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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 13.08.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

MEINUNG

Streit ums Friedensfest

Wie soll man das Augsburger Friedensfest feiern? Wie entstand dieses Fest, was könnte Eva Weber meinen und worauf beruft sie sich, wenn sie eine „Entwidmung“ dieser Veranstaltung fürchtet? Diesen Fragen geht DAZ-Autor Bernhard Schiller mit gewohnter Scharfsinnigkeit nach.

Prospekt der Stadt Augsburg zum Friedensfest

Das Augsburger Hohe Friedensfest war ursprünglich eine rein protestantische Angelegenheit. Die hiesigen Protestanten zelebrierten damit das Ende ihrer Unterdrückung durch die Katholiken im 30-jährigen Krieg. Erst kurze Zeit vor dem 2000-jährigen Stadtjubiläum – und damit vor noch nicht einmal 40 Jahren – kam man auf die Idee, aus dem Hohen Friedensfest eine gemeinsame, ökumenische Veranstaltung zu schmieden. Von seinem “historischen Kern“ (Eva Weber) wurde das Friedensfest also bereits befreit, als das Mittelmeer noch kein Massengrab war.

Die Bezeichnung „Friedensstadt“ taucht in Bezug auf Augsburg erstmals im Jahr 2005 auf. Anlässlich der 450-Jahr-Feier des Augsburger Religionsfriedens unterzeichneten damals der Europaabgeordnete und Vorsitzende der schwäbischen CSU, Markus Ferber, Prof. Karl Ganser, Weihbischof Dr. Josef Grünwald, Friedenspreisträger Helmut Hartmann, Stadtdekanin Susanne Kasch, Prof. Eckart Nagel (Nationaler Ethikrat) sowie der damaligen Regierungspräsident Ludwig Schmid als Kuratorium eine Papier, mit der eindeutigen Zielsetzung, „die Stadt Augsburg als ‚Friedensstadt‘ zu profilieren“.

Die Stadt solle zu einem „geachteten und beachteten Zentrum für die permanente Friedensarbeit werden.“ Das Kuratorium verwies außerdem auf die „vielen hundert Mitmachprojekte“ und ein Kulturprogramm, in dem sich „die ganze Stadtgesellschaft wiederfinden“ konnte.

Dieses neu entwickelte Kulturprojekt erbte drei Jahre später der 2008 erstmals zum Oberbürgermeister gewählte Kurt Gribl. Unabhängig davon fällt es in seinen Verantwortungszeitraum, das Etikett „Friedensstadt“ großflächig etabliert und mit ihm das Versprechen an die Stadtgesellschaft verstärkt zu haben. Wer etikettiert, macht ein Versprechen.

City of Peace – Marketing

Den nächsten großen Säkularisierungsschritt unternahm das Friedensfest dann im Jahr 2011 unter der Regie von Kurt Gribl beziehungsweise der Regie seiner PR-Verantwortlichen. Damals gastierte die FIFA-Frauen-WM mit drei Vorrunden- und einem Viertelfinalspiel am Lech. Kurzerhand stampfte man unter Einbindung zahlreicher Akteure einer zu dieser Zeit gerade ziemlich virulenten kulturellen Off-Szene ein Rahmenprogramm aus dem Boden, das aus einer beschaulichen Stadt mit einem seltsamen Feiertag eine „City of Peace“ annoncierte. Das Motto des Rahmenprogramms lautete: „Geh hin und Du wirst ein besserer Mensch.“ Als die Welt zu Gast bei den Fuggern war, musste dick aufgetragen werden.

Gribl und Co. entwidmeten das Friedensfest

Es ist also OB Kurt Gribl der die von Eva Weber befürchtete „Entwidmung“ des Augsburger Friedensfestes vorangetrieben hat. Profitiert haben davon einige Künstler und andere Akteure aus der Kulturszene, die sich in das seither jährlich stattfindende „Rahmenprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest“ einbringen.

Profilieren sollte sich die ganze Stadt, die sich nun neben den ohnehin schwer begreifbaren Marken „Brechtstadt“ „Fuggerstadt“ und „Mozartstadt“ sowie der Selbstverstümmelung als „Universitätsstadt“ auch noch mit dem anspruchsvollen Titel „Friedensstadt“ herumschlagen muss.

Dass sich unter dem Label „Friedensstadt“ kaum ernstzunehmende politische Substanz verbirgt, hält die Stadtregierung nicht davon ab, Kontrolle und Deutungshoheit über die zweckmäßige Verwendung des Etiketts besitzen zu wollen. Deutlich zeigte das Gribls Intervention anlässlich einer Veranstaltung mit dem ehemaligen APO-Aktivisten und Kaufhausbrandstifter Thorwald Proll im Jahr 2017.

Und im Kampf um die Deutungshoheit des Friedensfestes zeigte es OB-Kandidatin Eva Weber, die als „hundertprozentige Verfechterin unseres Rechtsstaates“ den Anspruch erhob, zu definieren, welche Form von Protest „richtig“ und welche Form „falsch“ sei. „Die Haltung ist die richtige, die Form die falsche“, steht da wortwörtlich über Webers Stellungnahme zu lesen. Wir sprechen – wohlgemerkt – von gewaltlosem, von der Verfassung geschütztem Protest.

Friedensfest als Etiketten-Farce

Die Demonstranten der „Seebrücke“ mit ihren orangefarbenen Westen stören die gewohnte Ästhetik und das gewohnte Prozedere der Friedenstafel auf dem Rathausplatz, aber vermeiden lässt sich das nicht. In einer globalisierten Welt kann eine Stadt sich nicht selbst als Friedensstadt feiern – und dazu nur Sonntagsreden schwingen. Ohne Selbstverpflichtung, ohne politische Zielsetzungen bleibt das städtische Friedensfest eine Etiketten-Farce.

Die Frage, dass es keinen Inhalt ohne Form geben kann, ist längst von der Erkenntnisforschung geklärt. Auch die schwierigere Variante (Form ohne Inhalt) ist nicht denkbar, so die Forschung, die offensichtlich die Legende von der Friedensstadt Augsburg nicht kennt. Dass Form auch ohne Inhalt möglich ist, beweist nämlich das Etikett „Friedensstadt“ bravourös.

Das Kuratorium von 2005 forderte, dass „Augsburg (…) sich als ein Mittelpunkt der Forschung und des theoretischen Diskurses über die kulturellen und religiösen sowie die politischen Bedingungen von Friedensfähigkeit“ etabliere. Das sei „die unverzichtbare theoretische Basis für alle denkbaren Veranstaltungen und Inszenierungen der Friedensstadt Augsburg“. Entscheidend, so die Kuratoren damals weiter, sei, „dass die Stadt Augsburg ‚Programm-Freiheit‘ gewährt“ und sogar „abfordert“.

Thematische Überforderung der Stadt

Auch für seine rechtswidrigen Protestaktionen gegen die AfD brachte Gribl das Etikett „Friedensstadt“ in Stellung. Als eine gewisse Frauke Petry Anfang 2016 zum Neujahrsempfang der Augsburger AfD kam, kassierten die Gerichte des Rechtsstaats Gribls Versuch, ihr ein Hausverbot im Rathaus zu erteilen. Am Gebäude der Stadtverwaltung prangte außerdem ein riesiges Transparent mit der Aufschrift: „Wir sind Friedensstadt!“ Das ist nichts als Symbolpolitik!

Wer als höchster Repräsentant einer Stadtgesellschaft dergestalt willkürlich mit einem Begriff hantiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn Menschen aus der Stadtgesellschaft dasselbe tun. Wenn sich die Stadt Augsburg mit ihrem selbst entwickelten Label „Friedensstadt“ weiterhin überfordert zeigt, wäre es besser, würde sie das Friedensfest wieder den Kirchen zurückgeben.

 



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