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Dienstag, 18.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Streikaufruf ans Publikum

„Die Weber von Augsburg“ auf dem Dierig-Gelände

Von Frank Heindl

„Anziehen“, habe ihr Vater gesagt, „brauchen die Leute immer“ – erzählt die Stoffdesignerin. Tatsächlich: Auch heute geht keiner nackt. Aber einen sicheren Job hatte die Dame dann doch nicht: In Fernost wird billiger produziert. Die Ökonomie des Marktes hat noch nie dem „gesunden Menschenverstand“ der kleinen Leute entsprochen, und doch retten sich auch heute noch die Bauern mit dem Argument, Milch werde immer getrunken. „Die Weber von Augsburg“, die neue Produktion des Stadttheaters, die ihre Authentizität auch darin sucht, dass sie sozusagen an der Stätte des Geschehens aufgeführt wird – in den Pferseer Dierig-Werken nämlich – begibt sich mitten hinein ins grausame Wirtschaftsleben, manövriert hart zwischen „echtem Leben“ und klischeehafter Wahrnehmung, nimmt viele, manchmal allzu viele Fäden auf und darf am Ende doch als Erfolg bezeichnet werden.

Daran haben die Schauspieler großen Anteil, die, wie man hört, allerorten ein hohes Maß an Präsenz und Direktheit an den Tag legen. „Wie man hört?“ – nun ja: der Kritiker konnte (leider) nicht alles selbst erleben, muss sich auf Berichte aus zweiter Hand verlassen: Denn gleich zu Beginn wird die Besucherschar in sieben Gruppen aufgeteilt, von denen jede eine gute Viertelstunde lang einer eigenen Vorstellung irgendwo auf dem weitläufigen Dierig-Gelände folgt. Der Kritiker erlebte die besagte Designerin, gespielt von Franziska Arndt. Und ein paar Zuschauer, die sie nicht aus früheren Rollen kannten, waren eine ganze Zeit lang der Ansicht, man habe ihnen eine echte Ex-Textilerin vorgesetzt, die von alten Zeiten erzählte, als es „das Damenhafte“ noch gab in der Mode.

Falsche Details, langweiliges Gelaber?

Augsburger Weber, in die Enge getrieben: Franziska Arndt als Annie (vorne links), Eva Maria Keller als Hilde Gruber und Eberhard Peiker als Franz Ries

Augsburger Weber, in die Enge getrieben: Franziska Arndt als Annie (vorne links), Eva Maria Keller als Hilde Gruber und Eberhard Peiker als Franz Ries


Und schon hier gab es im Publikum erste Missverständnisse. Auch auf sonst eher theaterfernes Publikum spekulieren Regisseur Harry Fuhrmann und Intendantin Juliane Votteler – es sollen jene Menschen ins Fabriktheater kommen, deren Geschichte im Stück verhandelt wird. Vor allem auch jene, die in Interviews ausführlich Auskunft darüber gaben, wie es früher zuging in Augsburgs Textilindustrie, und deren Statements zum Theatertext verdichtet wurden. Manchem gingen dann Verdichtung und Abstraktion zu weit: So sei es bei Riedinger nie gewesen, schimpfte eine aufgebrachte Dame nach der Designer-Szene und zählte enttäuscht die „falschen“ Details auf. An anderer Stelle wurde über „langweiliges Gelaber“ genörgelt: Man sei schließlich gekommen, um Konkretes zu erfahren.

Um Informationsdefiziten vorzubeugen, haben Fuhrmann und seine Dramaturgin Christiae Wiegand in den weiteren Verlauf des Stückes eine Art Moderator eingebaut: Mattes Herre gibt als „Herr T.“ immer wieder Einblick in die historische Situation, verortet Szenen anhand konkreter Daten und Fakten. Das klingt manchmal dröge, bremst mitunter allzu sehr und schafft damit auch noch neue Verwirrung: Was ist nun „Original“ und was „verdichtet“? Was hat sich genauso abgespielt und was wurde zum „Typischen“ stilisiert? Darüber herrscht gelegentlich heftige Unklarheit. Die slapstickhafte Szene etwa, in der der deutsche Unternehmer mit dem Bus nach Griechenland fährt, um Bauern direkt vom Feld weg für seine Webmaschinen zu engagieren: Auch der Kritiker würde sie als reine Karikatur verstehen, hätte Firmenchef Christian Dierig ihm nicht wenige Tage zuvor genau diese Story erzählt – als authentisches Vorkommnis.

Vom Arbeiter zum Maschinenwesen

Neue Identität in der neuen Heimat: Christine Diensberg als Arbeiterin Dilek Chan

Neue Identität in der neuen Heimat: Christine Diensberg als Arbeiterin Dilek Chan


Fuhrmanns Inszenierung hält sich im Wesentlichen an sein Vorhaben, keine Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Zu ihren großen Leistungen gehört, dass sie nicht eine Minute lang falsche Romantik aufkommen lässt. Es gibt keinen Rückblick auf die „schönen alten Zeiten“ der Textilindustrie, schon in den ersten Szenen verwandeln sich die Augsburger Arbeiter und Arbeiterinnen in ein roboterhaftes Maschinenballett, schon bald steht fest, dass nur die Jungen das Tempo halten können und dass auch sie sofort durch Maschinen ersetzt werden, wenn letztere billiger sind. Von „Ausbeutung“ ist kein einziges Mal die Rede, und doch ist stets mit Händen zu greifen, dass es um das Wohl der Menschen zuallerletzt geht. „Wer hat gesagt, dass die Textilindustrie eine angenehme Industrie ist?“, fragt jemand sarkastisch, und schon ist das Thema Nostalgie erledigt.

Viele bewegende Momente liefert das Stück: Sei es Christine Diensberg, die als Dilek Chan fern der Heimat Selbstbewusstsein und Identität gewinnt; sei es Eberhard Pieker, der als Meister Ries der Rentabilität und Effizienz verpflichtet ist und doch beinahe verzweifelt, als er zu entscheiden hat, welche seiner Leute entlassen werden; sei es Eva Maria Keller, die als Gruber Hilde darum bettelt, die wenigen Jahre bis zur Rente weiterarbeiten zu dürfen – „Treue muss doch belohnt werden!“ Diese mitreißenden Momente lassen über manche Plattitüde hinwegsehen – Michael Jacksons „Earth Song“ als Untermalung für die Präsentation eines chinesischen T-Shirts etwa und gar noch ein naives „I will survive“, als schon der Untergang droht.

Die „Kollegen“ recken die Arme

In einem ergreifender Schluss spannt die Inszenierung schließlich den Bogen von den Baumwolle pflückenden Plantagenarbeitern in der Neuen zu den Textilern in der Alten Welt, zu Möwengeschrei und Wind und Wellen wird ein Weberschiffchen über das große Wasser gezogen. Wäre das denn der Schluss gewesen. Doch nun folgt noch ein Hinweis auf die nicht weniger triste Gegenwart, stürzen sich shoppende Frauen auf sensationell günstige Damenwäsche am Wühltisch, schildert eine Gewerkschafterin aus Bangladesh den Kampf um Arbeiterrechte in der Dritten Welt. Das ist dann viel Sozialkundeunterricht und wenig Theater, ist viel Wahrheitssuche im Sinne von Daten und Fakten. Etwas mehr Mut zur Auswahl und Beschränkung hätte Fuhrmanns Team gut getan, etwas mehr Mut, der platten Wirklichkeit die subjektive Wahrheit des Theaters gegenüberzustellen. Zu den stärksten Momenten des Stückes gehört jener, als die verzweifelten Arbeiter das Publikum als „Kollegen“ ansprechen und zur Abstimmung über den Streik aufrufen. Da recken die meisten Zuschauer die Arme und ergreifen Partei, auch wenn der Streik, „rein faktenmäßig“, damals nicht geholfen hat. Vielleicht einfach nur, weil die Ökonomie des Marktes den kleinen Leuten heute immer noch nicht einleuchtet.