dem Terminus „Freie Reichsstadt“ gemeint ist (betrifft neben Augsburg alte/ehemalige Bischofsstädte wie Regensburg, Straßburg, Speyer, Worms u.a., die, neben Städten mit anderer Herleitung ihrer Reichsfreiheit wie Frankfurt und Nürnberg zur Abhaltung von Reichstagen bestimmt wurden).
Ferner ist daran zu denken, dass das vermögende Bürgertum in Spannung zum Landadel geriet, der es mit Überfällen von Warenzügen das Fürchten lehrte. Von Götz von Berlichingen, dem Ritter mit der eisernen Hand, als einem Exponenten des Raubrittertums hat schon jeder gehört. Er wurde gefangen und saß ein im Heiligkreuzertor, als dieses längst schon Binnentor geworden war. Er konnte dort aber nur einsitzen (und übrigens entkommen!), weil man die Binnentore beibehalten hatte. Diese hatte man auch deswegen beibehalten, weil man sie immer dann schließen konnte, wenn Aufruhr von Seiten der sozial schwachen Bevölkerung (hauptsächlich Weber) drohte, die jenseits der Tore siedelten.
Abschließend sei um Verständnis gebeten, wenn unsere Ausführungen zur Umsiedlung der Bestände des Wieselhauses in die Dominikanerkirche und zu den nachrückenden Präsentationen im Wieselhaus nicht spezielle Originale (doch siehe weiter unten) und diverse Medien, sondern nur Themenkreise ansprachen. Für ausgefeilte Planungen wäre hier ohnehin kein Platz. Auch ist die Möglichkeit der Einigung in besitzmäßigen und trägerschaftlichen Fragen stillschweigend vorausgesetzt. Im Falle des Wieselhauses wäre eventuell eine Mitbetreuung durch das Museum in der Karmelitengasse denkbar, hätte doch dieses im Idealfall eines oder mehrere seiner Pinienzapfendenkmäler herzuleihen, da, wie es scheint, der Pinienzapfen niemals ohne Mitwirkung der Domgeistlichkeit zum Augsburger Wappenmotiv avanciert wäre. Offen lassen wir auch, welch nähere Benennung die Dominikanerkirche erhalten sollte (weiterhin ‚Fugger und Welser-Erlebnismuseum‘?, ‚Goldenes Augsburg‘?) Das Wieselhaus könnte unter ‚Burgmuseum‘ oder ‚Haus zum Pinienzapfen‘ firmieren.
Anmerkung: Wer die Themenkreise als allzu schemenhaft angerissen empfindet, kann bezüglich einiger Stichworte mehr erfahren in folgenden Darlegungen des Verfassers:
- „Vom Ungarnsturm zum Mäusekrieg und darüber hinaus. Streiflichter auf die Entwicklung Augsburgs von der Burg zur Stadt“, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, Band 115 (2023), S. 163-216;
- „Pinienzapfen und Paradiese, Weintraube und Minnetrunk. Fragen und Mutmaßungen zu den Entstehungsgeschichten der Siegel und des Wappens der Stadt Augsburg“, in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte, Band 57 (2023), S. 61-93;
Zur zweiten Natur der Dominikanerkirche:
- „Perspektivierungsversuche bei Augsburger Werken der Maximilianszeit“, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, Band 113 (2021), S. 171-203, (zur Kirche: 178-180).
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