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Dienstag, 23.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Swing-Bop-Funk-Blues

Rosario Giuliani mit seinem Quartett im Botanischen Garten

Von Frank Heindl

Rosario Giuliani: Ideenreichtum bis an die Grenzen der Lunge. Foto: Giampaolo Solito

Rosario Giuliani: Ideenreichtum bis an die Grenzen der Lunge. Foto: Giampaolo Solito


Es ging noch ganz gemächlich mit einer Swingnummer los – Rosario Giuliani stieg mit „More than ever“ recht traditionell ein und wir waren, offen gestanden, schon fast ein wenig enttäuscht. Auch dann noch, als er in der Mitte des Stücks von den Viertel- auf die Achtelnoten umstieg. Die Erwartungen waren hoch: Schließlich hatte Festivalleiter Christian Stock das Konzert im DAZ-Interview als absolutes Highlight angekündigt. Als dann Sechzehntel und schnelleres draus wurden, hatte Giuliani uns zumindest schon mal handwerklich mehr als überzeugt: Was der Mann aus seinem Altsax holt, liegt an der Obergrenze dessen, was man technisch überhaupt für möglich hält. Brillant sind allerdings viele, und so brauchte es immerhin noch den Anfang des zweiten Stückes, bis wir restlos überzeugt waren, dass wir mal wieder einem außergewöhnlichen Jazzereignis beiwohnen durften.

Zunächst mal die Band: Der Italiener hat sich aus Paris den Drummer Benjamin Henocq geholt, einen Routinierten Rhythmusgeber, der in den entscheidenden Momenten (und das sind im Jazz bekanntlich alle) weit mehr als nur dieses tat. Mit den Mitmusikern oft abgewandtem Blick setzte er traumwandlerisch sicher diese klitzekleinen Akzente, die nur wahrnimmt, wer haarscharf aufpasst, die man aber sofort vermissen würde, wenn sie nur einen Takt lang fehlten. Henocq glänzt in seinen Soli überragend, ist aber auch in den „Standardsituationen“ mehr noch als Bass und Piano die tragende Säule eines Quartetts, dessen Qualität auch in einem feinnervigen, rhythmisch extrem ausdifferenzierten Feeling Sound zu suchen ist, voll knalliger, überraschender und spannender Breaks.

Aus den USA kommt der Bassist Darryll Hall dazu, ein Musiker mit Welterfahrung, vor allem bekannt aus dem Trio von Cedar Walton. Wer in so einer Band spielt, der hat wohl ganz automatisch Berührung mit den tiefen wurzeln des zeitgenössischen Jazz – bei Walton reichen sie zurück zu John Coltrane, zu Kenny Dorham, zu Art Blakey. Und, wen wundert’s, auch Giuliani selbst hat mit Walton intensiv gearbeitet. Hall steuert zu diesem Abend einige Soli, die mit „wunderbar“ nur äußerst mangelhaft charakterisiert sind. In der Tat sind sie nicht nur „schön“ im Sinne einer atemberaubenden Melodie- und Tonführung, sondern auch in der Art und Weise, wie sie Struktur und Sinn der Stücke elegant und transformiert auf anderer Ebene widerspiegeln, ohne dabei artifiziell zu wirken.

Dann ist da noch der Römer Pietro Lussu am Flügel. Ebenfalls einer, der auf der Metaebene zu spielen weiß, sich aber aus dem Gebiet der Andeutungen und Spielereien ganz schnell in sehr handfeste Gefilde zu begeben weiß: Dann er atemberaubend los, verbindet nahtlos differenzierte Fingerfertigkeit, geradezu brachiale Dynamik und Türme aus immer wieder aufregenden Akkordverbindungen zu nicht enden wollenden Furiositäten.

Vier Virtuosen also, die sich – und erst das macht die Klasse aus – zu einem Stil vereinen, der aus vielen Stilen besteht. Der erwähnte Eingangsswing gehört dazu, der darauf folgende Hardbop, die eingestreuten, ganz auf Wohlklang bedachten Balladen, die wenigen, aber ausdrucksstarken funkigen Phrasen, die das Spektrum der Band verbreitern – und, große Überraschung, Giulianis Sax phasenweise geradezu nach Maceo Parker klingen lassen. Mit solchen Elementen wird jongliert, wird gespielt, über sie verfügt die Band als einen Fundus von Werkzeugen, mit denen immer wieder neues gebastelt wird – ohne dass es sich am Ende zugebastelt anhören würde. Und Giuliani bläst und überbläst, ringt manchmal japsend nach Luft, weil sein Ideenreichtum sich nicht mit den Leistungsgrenzen der Lunge abfinden mag, spielt gegen Ende minutenlang ganz unbegleitet sein Innerstes nach außen, reiht stilistisch eine Überraschung, ein Highlight ans andere. Und gibt dem Publikum – nach lauter Eigenkompositionen – als Zugabe ein gediegenes, selten so durchhörbar klar dargebotenes Thelonious-Monk-Stück mit nach Hause: „Misterioso“ erklang erdig bluesig und blieb als Ohrwurm noch lange haften…